Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 5 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 83 — Dieser Fehler liegt den Richtlinien zugrunde,, und sie waren darum eher rückschrittlich als liberal. Dadurch wurde das Judentum zur Konfession. (Vielmehr das Judentum wäre Konfession geworden, wenn sich die Richtlinien durchgesetzt hätten.) Die Konfession kennzeichnet sich durch Glaubenssätze, die als ewige Wahrheiten gelten; die Schar derer, die an diese Sätze glauben, bilden die Bekenner dieser Konfession. Aber gerade der tief religiöse Mensch, der wahrhaft Gläubige, in dessen Brust der Glaube an ein höheres Walten in der Geschichte lebt, der an einen Sinn des Daseins glaubt im wahrsten Sinne des Wortes, der wird sich seinen Glauben nicht in Sätzen vorschreiben lassen, er wird aus tiefstem Glauben heraus jeden Glaubenssatz weit von sich weisen. Will das liberale Judentum wahrhaft liberal sein, dann muß es dem Gläubigen die Freiheit erkämpfen, sich seinen Glauben, seinen Gott, selber zu erringen. Das liberale Judentum muß die Freiheit des Glaubens ebenso verfechten, wie es bisher die Freiheit des Tuns zu rechtfertigen versuchte. Gehen wir von dieser Voraussetzung aus, dann ist klar, daß wir auf die Frage: „wer ist Jude?" nicht antworten können: Jude ist, wer an bestimmte Wahrheiten glaubt. So sonderbar dies klingt, so ist doch diese Behauptung für den, der die Geschichte des Judentums kennt, nichts Neues. Die Zugehörigkeit zum Judentum wurde in keiner Zeit abhängig gemacht von dem Bekenntnis zu bestimmten Glaubenssätzen, was allerdings nicht ausschloß, daß die Leugnung gewisser Glaubenssätze als Sünde betrachtet wurde. Aber selbst der Bannfluch, der z. B. einen Spinoza traf, bedeutete nicht den Ausschluß aus dem Judentum. Es mag zum Teil auf den Einfluß des Christentums und anderer Religionen, die auf Bekenntnissätzen fußen, zurückzuführen sein, daß auch im Judentum solche Glaubenssätze aufgestellt wurden (Maimonides). Ja, es war vielleicht sogar nötig, sie aufzustellen, um eine genaue Scheidung zwischen den Grundanschauungen der Religionen durchzuführen. Haben doch unsere sogenannten „ewigen Wahrheiten" selbst heute noch zumeist apologetische oder programmatische Bedeutung. Eine Verpflichtung auf ein bestimmtes „Bekenntnis" gab es im Judentum nie und gibt es auch heute nicht. Kennen wir demnach überhaupt ein Charakteristikum für die Zugehörigkeit zum Judentum? Offenbar ist die Antwort für das liberale Judentum viel schwerer als für das sogenannte „orthodoxe". In diesem Zusammenhange ist eine Bemerkung interessant, die von orthodoxer Seite gemacht wurde, als ich einmal die oben erwähnte Frage, ob ein Atheist Mitglied eines jüdisch-liberalen Jugendvereins werden könne,