Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 73 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 73 — begriffen, wohin der König Balak ihn geladen, um das Volk Israel zu verwünschen. Israel hat dem Bileam zwar nie etwas zu Leide getan; dennoch folgt er dem königlichen Rufe, denn ihm' winken Gewinn und hohe Ehre. - Bileam reitet auf seiner- Eselin, da stellt sich ihm der Engel des Ewigen mit gezücktem Schwert in den Weg. Bileam selbst nimmt anfangs den Engel gar nicht wahr, die Eselin aber erblickt ihn und will nicht von der Stelle. Und als nun Bileam das Tier mit dem Stabe schlägt, da öffnet die Eselin ihren Mund und beklagt sich über die unverdiente Mißhandlung. Da erst werden auch dem Seher die Augen geöffnet, und er sieht den Engel, der ihm den>Weg versperrt. Wie viel Hohn und Spott hat man schon über diese biblische Erzählung ausgegossen! Wie schwer hat die Ehrerbietung vor der heiligen Schrift darunter leiden müssen, daß mian uns zumutete zu glauben, die Eselin habe wirklich ein Gespräch rnit ihrem Besitzer geführt, und daß man diejenigen als Ketzer brandmarkte, die von einem biblischen Märchen zu sprechen wagten! Und doch haben gerade diejenigen die Ehre und das Ansehen der Bibel gehoben, die in der Erzählung' ein Märchen erkannten, ein schön es, sinniges Märchen von tiefem religiösen Gehalt, ein Märchen durchaus nicht nur für Kinder bestimmt, sondern mindestens ebenso sehr Erwachsenen, zu Herzen sprechend. Bileam ist auf dem Wege zu einer bösen Tat: Um schnöden Gewinnes willen ist er bereit, Worte der Verwünschung über ein Volk auszusprechen, das keinen Fluch verdient, über ein Volk, von dem ihm Gott gesagt : „Du sollst das Volk nicht verwünschen, denn es ist gesegnet." Ihn treibt die Gier nach Geld und Ehre, und so macht er sich auf den Weg. Die Stimme des Gewissens sucht er zu betäuben — nichts anderes bedeutet uns der Engel mit dem gezückten Schwerte, als die Stimme des Gewissens —; er sucht diese Stimme zu betäuben. Allein ihm ist bei alledem nicht wohl zu Mute: Die Stimme des Gewissens will nicht zur Ruhe kommen. Alles scheint ihn zu warnen. Selbst seine, langjährige treue Begleiterin auf seinen Reisen, die Eselin, ist störrisch geworden, als sträube sie sich gegen das Vorhaben ihres Herrn. Ihm kommt es vor, als wolle sie ihn vor einer Handlung warnen, die seiner nicht würdig ist. Und siehe dal Das Gute, das Recht, die Tugend, sie trägt am Ende einen glänzenden Sieg davon. Nicht vergeblich hat die Stimme des Gewissens gerufen; noch zur rechten Zeit hat sie den Bileam zur Selbstbesinnung geführt. Nein, er kann, er will Israel nicht verwünschen. Kr