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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-11-01 · Heft 5 (November 1919) · page 1

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 5 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Nr. 5 November 1919 Jahrg. I Inhalt: Predigt zum Versöhnungstag. — Unser Gottesdienst. — Die Neugestaltung des jüdischen Religionsunterrichtes. — Schrifttum und Literatur. — Fragekasten. — Spender-Liste. — Verbands- und Vereinsnachrichten. Predigt zum Versöhnungstag, (Vorabend.) Von Rabbiner Dr. Hochfeld - Berlin. Andächtige Gemeinde! Der große Tag der Einkehr und Umkehr, der Läuterung und der Versöhnung ist bei uns eingezogen. In einmütiger Absicht sind wir erschienen vor Gottes Angesicht, bereit zu bekennen, daß wir irrende, schwache Mlenschen sind, bereit, abzulassen vom Bösen und dem Guten von neuem uns anzugeloben. Fünfmal kommt an diesem Tage von unseren Lippen das Gebet: „Wir sind nicht frech und hartnäckig, daß wir sprächen gerecht sind wir und haben nicht gesündigt; nein, wir haben gesündigt." Aus unserem eigenen- Innenleben, aus der Rückschau auf unsere persönliche Erfahrung wis» sen wir^ daß die Einsicht in unsere Fehler, das Bekenntnis unserer Irrtümer und Sünden der erste und wichtigste Schritt zur Besserung ist. Erst wenn wir uns ohne Beschönigung und unwahrhaftige Ausrede eingestanden, daß wir uns vergessen hatten, daß wir auf falschem Wege waren, daß Unrecht an unseren Worten und unseren Händen klebte, gelang uns die schwerste Tat im Leben, die energische Wendung zum Licht, die durchgreifende Korrektur unserer Gesinnung, das Einschlagen einer neuen Willensrichtung. Kann man aber auch darin des Guten zu viel tun? Kann man zu weit gehen in der Selbstanklage, in der Prüfung seiner Handlungen und der Belastung des eigenen Gewissens? Fast möchte man es heute glauben. Zeiten des Druckes und der Not, der Schwere und der Verelendung sind zugleich Zeiten gesteigerter Unzufriedenheit des Menschen mit sich selbst: die heitere Unbefangenheit des Gemüts ist geschwunden, man sieht überall Mißgriffe und Übereilungen, Unbesonnenheit und Verblendung, Schuld und Sünde. Gewiß sollen wir bei jedem Unglück, das uns trifft, die Frage an uns richten: wie weit tragen wir die Verantwortung? was können wir aus ihm lernen? wie müssen wir uns künftig verhalten, um einer Wiederkehr vorzubeugen? Aber eine finstere Grübelei, wie sie jetzt eingerissen ist, eine Peinigung mit Vorwürfen, wie sie heute weite Kreise unserer Zeitgenossen ergriffen hat, die ist nichts anderes, als die ungesunde Übertreibung eines an sich richtigen Prinzips. Daher möge der heutige Festabend dazu beitragen, uns zu gerechter Schätzung unseres Lebens zurückzuführen, er möge, so sonderbar es klingen mag, allzu weitgehende Zweifel an der Richtigkeit unserer Grundsätze eindämmen und uns den Mut, den wir nötig haben, wiedereinflößen. Wir wollen uns nicht besser machen als wir sind, aber auch nicht schlechter. Erinnern wir uns des alten Bibelwortes: „Sei nicht allzu gerecht und wolle nicht allzu weise sein! Warum willst du zugrunde gehen?" Es läßt sich aus der Geschichte des Judentums leicht der Nachweis erbringen, daß die ungerechtfertigte Selbstanklage dem Geist unserer Religion nicht entspricht. Als Israel zum ersten Male den heimatlichen Boden Kanaans verlassen mußte, als die falsche Politik seiner Könige und Großen das Elend des babylonischen Exils über das Volk gebracht hatte, da war die Traurigkeit und Niedergeschlagenheit unserer Ahnen so tief, daß sie in ihren Verfehlungen und Sünden die einzige Ursache des Unglücks erblickten und sich für immer von Gott verlassen glaubten. Damals hatte ein Prophet, dessen Worte wir in der Bibel lesen, den sittlichen Mut, über das Verhältnis von Schuld und Strafe kritische Betrachtungen anzustellen und seinen Zeitgenossen zuzurufen: Israel hat zwar Böses getan und' gefrevelt, aber „nun hat es aus der Hand des Herrn das doppelte Maß empfangen für alle seine Sünden". Ja dieser Prophet übersah nicht, daß die anderen Völker Asiens noch schlechter oder wenigstens nicht besser gewesen waren, als sein eigenes, und so wälzte er in seiner Abrechnung mit dem Schicksal auch diesen die Verantwortung am Zusammenbruch zu und ließ in einem grandiosen Gedicht sie sprechen: „Gott hat an Israel heimgesucht unser aller Schuld." Den gleichen Geist des abgeklärten Urteils und der allseitigen Gerechtigkeit atmen die Aussprüche zweier Talmudweisen. Als das nationale Unglück noch einmal über unsere Väter gekommen war, als Roms eiserne Faust schwer auf dem Nacken Judas lag, als der Tempel wieder in Trümmer ging und Scharen entronnener Flüchtlinge auf ferner Erde eine Stätte des Bleibens suchten, da erwachte in den Verfolgten und Heimatlosen von neuem ein überstarkes Schuldbewußtsein. „Um unserer Sünden willen sind wir vertrieben aus unserem Lande'*, klagten sie damals in heißem Gebet. „Um unserer Sünden willen sind wir vertrieben aus unserem Lande", so haben es unzählige Geschlechter an

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