Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 5 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— m — Und noch heute bedeutet für Viele dies die Lösung des Problems, wer sich Jude nennen darf. Die Frage, die auch heute noch unter der Jugend! so brennend ist: Sind wir Juden, auch wenn wir keinen Glauben haben und nicht nach jüdischem Gesetze leben? diese Frage, unbedingt bejaht, bedeutet für viele ringende Seelen in Wahrheit die Erlösung. Denn sie wollen Juden sein; aber wenn sie ehrlich sind, dürfen und können sie nicht Jude sein, weil auf der einen Seite das Gesetz, auf der andern der Glaube hindernd im Wege stehn/ Darum fanden so Viele den Weg zum Zionismus, weil er ihnen ihr Judentum ließ, ohne sie auf ein Gesetz, das sie nie beachteten, zu verpflichten und ohne ihnen ein Glaubensbekenntnis, dem ihre Seele fremd gegenüberstand, abzuringen. Die Frage: wer ist Jude, besteht in ihrer ganzen Größe noch heute. Die Jugend will das Judentum; aber sie kennt den Weg nicht, auf dem sie zu ihm gelangt. Zwei Aufsätze in der Januarnummer unserer Mitteilungen sind typisch für den Willen und die Frage, die sich dem Wissen entgegenstellt. „Unser Wille", sagt der eine, „den Weg zu gehn, der zum Judentum führt, ist stark und fest, nur ist der Wegweiser noch nicht gefunden." Gleichsam als Antwort sagt in dem anderen Aufsatze, den ich meine, Ludwig Ries: „Der Weg afcer ist der Wille." Aber was hier der Weg zum Judentum genannt wird, der Wille diesen Weg zu gehn, das Sein, aus dem dieser Wille geboren ist, ist bereits Judentum. Was uns als Erstes gegeben ist, das ist unser jüdisches Dasein selber. Wir haben dies Dasein als eine Tatsache nur zu bejahen und wir sind Juden. Ein Schüler, den ich kürzlich fragte: Warum bist du Jude? antwortete: Weil mein Vater Jude ist. Die Antwort ist richtig. Wir sind Juden, weil unser Sein ein von der Natur bestimmtes ist. Eindeutig ist damit die Frage beantwortet: „Wer ist Jude." Aber kann uns die Feststellung dieser Tatsache genügen? Gewiß, wir müssen anerkennen, und zu diesem Schluß wollte ich gelangen: Wir dürfen Niemand, der als Jude geboren ist, zurückweisen und ihm sagen: Du bist Jude, weil er anders handelt und anders denkt als wir. Doch ergibt sich nicht auch aus der Feststellung des Seins eine Aufgabe? Ist der Zweck unseres Daseins erfüllt, wenn wir uns begnügen mit der Feststellung der Tatsache, was wir sind? Hat^nicht jedes Geschöpf in der Natur seine bestimmte Aufgabe? Liegt nicht in jedem Wesen der Trieb zur Vervollkommnung seiner Art?