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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-05-01 · Heft 5 (Mai 1920) · p. Seite 88

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 5 (Mai 1920)
Date
1920-05-01
Page
Seite 88 (sequence 8)
Language
German
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— 88 — Aber auch von weniger hoher Warte aus gesehen, bietet der Wahlkampf viel beachtenswertes, hat er doch gezeigt, in welch demagogischer Weise Orthodoxe und Zionisten zu arbeiten verstehen, wenn es gilt auf den Stimmenfang zu gehen. Es bedeutet für die Entwicklung des Liberalismus nicht gerade den günstigsten Nährboden, daß seit fast 20 Jahren in Breslau zu den Repräsentantenwahlen kein Wahlkampf stattgefunden hat, vielhiehr war eine Erschlaffung, des Interesses an den Aufgaben der hiesigen jüdischen Gemeinde eingetreten. Die in Geltung gewesenen, bei den Mittelparteilern ach 39 beliebten Kompromißlisten, die so viel Raum für Schwankende boten, wären vielleicht auch diesmal zu ihrem Rechte gekommen, zur Freude aller, die einer klaren Scheidung der Geister widerstreben, oder wie vorgegeben wurde, um dem Antisemitismus keine neue Nahrung zuzuführen. Wie der Geist, der das Böse will und das Gute schafft, trat die zionistische Partei auf dien Plan und ließ durch ihre Forderungen die bereits angebahnten Verhandlungen scheitern, Verhandlungen, die durch übertriebene Ansprüche der Orthodoxie (man verlangte 9 von den 21 Sitzen) gekennzeichnet wurden. Nachdem der Gedanke einer Kompromißliste gescheitert war, erschien zur Ueberraschung , der jüdischen Allgemeinheit in den Tageszeitungen ein Aufruf unterzeichnet von den „Vereinigten positiven jüdischen Parteien und gleichzeitig ein verschwommenes allgemein gehaltenes Flugblatt, das die Vereinigten jüdischen Parteien als Sammelpunkt von Männern aller Parteischattierungen anpries, so daß es erst einer Feststellung seitens des liberalen Wahlausschusses dahin bedurfte, daß hinter den Kulissen dieser Koalition Zionisten und Orthodoxe standen, die sich zu dem löblichen Tun vereinigt hatten, die liberale Mehrheit in der Repräsentanz zu stürzen. Diese unehrliche Kampfesweise setzte man in der Folgezeit fort, als man sah, daß die jüdische Wählerschaft für das aufgestellte Programm nicht zu gewinnen war. Der letzte Trumpf unserer Gegner war, daß sie sich päpstlicher gebürdeten als der Papst, indem sie sich der liberalen Liste gegenüber als die „demokratische" bezeichneten, und so mit vollem Bewußtsein den Kampf der geistigen Richtungen in der Gemeinde so darzustellen versuchten, als ob hier die Frage der mehr oder weniger demokratischen Ausgestaltung der Gemeindeverfassung die einzig zur Diskussion stehende wäre. Die Wähler ließen sich nicht täuschen; denn das hatten beide Parteien klar erklärt, daß sie für weitgehendste Demokrati-

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