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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-11-01 · Heft 5 (November 1919) · p. Seite 30

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 5 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 30 (sequence 4)
Language
German
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30 Kennzeichnend für den Tatgeist der Liberalen scheint es mir auch zu sein, daß noch immer gebetet wird: Wenn Ihr nun auf meine Gebote höret, die ich Euch heute gebe, wenn Ihr den Ewigen, Euren Gott, liebet und ihm mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dienet, dann werde ich Eurem Lande den Regen zur Zeit geben,\ Frühregen und Spätregen, damit Du einsammelst Dein Getreide, und Deinen Most,;und Dein öl. Und ich werde auf Deiner Flur Gras sprießen lassen für Dein Vieh, und auch Du wirst essen und satt werden. Hütet Euch, daß nicht Euer Herz betöret werde, Ihr abfallt und fremden Göttern dienet und Euch vor ihnen niederwerfet. Der Zorn des Ewigen würde wider Euch entbrennen, und er würde den Himmel verschließen, daß kein Regen komme, und der Boden würde nicht seinen Ertrag geben. Ihr würdet sehr bald aus dem schönen Lande schwinden, das der Ewige ljuch gibt. VII. Wer sich einmal mit dem Problem, das ich in den vorigen Kapiteln skizziert habe, beschäftigt hat, der könnte — um eine alte Redewendung zu gebrauchen — „aus Ärger katholisch werden". Wer hierzu keine Lust verspürt, darf nicht in dumpfer Resignation leben, sondern muß zu ändern' versuchen. Wie? Zuerst muß jeder erkennen, daß statt einer Synagoge für 600 Gemeindemitglieder, in der man sich über den Ritus „verständigt", zwei Synagogen für je 300 Mitglieder besser sind, von der die eine liberalen, die andere orthodoxen Ritus hat. Zweitens müssen wir Liberalen endlich ein liberales* Gebetbuch und eine Neuordnung der Thoravorlesung schaffen. VIII. Die „Vereinigung für das Liberale Judentum in Deutschland" hat — bitte nicht lachen — im Jahre 1912 eine Gebetbuch-Kommission eingesetzt. Wer mir das Ergebnis dieser Kommission zeigen kann, dem kann ich mit ruhigem Gewissen eine hohe Belohnung versprechen. Wer sich auf diese Kommission verläßt, ist verlassen. Uns Jungen wird es infolgedessen zur Pflicht, auch auf diesem Gebiete eine rege Tätigkeit zu entfalten. Die Arbeitsgemeinschaft der/Iii muß unverzüglich eine Kommission einsetzen, die ein liberales Gebetbuch ausarbeiten soll. Bedingung für die Kommissionsmitglieder: Jeder muß ein „liberales" Gebetbuch und zwei bis drei Rotstifte mitbringen. IX. Besonders wichtig scheint es mir, daß man Nichts aus historischen oder ähnlichen Gründen beibehält. Unser Gottesdienst soll religiöses Erleben sein. X. Denjenigen, die mir vorwerfen wollen, ich hätte „zu viel Negatives" gesagt, erwidere ich im Voraus, daß man einen Urwald nicht umpflügen kann. Erst müssen die Bäume heraus. Diejenigen, die finden, ich gehe zu weit, warne ich, damit sie nicht dereinst die Worte der Königin Luise auf das Judentum anzuwenden brauchen: „Wir sind mit der Zeit nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns." Die Neugestaltung des jüdischen Religionsunterrichtes. Eine der Fragen, die der jüdische Kongreß Deutschlands wird behandeln müssen, ist die des Religionsunterrichtes an den höheren Lehranstalten. Daß eine gründliche Reform notwendig ist, darüber sind sich wohl alle Richtungen des deutschen Judentums einig. In großzügiger Weise nahm vor einiger Zeit Franz Rosenzweig zu dem Problem Stellung. Seine Broschüre, die Aufsehen erregte, betitelt er „Zeit ist's". Man wird dem Verfasser unbedenklich zustimmen können, wenn er ein Mehr, eine größere Auswahl in der Lektüre biblischer Schriften fordert. Es geht in der Tat nicht an, daß man, abgesehen von Geschichtsunterricht, ein ganzes Jahr nichts anderes als etwa Ezechiel liest, und daß sich die Lektüre fast ausschließlich auf Textinterpretation beschränkt. Wie viel kostbare Zeit geht da verloren. Aber wenn Rosenzweig die hebräische Sprache als Grundlage des ganzen Religionsunterrichtes fordert, wird Widerspruch in weiten Kreisen sich regen. Mit der Aufnahme der hebräischen Sprache gewinnen die zwei Stunden in der Woche den Charakter eines Sprachunterrichtes hinzu, bleiben nicht mehr ganz Religionsunterricht und scheiden sich so wesentlich von dem, der evangelischen und katholischen Schüler (trotz der lateinischen und griechischen Sprache, die dort, höchst selten, auftaucht). Daß das Hebräisch in größerem Maße als bisher wird gepflegt werden müssen, ist allerdings klar. Vielleicht ist dies der richtige Weg: Man wird den hebräischen Unterricht, den das Kind meist vom 7. bis zum 13. Jahre unabhängig von der höheren Schule von der Gemeinde aus erhalten kann, ausbauen, wird regelrecht Grammatik treiben und wird ihn erst bei einer höheren Altersstufe aufhören lasi sen. Der Religionsunterricht aber wird der hebräischen Sprache entraten können. Auch deswegen, weil die Schüler, mit fremden Sprachen schon genug belastet, ihn dieser Neubelastung wegen in noch geringerer Zahl besuchen würden als es —• besonders bei der Oberstufe — schon bisher in vielen Gemeinden geschehen ist. Und gerade das muß das Ziel der Reform sein: Möglichst alle jungen Juden heranzuziehen, um sie stark zu machen gegen die Gefahren, die ihrer religiösen Uberzeugung drohen. Deren gibt es eigentlich nur zwei: die Naturwissenschaften, in ihren Konsequenzen und letzten Ergebnissen einmündend in die Weltanschauung des Monismus und die B i b e 1 k r i t i k. Nie hat der junge Jude im Religionsunterricht von ihnen gehört. Durch Bücher, meist mit hinreißendem Schwung geschrieben, im-

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