Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-05-01 · Heft 5 (Mai 1920) · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 5 (Mai 1920)
Date
1920-05-01
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
100% known words query
IRI
…/2550626-2550633-2550638--123-2550839
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 87 — Und warum sollen wir unser Dasein bejahen, da es doch vielleicht bequemer wäre, es zu verneinen? Eine Fülle von Fragen, die sich ergibt. Wie ja überhaupt das Nachdenken über den Sinn des Seins immer neue und wieder, neue Fragen gebiert. Wir wollen uns heute mit der Feststellung begnügen, die die Voraussetzung sein muß und ist für den weiteren Aufbau: Juden sind wir, weil wir als Juden geboren sind, weil die Tatsache einmal gegeben ist. Den jungen Juden, der um sein Judentum ringt, weil sein Denken ihn in Widerspruch geraten läßt mit den Sätzen des Glaubens und weil in seinem Handeln keine jüdische Seite zu finden ist, mögen diese Zeilen zum Nachdenken anregen über den Grund seines Seins. Über den Grund der Bejahung unseres jüdischen Daseins und über seinen Zweck wollen wir in einem nächsten Aufsatz sprechen. Wolf. Breslauer Repräsentanten-Wahlen 1920. Im Februar stand das jüdische Leben Breslaus im Zeichen der Repräsentantenwahlen, deren Vorbereitungen auch die Arbeit unseres Jugendvereins stark in Anspruch nahmen. Warf man in der letzten Zeit einen Blick in die zionistische Tagesliteratur, so sah man allenthalben mit mehr oder weniger Geschick die Anschauung vertreten, daß der Krieg, wie in den anderen Ländern, so auch in Deutschland die Mehrheit der Juden ins zionistische Lager getrieben habe. Konnte man an dieser mit Wärme vertretenen Anschauung gegenüber auch manchen Zweifel hegen, wenn man an den lebhaften Aufschwung im Centraiverein dachte, wenn man die liberale Jugend sich regen sah, so fand diese Behauptung doch viel Gehör und Anklang. Schon weil sich bei den Breslauer Repräsentantenwahlen Gelegenheit bot, die zionistischen Prophezeiungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, sind die stattgehabten Wahlen auch über Breslau hinaus des Interesses wert, sind es doch die ersten Repräsentantenwahlen, die seit Beendigung des Krieges in einer jüdischen Großgemeinde Deutschlands stattgefunden haben. Die Wahlen haben gezeigt, daß das liberale Judentum keine Phase in der jüdischen Geschichte ist, die, wenn man den Zionisten glauben wollte, bereits der Vergangenheit angehört; sie haben vielmehr allen, die hören wollen, erwiesen, daß der Liberalismus zu fest in der deutschen Judenheit verankert ist, als daß er durch eine radikale zionistische Agitation zurückgedrängt werden könnte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.