Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 45 — überhaupt den Gedanken erwägt, es könnte das Alter einmal die Notwendigkeit des Einreißens erkennen, so leugnet er tirbi et orbi die Unantastbarkeit und gibt zu, daß das Forschen der Gelehrten statt der Wahrheit eine neue/Wahrheit zu Tage fördern könnte. Indem er also den Grundsatz von der „Absoluten Wahrheit" verwirft, bekennt er sich als Freund der Entwicklung, als Feind der Grabesruhe. Der Liberalismus stützt sich demnach auf einen klassischen Zeugen bei seinem Streben nach Vertiefung und Verbreitung der Erkenntnis unserer besten Forscher sine ira et studio. * * # Will die Jugend etwa niederreißen? Dazu hat sie weder Neigung noch Rüstzeug, weder Kenntnisse noch Fertigkeiten. Um im Bilde zu bleiben: wer einen Bau einreißen will, muß von der Unzweckmäßigkeit des Baues überzeugt sein. Hierzu führt aber erst Erfahrung, die längere Beobachtung bedingt. Und da diese der Jugend fehlt, kann ihr gar nicht der Gedanke des Einreißens aufsteigen. Aber auch nicht der des Aufbauens; denn dazu gehört noch mehr Kenntnis als zum Einreißen, zu dem man nur Vandalismus braucht und vandalisch kann die jüdische Jugend nicht sein. Die Jugend will sich führen lassen, will Werte sammeln, um das Rüstzeug zur Mitarbeit zu gewinnen beim Eindringen in die Hallen der Wissenschaft, Erkenntnis und Weisheit. Und daß sie sich da denen anschließt, die mit den Waffen der fortschreitenden, kritischen Gelehrsamkeit wirken, das ist nicht zu verwundern, sondern als Gewinn des humanistischen Unterrichts und der zeitgmäßen Erziehung zu buchen. * * * Und was wollen die liberalen Alten einreißen? Nicht den Zaun um die Thora, sondern die zahlreichen Zäune, die Buchstabengläubige, Mystiker, religiöse Schwärmer im Laufe von Jahrtausenden um den einen Zaun errichtet, die das Vordringen bis zum Kern unendlich mühevoll, ja zum Karfipfe gemacht haben. Aber um der Heiligkeit willen, um den Kern bloßzulegen, auf daß ei* in seiner Reinheit und Schönheit erkannt werde, muß der Kampf ausgefochten werden. Nicht aus Parteifanatismus (Widerspruch zum Liberalismus), nicht um aus reiner Zerstörungswut zu zerstören, sind die liberalen Alten auf den Plan getreten; wir wollen die Zäune, die die Baustile von Jahrtausenden aufzeigen und die überdies der Zahn der Zeit benagt, ausbesseruhgsbedürftig gemacht hat, niederreißen, um zu dem religiösen Lehrgebäude zu gelangen, das für uns unbedingten Wert besitzt, in dem wir zu Hause sein, uns wohl fühlen können. * * *