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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-03-01 · Heft 4 (März 1920) · p. Seite 65

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 4 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
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— 65 — freiheitlichen Gesinnung und Tat, aber aüch die Heuchelei. Die Furcht vor dem gesellschaftlichen Boykott in der Gemeinschaft zog die Indifferenz nach sich, weil man nicht wagte, öffenttich zum Liberalismus sich zu bekennen. Es herrschte die Orthodoxie, die anderen beherrschte die Untätigkeit, die verderblich der Gesamtheit der Juden zum Verhängnis wurde. Denn da die Umwelt die jüdische „Religion" nach den Auswüchsen in der Lebensführung der Orthodoxie beurteilte, verurteilte sie. So flammte im Jahre 1880 der Antisemitismus auf. Zum Kampfe gegen ihn wurden alle Juden an Bord gerufen, also auch die liberalen. Nun waren auch sie, bisher von der Orthodoxie verfemt — Juden. Und diese liberalen Geister ward man nicht mehr los. Jetzt, da man sie öffentlich anerkannt hatte, wurden sie zu Bekennern. Auf allen Gebieten des religiösen Lebens, im Kultus, im Religionsunterricht beanspruchten sie ihren Platz und suchten ihre Mitarbeit am Bau des Judentums der Neuzeit als berechtigt zu erweisen. Die Erneuerung religiösen Lebens ist das Werk des Liberalismus, der in den berühmten und berüchtigten „Richtlinien" sein Denken und Fühlen offenbart hat. Vorab war es sein heißestes Bemühen, von allen, die allzugern als Juden anerkannt sein wollten, den ungeheuren Druck des Begriffs „Sünde" wie einen schweren Stein von der Brust zu wälzen. Im; Namen der Religion ward den mutigen und noch zaghaften Bekennern zugerufen: Nicht ist es Sünde, das Kapporansumschlagen zu unterlassen und das Taschlichmachen und das Malkausschlagen, das Fasten am Jaum Kippur Koton, in den 10 Bußtagen und am Scheni wachamischi w'scheni. Die Uebertretung der Vorschriften zum Waschen am Morgen und des Schuhanziehens und -schnürens ist k e 1 rfe Sünde. Keine Sünde ist es, den Tallis ganz oder in Schalform umzunehmen. Keine Sünde ist es, am Sabbath mit der Elektrischen zu fahren, wenn man Stunden brauchen würde, zu Fuß das Gotteshaus zu erreichen. Keine Sünde ist es, die Haggada in deutscher Sprache zu verkünden. Keine Sünde ist es, das Lesen der Bücher in der Nacht zu Schowuäuss und Hoschano rabbo zu unterlassen. Keine Sünde ist es, die Bücher Rut und Kohelet aus dem Gottesdienst zu entfernen. Keine Sünde ist es, den dreijährigen Cyclus beim. Thoravorlesen einzuführen. Keine Sünde ist es, diesen oder jenen Mismaur zu streichen oder einzuschalten. Keine Sünde ist es, statt des gebräuchlichen Siddurs ein Gebetbuch von Joel und Vogelstein zu bevorzugen. Keine S ü n d e ist es,

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