Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Date
- 1920-02-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2550626-2550633-2550635--056-2550765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 23 - die das Leben uns ganz von selbst stellt. Wir werden Einblicke gewinnen in die Einrichtung und die Bedeutung des Judentums, die uns den Glauben an den Fortschritt, an den Aufstieg des Menschengeschlechts begründet. Der Friede, dem wir dienen, ist keine Besiegelung der Erstarrung von Lehrmeinungen und Anschauungen, ist keine Ruhe des Friedhofes, sondern die im Kampf der Geister zu gewinnende Ueberzeugung, die allein persönlichen Wert in sich schließt. Wenn liberale Jugendvereine in diesem Geiste sich zusammenfinden, dann werden sie durch zweckhafte Arbeit die Not unserer Tage überwinden und der lebhaftesten Frage ihrer Glieder die Antwort finden helfen. Und was wäre verdienstlicher, als Liebe und Begeisterung für das Judentum, für das liberal gerichtete Judentum in aufgeschlossene Herzen zu tragen. Dies Unterfangen wird den Frieden aufwiegen, den wir extra muros gegenwärtig nicht entdecken können. Gegenwart und Zukunft des Judentums. Von Ignatz Waise h, Breslau. Ein Zug der Bewußtheit geht durch das Judentum unserer Tage. Der große Aufstieg Deutschlands, an dem auch die Deutschen jüdischen Glaubens teilnahmen, war der seelischen und religiösen Vertiefung nicht dienlich. Im Materialismus befangen, veräußerlichten die Menschen auch religiös; der Streit um die äußere Form des Glaubensbekenntnisses, die Frage der äußerlichen Religionsübungen, die häufig so wenig mit Religion zu tun hat, stand im Vordergrunde, und die Religiosität als tiefes innerliches Erlebnis, als Durchdrungensein von dem gewaltigen, allgegenwärtigen Gott, den nicht Raum noch Stunde faßt, trat in dem Leben der Menschen immer mehr zurück. Es bedurfte eines großen Erlebnisses, das uns zu uns selbst von den Aeußerlichkeiten des Lebens zurückführte, um uns wieder Religion erleben, Gott fühlen zu lassen, und dieses Erlebnis war der Krieg. Was Millionen von Menschen dort draußen in der gewaltigsten Einsamkeit ge'fühlt haben, als sie in Todesangst und Grauen allein standen mit sich und ihrem Gotte, was Millionen fühlen ließ,, wie in dem grauenhaften Chaos nur der Gedanke an das Geborgensein in Gott dem schwachen Menschen Stab und Stütze war, das wirkt nach über die Stunden dieses größten Erlebnisses, das ja ihre Tiefen aufriß. Was aber nach diesen Schreckensstunden das seelische Gleichgewicht wiedergab, das waren Werke der Liebe, das war das Erkennen, daß sich nur in diesem, die Menschen verbindenden Wirken die große göttliche Liebe ahnen läßt, die lind die