Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 5 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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28 allen Festtagen ihnen nachgesprochen, bis im letzten Jahrhundert die bessere historische Einsicht dieser Selbstbezichtigung ein Ende gemacht hat. Denn längst hatten fromme und weise Lehrer der Vorzeit das Dunkel des jüdischen Schicksals in anderer Art zu enträtseln gesucht: ( , Trotz allen Leiden, sagte schon R. Osia, war die Zerstreuung über die Erde eine Wohltat' Gottes an Israel; denn nur dadurch, daß es in verschiedenen Ländern wohnte, konnte es den verheerenden Umwälzungen, die bald hier, bald dort über die Menschheit kamen, entgehen und sich erhalten. R. Elieser aber betrachtete die Zerstreuung als notwendiges Mittel für das Wachstum der religiösen Erkenntnis in der Welt und meinte: „Durch das lebendige Beispiel, das Israel den Völkern gab, in deren Mitte es lebte, sollten diese lernen, Roheit und Aberglauben überwinden, und für reinere Lehren empfänglich werden." Auch der Versöhnungstag selber und seine Geschichte zeigt uns, daß die übermäßige Belastung des eigenen Gewissens, wie sie im Mittelalter wieder aufkam, nicht immer jüdischer Brauch gewesen ist. Als ehemals noch der Hohepriester für das israelitische Volk das Bekenntnis der Sünden ablegte, beschränkte er sich auf die drei Worte: „Sie haben gesündigt, sie haben sich vergangen, sie haben gefrevelt!" In späteren finsteren Jahrhunderten, da man sich in Selbstanklagen nicht genug tun konnte, schuf man den großen „Widduj", eine spezialisierte Aufzählung aller möglichen Vergehen und Verbrechen und verlangt^ von jedem Gemeindemitglied, daß es sich der Lüge, der Hinterlist, der Verleumdung, des Betruges und des Raubes schuldig erkläre, auch wenn es sich innerlich davon frei wußte. Erst der Neuzeit blieb es vorbehalten, diese Ausschweifung des Schuldgefühls auf das gehörige Maß zurück zu führen und ihm die Form zuzuweisen, die wir heute in unseren Gebetbüchern lesen. Mag daher manch unwissender Verteidiger des Herkommens über diese Änderung eines alten liturgischen Stückes gescholten haben, wir wissen sie im Einklang mit den besten Traditionen des Judentums und sehen in ihr eine Rückkehr zu dem Geist des Bibelwortes : „Sei nicht allzu gerecht und wolle nicht allzu weise sein! Warum willst du zugrunde gehen?" Nun, da wir uns aus der Geschichte des Judentums die Befugnis geholt haben, Übertreibungen des Schuldbewußtseins entgegenzutreten, können wir zu den Selbstanklagen der Gegenwart Stellung nehmen. Es ist im letzten Jahr bei uns Mode geworden, für den Krieg und alle seine Folgen ausschließlich das deutsche Volk verantwortlich zu machen. Nachdem wir früher in Unkenntnis der wirklichen Vorgänge andere Nationen und ihre Führer als die böswilligen Friedensstörer bezeichnet hatten, scheinen wir jetzt in den entgegengesetzten Fehler zu verfallen und unter Preisgebung aller Würde und Selbstachtung uns als die alleinigen Übeltäter hinstellen zu wollen. Wir Juden sollten es uns versagen, in diesen Chor der allzu Reumütigen und Bußfertigen einzustimmen. Man wolle doch nicht vergessen, daß die Kriegshetzer und Kriegs verlänger er, die kalten Rechner, die mit Millionen von Menschenleben und mit Milliarden wertvollster Güter leichtfertig spielten, in anderen Ländern ebenso saßen wie bei uns. Sucht man die wirklichen Ursachen für das entsetzliche Unglück, unter dem wir leiden, so halte man sich vielmehr an die allgemeine S ü n d h a f t i g - keit des Menschengeschlechtes, an die Machtgier und den Neid, an die Eitelkeit und die Herrschsucht, die Uberhebung und das Mißtrauen, die vor dem Kriege wahre Orgien gefeiert haben. Und soll der erste Versöhnungstag, den wir wieder im Frieden begehen, Gefühle der Reue bei uns auslösen, so möge er uns in dem Vorsatze stärken, die wilden Triebe der Menschennatur zu bekämpfen, an der Versittlichung der künftigen Generation zu arbeiten und wahrer Kultur wieder eine Heimstätte auf Erden zu schaffen. Weit wichtiger und folgenschwerer ist aber unsere Stellungnahme zu einer anderen Selbstanklage, die wir jetzt oft hören müssen: wir Juden hätten diese Hetze, die jetzt gegen uns losgebrochen ist, durch unsere eigenen Sünden verschuldet. Man wird es einem Prediger auf der Kanzel nachfühlen<, daß es ihm nicht leicht fällt, angesichts solcher Äußerungen der Selbsterniedrigung seine Ruhe zu bewahren. Wer Jahr für Jahr durch seinen Beruf gezwungen ist, dem Hause Jakobs seine Sünden vorzuhalten, zugleich aber auch wahre Frömmigkeit und Sittlichkeit anzuerkennen und zum Ausharren zu ermutigen, dessen Blick ist geschärft für die Vorzüge und die Fehler seines Stammes, und man 3arf ihm eine gewisse Unparteilichkeit zutrauen. Wenn ich demnach auch zugeben muß, daß unsere Gemeinschaft von den unerfreulichen Erscheinungen der skrupellosen Gewinnsucht, der unangebrachten Verschwendung, der gelockerten Moral und der gesteigerten Genußsucht nicht freigeblieben ist, so muß ich doch hervorheben, daß dieselben Erscheinungen in anderen Kreisen vielleicht noch in höherem Maße infolge des Krieges zu Tage getreten sind. Und wenn man die grausigen Opfer gegen uns ausspielt, die unsere Mitbürger während der letzten Jahre für das Vaterland gebracht haben, so darf ich auf die zahllosen Trauerhäuser hinweisen, die auch bei uns in dunkeln Tagen kinderlos oder vaterlos geworden sind. Ganz entschieden aber muß ich widersprechen, wenn man behauptet, diese neue Welle des Judenhasses sei die Reaktion gegen unser herausforderndes Verhalten in und nach dem Kriege. Diese Welle soll die ehemaligen Machthaber wieder zu ihrem alten Einfluß emporheben, wie einer ihrer Wortführer kürzlich mit brutaler Offenheit eingestanden hat, diese Welle ist künstlich gemacht mit allen Mitteln verschlagener Bosheit, mit einem ungeheuren Aufwand an Geld, mit dem wirksamen Appell an uralte,, noch immer in der Tiefe glimmende Volksinstinkte, Daher rufe ich am heutigen Abend meine Glaubensbrüder auf, streng zu sein gegen ihre Schwächen, offenbare Fehler zu bekämpfen, Irrtümer zu beseitigen und Schäden wieder gut zu machen. Unsern betörten Heißspornen aber, den überkritischen Richtern der Gegenwart, den Judenfeinden im eige-