Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 67 — Wer mit Leib und Seele Jude sein will, der muß das Judentum kennen. Kennen nicht aus Vorträgen, noch weniger aus den Darstellungen nichtjüdischer Schriftsteller, und wären sie die größten Gelehrten in ihrem Fache. Damit ist nämlich noch nicht gesagt, daß sie's auch auf dem Gebiete des Judentums sind, so dicke gelehrte Bücher sie auch darüber zu schreiben wissen. Vielleicht in keiner Wissenschaft darf sich Oberflächlichkeit, Voreingenommenheit, Unkenntnis so breit machen, wie in der Wissenschaft des Judentums. Gar viele Juden schöpfen aus den Werken nicht jüdischer Schriftsteller ihre Kenntnis vom Judentume. Dadurch gewinnen sie nur allzu oft zu ihrem eigenen Schaden und zum Schaden des Judentums ein falsches Bild vom Judentum und seinen Lehren. Es sind zumeist Bücher, die „man gelesen haben muß", welche dieses Unheil bei uns anrichten. Und man soll sie auch lesen, gewiß! aber nicht, ehe man zuvor sein Judentum aus den Quellen kennen gelernt hat, wie es ist, nicht wie es von denen dargestellt wird, die, selbst wenn sie von Vorurteilen frei zu sein scheinen, doch von dem gefährlichen Vorurteil sich nicht losmachen können, daß das Judentum vom Christentum überholt und auf die Stufe der Minderwertigkeit herabgedrückt sei. Wie beliebt ist — um nur ein Beispiel anzuführen —■ bei uns Juden, Werke der Menschenfreundlichkeit und der Wohltätigkeit, die wir geübt haben,, als den Ausdruck „christlicher Nächstenliebe" zu bezeichnen! Wer aber in seiner Thora neben dem Gebote: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (3. M., 19, 18) gelesen hat: wie der Einheimische unter euch, sei auch der Fremdling, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten (ib. 34), wer die häufige Einschärfung des Gebotes kennt, den Fremdling nicht zu drücken, der wird sich durch alle Gelehrsamkeit nicht davon überzeugen lassen, daß dieser Fremdling eben auch der Glaubensgenosse sei und die in der Thora gebotene Nächstenliebe nur auf diesen sich beschränke. Und wenn ihm gesagt wird, daß das Judentum lehre: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen (Ev. Matth. 5, 43), dann wendet er sich nicht mit Grausen von dieser rachsüchtigen Religion ab, sondern dann weiß er auf Grund seiner eigenen Beschäftigung mit der Thora, daß nirgends ein derartiges Wort in ihr steht, daß aber auch in keinem jüdischen Buche ein ähnliches zu finden ist, er weiß, daß die Thora ausdrücklich gebietet, den Besitz des Feindes zu schützen und den Feind vor Schaden zu bewahren, und er weiß, daß die Juden nach dieser Vorschrift allezeit gehandelt haben, anders wie diejenigen, denen