Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 64 — derei", von Kleinlichkeit an sich. Man glaubt oft, daß gerade dieses Kleinliche im Judentum durch das Gesetz gefördert wurde. Es kann zuweilen so sein, notwendig durch das- Wesen der Erörterung ist es aber nicht. Das Gesetz, richtig" verstanden, ist ein ständiger Mahnruf zur Aktivität, zur nützlichen Arbeit, erst an sich, dann mit anderen für das Ganze. Das Juden t ü m ist ewig, von Menschen \ind ihrem Werke unabhängig, die Juden h e i t aber hat sich nur erhalten durch das Gesetz, durch seine unmittelbare Wirkung auf die Seeler durch die Übertragung seines Prinzips der Aktivität auf alle: anderen Gebiete jüdischer Tätigkeit. Mag darum auch die liberale Jugend das Prinzip des Gesetzes auf der gesunden: liberalen Grundlage zu einer Wahrheit werden lassen, auf daß* die Kette der Tradition nicht reiße! Sünde. Was ist das? Ich meine: nicht nur etymologisch, denn: da bedeutet das Wort seiner lateinischen Abstammung nach: (sons=schuldig, sonticus=schädlich); das gleiche wie das hebräische Areiroh Uebertretung eines göttlichen Gesetzes! Wäre der Begriff Sünde identisch geblieben mit dem Begriff: „Uebertretung eines göttlichen Gesetze s", dann hätte man sich hiermit abgefunden. Indes: Wort und Begriff sind umhüllt, umzäunt worden wie die Orientalinnen mit dem Schleier, unter dessen Maschen sich schöne und' weniger schone Gesichter verbergen: Unsere Zaunbaukünstler haben den Begriff nicht nur auf die Uebertretung göttlichen Gesetzes angewendet, sie haben die Uebertretung jeglichen Brauches, jeder Zeremonie, jeglicher Meinung (der Schulchan Aruch und dessen Gesetze sind doch nur Meinungen!) als Sünde stipuliert und damit das Gemüt eines großen Teils der Juden einer, Belastungsprobe unterworfen, der es erliegen mußte. So kam die Spaltung in Orthodoxie und. Nichtorthodoxie. 50 Jahre zurück! Was sehen wir unter den Juden, die — wenigstens in kleinen Orten — in ihrer Abgeschlossenheit von den Andersgläubigen einen innerlich starken Block bilden? Wer sich nur der kleinsten Uebertretung eines Brauel" es schuldig machte, wer sich erkühnte», nur den leisesten Anlauf zu einem freiheitlichen Gedanken zu nehmen, der galt als Posche (Abtrünniger), der wurde als Sünder angesehen, dem man wie einem Verbrecher aus dem Wege gehen müßte. Diesem Gemütsdruck war so mancher nicht gewachsen,, und deshalb schlich sich ein und wuchs die Verbergung der