Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 5 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 29 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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2$ nen Lager, die unseren Gegnern recht geben und ihre Ausschreitungen gut heißen, halte ich das alte Bibelwort entgegen: „Sei nicht allzu gerecht und wolle nicht allzu weise sein! Warum willst du zugrunde gehen?" Mit solchen Vorsätzen laßt uns das Sühnewerk des Versöhnungstages beginnen! Möge die Versenkung in unser Innenleben, möge die rückschauende Betrachtung unserer Tage uns bestärken in dem Willen, die Schlacken, die uns anhaften, hinweg zu schmelzen durch sitfliche Läuterung und das wahre Bild unseres Wesens immer reiner herauszuarbeiten! Möge aber auch dieses Fest uns rüsten mit neuem Lebensmut, mit der Liebe zu unserer Religion, mit der rechten Schätzung unserer heiligen Güter! Dazu verhelfe uns Gott, auf dessen Gnade wir hoffen! Amen! Unser Gottesdienst Von Bruno Woy'd a, Berlin. I. Wer wirklich ein liberaler Jude ist, den muß bei dem jetzigen Gottesdienst ein Grauen ergreifen. Nirgends merkt man so deutlich wie hier, daß die „Vereinigung für das Liberale Judentum in Deutschland'4 eingeschlafen ist. Hoffentlich kommt bald der Prinz und gibt Dornröschen einen Kuß. II. Ich besuche die neue Synagoge in Berlin (Oranienburger Straße, Orgelsynagoge, Schablone für die liberalen Synagogen im Reich). Drei Rabbiner wechseln sich dort ab: Der eine Herr ist liberal, der andere gehört zur Mittelpartei, der dritte ist Zionist. Wer glaubt, daß ein solches Triumvirat der Bildung einer religiösen Weltanschauung dienlich ist, schreibe mir dies. — Die Post wird wohl den Ansturm bewältigen können.' III. Daß viele Rabbiner befürchten, das Judentum könnte zu Grunde gehen (oder gar die ganze Welt?), falls man im Gebetbuch Streichungen vornehmen würde, ist bekannt. Daß infolge der Länge des Gottesdienstes unsere Synagoge durch das Kommen und Gehen mit dem Vestibül eines großen Hotels eine gewisse Ähnlichkeit hat, ist häßlich. Also reden auch unsere Rabbiner hiergegen. Bei dieser Gelegenheit eine kleine Schnurre, die für die heutige Generation kennzeichnend ist. Am Versöhnungstag sprach einer unserer Rabbiner auch wieder gegen die Unsitte des unregelmäßigen Gottesdienstbesuches. Der Gottesdienst hatte um 9 Uhr begonnen, und — er selbst war um Uhr gekommen. IV. Daß man sich durch häufige Wiederholungen an Worten berauschen kann, bestreite ich nicht. Wer aber diesen Rausch beim Gottesdienst für unwürdig hält, kann (soll heißen: muß) nach meiner Auffassung unbesorgt für die Streichung sämtlicher Wiederholungen eintreten. Zum Uberfluß einige Beispiele: Das Gebet Adaunoj, Adaunoj, el rachum wird am Versöhnungstag (ohne Vorabend) an acht verschiedenen Stellen gesungen. Bedenkt man, daß es überdies mitunter erst der Kantor und dann die Gemeinde sagt (oft wird es auch dreimal gesungen), so erweist sich die Behauptung als richtig, daß es etwa zwanzigmal gesagt wird. Der deutsche Text dieses Gebetes lautet in freier Übertragung: Gott, o Gott, allmächtig, barmherzig und gnädig, langmütig und von unendlicher Huld und Treue! Du bewahrest Gnade bis ins tausendste Geschlecht, verzeihest Schuld, Missetat und Sünde, und sprichst rein die Reuigen. Müssen wir dieses Gebet erst zwanzigmal sagen, damit es stimmt, oder welches ist der Grund? Noch ein zweites Beispiel. Das Gebet ki onit lautet: * Wir sind Deine Bekenner, und Du bist unser Gott, Wir sind Deine Kinder, und Du bist unser Vater. Wir sind Deine Knechte, und Du bist unser Herr. Wir sind Deine Gemeinde, und Du bist unser Teil. Wir sind Dein Erbe, und Du bist unser Gut. Wir sind Deine Herde, und Du bist unser Hirt. Wir sind Dein Weinberg, und Du bist unser Hüter. Wir sind Dein Werk, und Du bist unser Bildner. Wir sindDeineGetreuen, und Du bist unser Freund. Wir sind Dein Eigentum, und Du bist unser Hort. Wir sind Dein Volk, und Du bist unser König. Wir verehren Deinen Namen, und Du bringst unseren Namen zu Ehren! Dieses Gebet wird im Laufe des Versöhnungsfestes fünfmal gesagt. Wer das Exorbitante nicht sofort begreift, schreibe das Gebet viermal auf einen Bogen Papier. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren* Auch im Sabbatgottesdienst iindet man zahlreiche Wiederholungen! Unbestreitbar verliert z. B. das Kaddischgebet durch das häufige Hersagen an Weihe. V. Mitunter wird auch derselbe Inhalt unserer Gebete in verschiedene Formen gegossen. Daß auch dies.e inhaltlichen Wiederholungen gestrichen werden müssen, halte ich für selbstverständlich. VI. Ein kurzer Blick auf den Inhalt unserer Gebete genügt, um die Forderung nach ihrer Modernisierung gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Unverständlich ist mir, warum man z. B. iti unseren Gebeten noch immer um Regen bittet und dergl. Doch hierfür genügt schließlich ein Lächeln. Gefährlicher scheint es mir schon, wenn man in den Gebeten Verpflichtungen ausspricht, die man nicht erfüllt. (Teffilin, Opfer usw.) Abstoßend muß es aber nach meiner Ansicht auf jeden anständig denkenden Menschen wirken, wenn man bei den innerlichsten Angelegenheiten (Seelenfeier) an den Geldbeutel erinnert wird.