Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 44 — verderbten Hofes, wo^der Boden für alle Listen und Kabalen wohl vorbereitet war. Das sind alte Dinge. Aber sie sind uns ewiges Sinnbild. Unser ganzes Leben seit der Zertrümmerung unseres nationalen Staates war nichts als Geschichte von Beziehungen zwischen uns und den anderen. Unser Bewußtsein von uns selbst ist stets Gefühl einer Grenze, nie die Ruhe und wohl umfriedete Sicherheit eines in sich selbst kräftig gelagerten Seins, .sondern unermüdliches Horchen und Blinzeln über die Schranke. Was tausendmal Phrase, uns gilt es als bittere Wahrheit: Kampf allezeit die Form unseres Seins. Das ist nicht unsere Schuld; es is% unser Geschick, das wir tragen müssen, weil Gott es auf uns gelegt hat. Aber schwerste Schuld, die zugleich brennende Pein ist, bürdet sich auf uns, wenn wir nur das Nein sehen und nicht auch das Ja, wenn wir von unserem' Selbst nichts anderes fühlen, als daß es von jenseits einer Grenze her gehaßt und geneidet, gemieden und nicht als vollbürtig angeschaut wird. Chanukka und Purim, beides ist Judentum. Dort eins voll innerer Kraft, von Leben und Ueberzeugung, dem sein Gott und seine Ehre den Inhalt des Geistes bilden, dem sein ewiger Daseinskampf nur die äußere Gestalt der Existenz auf dieser nun einmal unvollkommenen Erdenwelt gilt. Hier eins, das eindringlicher von seinen Angreifern als von der Stimme eigenen Wesens es hört, daß es überhaupt Leben, Seele, Kern und Dasein besitzt, das, unaufhörlich mit seiner Verteidigung beschäftigt, schließlich vergißt, was es eigentlich verteidigt. Unsere Gegenüberstellung mag ein wenig übertreiben. Aber ist es wahr oder falsch, daß Gehalt des jüdischen Geistes bei viel zu vielen der Unsrigen nichts ist denn — Abwehr des Antisemitismus? Die ist nötig und darf uns nie miüde und mutlos finden. Aber Hauptsache bleibt, daß unser Wesen wieder ein eigenes inneres Schwergewicht empfängt, daß von unserer Seele abgetan wird, was an ihr schief und verkrümmt, ungesund und vorlaut, protzig und gedrückt, unfrei und maßlos ist. Wir feiern Purim in freudigem Dank, daß Gott uns* nicht mit unseren Nöten allein läßt; wir feiern Chanukka im stolzen Gefühl, daß wir ein geistiges Erbe besitzen, für das wir leben und — will's Gott — auch leiden mögen. Niederreißen — aufbauen. In Nedarim 40 ist der Satz geprägt: Wenn das Alter spricht: reiße nieder und die Jugend: baue auf, so reiße nieder und baue nicht auf; denn das Niederreißen der Alten ist ein Aufbauen, das Aufbauen der Jugend ein Niederreißen. — Hierzu zunächst eine logische Folgerung. Wenn der Talmud