Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 70 — sches Bild, wenn man so viele immer und immer wieder nach Gott fragen und Gott suchen sieht. Sollte das nicht damit zusammenhängen, daß wir Gott m i t m e nschlichem Maße zu messen gewöhnt sind, daß wir nicht die Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu erkennen und zu beachten verstehen? Der Prophet Jesajas (55, 8) hat es gesagt: „nicht sind meine Gedanken eure Gedanken und nicht eure Wege meine Wege, ist der Spruch des Ewigen, Denn so viel die Himmel höher sind als die Erde, so sind meine Wege höher denn euere Wege und meine Gedanken über euere Gedanken." Und gilt uns Goethes Wort nichts mehr: „Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann in den Grenzen der Begreiflichkeit zu halten/* „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren." Nicht minder selbstverständlich wie unsere erste Forderung, weil sie die notwendige Folge der ersten ist, istdie zweite, daß unsere Jugend auch entsprechend der Gotteserkenntnis, die ihr geworden, ihr Leben einrichtet, daß sie „in den Wegen Gottes wände 1 t." Die ethischen Grundsätze unserer Religion, wie sie sich dem Unbefangenen darstellen, stimmen mit den höchsten Anforderungen aller Sittlichkeit überein. Kann das bei einer Religion, welche als obersten Grundsatz aufstellt: „Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich der Ewige, euer Gott" (3. M., 19, 2) anders sein? Eine Sittenlehre wie die im Psalm 15 oder bei Micha 6,8 (oder an vielen anderen Stellen) ausgesprochene, kann nicht übertroffen werden. Diese Sittlichkeit galt von jeher als unzertrennbarer Bestandteil des wahrhaft j ü d i s c h - r e 1 i g i ö s e n Lebens. Den Erwachsenen unserer Tage ist eine gewisse Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit in der religiösen Gestaltung des Lebens nicht abzusprechen. Da ist es Pflicht der Jugend, darauf zu dringen, daß das jüdische Leben in den jüdischen Häusern auch wieder die ihm gebührende Stätte findet, damit der jüdische Geist wieder bei uns einzieht. Wenn die Erwachsenen es am guten Beispiele fehlen lassen, dann muß die Jugend mit dem guten Vorbilde vorangehen und ihren Einfluß auf die Alten geltend machen. Ich halte es auch für unbedingt nötig, daß die Jugend an unseren gottesdienstlichen Veranstaltungen regelmäßig teilnimmt. Die jüdischen Jugendvereine bezeugen doch durch ihr Bestehen den Willen zum Judentum. Der Wille zum Judentum darf nicht bloß eine schöne Redensart sein,