Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-03-01 · Heft 3 (März 1920) · p. Seite 49

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 3 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 49 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2550626-2550633-2550636--083-2550797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 49 — wirken zu lassen. Nur das darf an Formen übrig bleiben, was uns auf diesem Wege hilft und stärkt. Was das ist, muß jeder für sich selbst beurteilen. Aber nichts darf erhalten bleiben, was nur leere Form ohne Inhalt ist. Es darf nur noch lebendige Formen geben, solche, die geeignet sind, jenem Ziel zu dienen. Niemand wird behaupten können, daß diese Grundwahrheiten des Judentums — sein ethischer Monotheismus, seine Ethik und seinen Messianismus — vom Protestantismus geborgt sind, oder daß sie sich von den seinen nicht erheblich unterscheiden. Wenn sich aber der moderne Protestismus in einzelnen Vertretern wirklich jüdischen Anschauungen wieder nähern sollte, so können wir dies nur begrüßen und müssen es jenen überlassen, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Wie stellt sich dann die historische Entwicklung inbezug auf das Verhältnis von Judentum und Christentum dem Blick dar? — Als die Welt des Altertums allmählich zugrunde ging, da schwanden mit seiner dahinsterbenden Kultur auch seine Religionen, Die Zeit für eine neue tiefer greifende Religion war gekommen. War die Welt schon reif für die Bahn der Propheten in ihrer ganzen Größe? Nein! Noch bedurfte es der Anpassung an die alten Göttervorstellungen, bedurfte es der Anpassung an die mystischen Neigungen und die weltentsagende Stimmung weiter Kreise der Zeit. Als ein aus den Bedürfnissen seiner Zeit heraus popularisiertes Judentum ist das Christentum so entstanden. Und als solches ist das Christentum die Tochter des Judentums, dessen Vorläufer unter den Völkern, sein Vorkämpfer und Bahnbrecher. Währenddessen verkapselte sich das Judentum in seine Formen und Vorschriften, umgab sich mit einer Hülle, bis die Zeit gekomimen wäre, wo es seine Aufgabe selbst übernehmen könne. Einst wird das Christentum nach Beendigung seiner Mission in den Schoß des Judentums zurückkehren. Dann wird das Judentum die Menschheit zu den letzten Höhen führen. Seit langem schon beginnt es sich im Judentum zu regen. Wir Liberalen gerade betrachten es als unsere Mission, das Judentum für diese Aufgabe bereit zu machen. Noch ist vieles bei uns im Gären und im Werden. Aber wir kämpfen und ringen um Klarheit und feste Gestaltung. Unser Streben gilt einem liberalen Judentum, das getragen von überzeugten und begeisterten Anhängern imstande ist, mit dem Christentum den Kampf um die Seelen der Menschen aufzunehmen. Und wenn auf der modernen Seite mioderne Protestanten sich dem Judentum wieder nähern, so ist das kein Grund zum Wehklagen, sondern zur Freude. Denn nicht in der Absonderung liegt die Zukunft des Judentums,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.