Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 48 — dann bleibt schließlich nichts vom Judentum übrig, dann entsteht ein etwas Anderes, Neues. So ist durch „Entwicklung" der Grundideen des Judentums das Christentum*entstanden. Eben diese Grundideen, dieser Gehalt der Religion, sind ihr Wesen und ihr Kern. Im Glauben an ihre Unvergänglichkeit liegt das spezifische Merkmal der Religion, ihre besondere Bedeutung, ihr wahres Wesen. In dem Glauben an letzte feststehende Dinge unterscheidet, sie sich von der Wissenschaft. Durch ihn wird sie befähigt, dem Menschen im Leben einen festen Halt zu geben. Diese Grundwahrheiten des Judentums sind der Glauben an den einen einzigen Gott, die jüdische Ethik, wie sie ihrer Gesinnung nach einen so schönen Ausdruck gefunden hat in dem Worte Michas: „Der Ewige hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist; was anderes fordert der Ewige von dir als Recht tun und Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott" und schließlich der Glaube an die Zukunft der Menschheit, an das Messias-Reich des ewigen Friedens, wie es unsere Propheten verkündet haben. Das ist der ewige Inhalt des Judentums; das sind die festen Punkte in seiner Entwicklung, das ist die jüdische Religion, wie sie sich aus den verschiedenen Stadien der religiösen Anschauungen des jüdischen Volkes, die uns noch die Bibel zeigt, entwickelt hat. Diese Religion der Propheten ist der Höhepunkt und der Endpunkt dieser Entwicklung. Seitdem ist eine weitere Entwicklung des geistigen Gehalts des Judentums nicht eingetreten, sondern langsam streben wir danach, ihn in seinem vollen Umfange in uns auszunehmen, und das zu verwirklichen, was die Propheten gefordert und verkündet haben. Geändert und entwickelt hat sich dagegen alles, was äußeres Beiwerk, alles was nur Ausdrucksform ist für diesen Inhalt. Und das soll sich weiter entwickeln. Jede Zeit soll diese Formen ihrer allgemeinen Entwicklungsstufe gemäß umbilden. Ja, es ist ihre Pflicht, das zu tun und der jüdischen Religionsgemeinschaft damit erst' ihre Lebensfähigkeit zu sichern. Welches ist nun unsere Aufgabe in dieser Beziehung? Die Orthodoxie hat das Judentum in ein Gewebe von Formen und Vorschriften eingesponnen, in einer Verkapselung, die ihm während der ersten Jahrtausende der Zerstreuung seine Erhaltung ermöglicht hat. Hierfür die Grundlagen geschaffen zu haben, mag der Sinn des zweiten jüdischen Staates gewesen sein, nachdem der erste den ideellen Ausbau des Judentums vollendet hatte. Heute aber ist der Augenblick gekommen, wo es Zeit ist, die Hülle abzuwerfen, uns der freiwilligen Fesseln zu entledigen, frei unter die übrigen Menschen zu treten und die schönen Ideen des Judentums unter ihnen aus-