Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 5 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 84 — vbrbrachjte. Da wurde mir gesagt: „Sie hätten mit Nein antworten und den Herrn in die Jugendorganisätion der Agudas Iisroel verweisen müssen." Diese Bemerkung ist äußerst treffend. Denn das liberale Judentum gilt als Glaubenslehre, Konfession bestimmter ewiger Wahrheiten. Diese Wahrheiten hat das orthodoxe Judentum nicht nötig, denn es ist ein festgefügtes Ganzes, worin es nicht auf den Glauben des Einzelnen ankommt, sondern wie in einem Staate auf das rechte Tun* des Bürgers. Wie im Staate der Nihilist das Recht auf Leben und Schutz genießt, solange er sich nicht gegen dessen Gesetze vergeht, so kann der Atheist Mitglied der orthodoxen Gemeinschaft sein, solange er ihre Gesetze unangetastet läßt, und niemand kümmert sich um seinen Glauben. Für die Orthodoxie ist das Judentum, um mit Moses Mendelsohn zu reden, „nicht geoffenbarte Religion, sondern offenbartes Gesetz". In Anerkennung dieses Grundsatzes wird von der modernen Orthodoxie das Wort orthodoxrechtgläubig abgelehnt und durch den Ausdruck gesetzestreu wiedergegeben. Merkmal der Zugehörigkeit zum Judentum ist für den gesetzestreuen Juden in erster Linie die Ausübung der Gesetze. Man sollte meinen, diese Anschauung sei beschränkt auf die Orthodoxie. Aber das Gegenteil ist der Fall. Neulich sagte mir ein „ganz liberaler" Herr: „Ein Rabbiner darf keine Überzeugung haben." In verblüffender, aber treffender Weise ist in diesen Worten die Anschauung der liberalen Juden gekennzeichnet. Keine noch so „liberale" Gemeinde kümmert sich um den Glauben ihres Rabbiners. Seine Zuverlässigkeit ist hinreichend bewährt, wenn er nach dem Genuß von Fleisch drei Stunden wartet, bis er Milch in seinen Kaffee gibt. Aber .offenbar genügen unserer Zeit die Kriterien des äußeren Tuns nicht mehr. Die innere Haltlosigkeit, um nicht zu sagen Lächerlichkeit, dieses durch die Übung eines Jahrhunderts sanktionierten Zustandes wurde immer und immer empfunden. Der Lösungen gab es manche. Ich zähle zu diesen Lösungen auch die Taufe. Gewiß kommen für die Taufe verschiedene andere Beweggründe in Frage. Aber sie sind doch meistens nur der äußere Anlaß zum Akt der Taufe. Der seelische Zustand, ich möchte sagen, die Reife für die Taufe ist viel früher vorhanden. Sie ist da in dem Augenblick, da der Jude keine Antwort mehr weiß auf die Frage: Warum bin ich Jude? Dann wird ihm sein Judesein zur seelischen Qual, weil er ein anderer ist als seine Umwelt und nicht weiß, warum und wozu.