Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 72 — Denn ein sehr umfangreicher Teil der fünf Bücher Mose enthält überhaupt keine Gesetze und Vorschriften, sondern besteht aus Berichten und Erzählungen. Und diese Berichte und Erzählungen verdienen ebenso sehr die Benennung „Thora". „Lehre", wie die Vorschriften und Gesetze. Denn in der schlichten Form der Erzählung geben sie uns Lehren für das Leben, zeigen sie uns den Weg für unser Handeln. Beruhen nun alle Berichte und Erzählungen der heiligenSchriftaufgeschichtlichen Tatsachen? Hat sich alles, was uns da erzählt wird, wirklich und wörtlich so zugetragen, oder enthält die Bibel auch Sagen und Märchen? Die Bibel Sagen und Märchen? Wer hätte früher gewagt, auch nur eine solche Vermutung auszusprechen? Wer hätte gewagt, auch nur die Frage zu stellen? Die Bibel, so sagte man, ist das Wort Gottes, und Gott ist die Wahrheit. Wie kann in Gottes Wort Unwahres stehen, wie können Sagen und Märchen sich dorthinein verirren? Ein Ketzer, wer solches zu behaupten wagt; ein Abtrünniger, wer Gottes Wort verleumdet und verlästert! Was in der Bibel steht, so sagte man, ist wahr, buchstäblich wahr. Ob es uns wahrscheinlich klingt oder nicht, tut nichts zur Sache. Wir haben zu glauben, blindlings zu glauben, und nicht ist es unsere Aufgabe, an den Berichten der heiligen Bücher irgenwie herumzudeuten. Das war die Auffassung früherer Zeiten, die für manche auch' heute noch maßgebend ist. Allein diese Auffassung hat der Ehrfurcht vor der Religion und vor den religiösen Urkunden durchaus nicht immer Nutzen gebracht, sondern häufig genug schweren Schaden: Unzählige haben deshalb der Bibel den Rücken gekehrt, Unzählige sich von der Religion abgewandt. Und es waren keineswegs nur leichtfertige Menschen, die das taten. Nein, oft waren es sogar die ernstesten und gewissenhaftesten, die gern und freudig ihrer Religion dienen wollten, die sich aber nicht dazu entschließen konnten, ihre bessere Erkenntnis zum Opfer zu bringen. Erst seitdem diese bessere Erkenntnis in weitere Kreise gedrungen ist, erst seitdem man auch in der Bibel von Sagen und Märchen reden darf, ohne als ein Jude von geringerem Werte .;a ngesehen zu werden, erst seit dieser Zeit ist die Liebe zu den heiligen Büchern wieder gewachsen, erst seit dieser Zeit hat sich der Kreis ihrer Anhänger, wieder bedeutend vergrößert. Eine der bekanntesten unter diesen Erzählungen findet sich im vierten Buche Mose Kap. 22 bis 24: „Bileam, der heidnische Zauberer und Seher, ist auf dem Wege nach Moab