Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Date
- 1920-02-01
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 24 — schweren Beklemmungen der Seele und des Geistes löst. Und dieses Liebeswirken trat ganz besonders zu Tage, wenn feiertäglicher Gottesdienst gleichgestimmte Gemüter vereinte, zu einem Flehen und zu einem Dank, und wenn der Einzelne die Erhebung und Festigung fühlte, die ganz nach gemeinsamen Gebete sein Inneres durchdrang. So fand die jüdische Jugend ihren Glauben und ihren Gott wieder, den ihr die Aeußerlichkeiten der gesicherten Lebensführung vielfach genommen hatten, so fand sich aber auch das jüdische Gemeinschaftsgefühl zurück, das sich allmählich verloren hatte. Je stärker der Druck während der zunächst siegreichen Kriegsjahre, aus Uebermut erzeugt, auf den jüdischen Kameraden lastete, um so mehr erwachte in ihnen das jüdische Bewußtsein von der Reinheit und Gerechtigkeit ihres Wollens und Handelns, von der Höhe der Ethik, der jüdischen Welt- und Glaubensanschauung. Der Wege aber, die sie dieses wiedererwachte jüdische Bewußtsein nehmen ließ, waren zweierlei. Führte es den einen Teil zum Glauben zurück, zur Ausübung seiner frommen Gebräuche und zu der Gemütsstärkung, die das Gebet verleiht, so führte es den anderen Teil zu dem Bewußtsein ihrer jüdischen Zusammengehörigkeit; aus gemeinsamem Fühlen und Dulden zu der Idee völkischen Zusammenhanges, zum Zionismus. So stehen sich in der Gegenwart diese zwei Richtungen der religiös orientierten und der völkisch zusammengeschlossenen Judenheit schroff gegenüber. Während der ganzen biblischen Zeit, seit der Gründung des Königtums, schwebte dieser Dualismus über dem Judentum. Die Zentralisation des Kultus in Jerusalem stärkt nicht nur den Monotheismus durch Abkehr von den lokalen Gottheiten des Landes, denen die Bevölkerung immer wieder verfiel, sondern sie schafft zu gleicher Zeit den sichtbaren Ausdruck des staatlichen Gebildes, das das Judentum dieser Zeit darstellt. Seinen Höhepunkt findet diese Erscheinung in den Zeiten, die dem Sturze des jüdischen Staates kurz vorangehen, als die Pharisäer, die „Peruschim", die dem Gesetz und der Thora den vorwiegenden Einfluß einräumten, den Sadduzäern gegenüberstanden, welche die Pflege der staatlichen Beziehungen als ihre vornehmste Aufgabe betrachteten. Sie waren es, die die verhängnisvolle Verbindung mit Rom herbeiführten, die für die Folge aus einer Hilfe zur Vernichtung wurde. Aber neben beiden Gruppen standen die Essäer, die weder die Bindung im Gesetze noch im Staate als das Wesentliche des Judentums anerkannten, und in dem inneren Erlebnis des einzig einigen Gottes die wahre Grundlage des