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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-10-01 · Heft 4 (Oktober 1919) · p. Seite 22

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 4 (Oktober 1919)
Date
1919-10-01
Page
Seite 22 (sequence 4)
Language
German
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Gleichgültigen, die es nicht der Mühe wert finden, sich ein Ziel zu setzen, so kann ei; als neutraler gemächlich existieren, kann erziehliche und wissenschaftliche Aufgaben ganz wohl erfüllen (obwohl es auch schon mit der objektiven neutralen Wissenschaft eine recht heikle Sache ist). Ein solcher Verein stagniert, entbehrt jedes geistig regsamen Lebens, jedes intensiven Wollens und endet meist als Geselligkeitsklub, dem Tanz und Ausflug höchstes Ideal wird. — Oder zweitens: In ihm sind Menschen, sind Wollende, Zukunftschaffende. Dann haben diese die Entscheidung im einen oder , anderen Sinne getroffen und suchen und mühen sich nun zu wirken. Eine Zeitlang geht der Kampf der Richtungen heiß, bis schließlich die numerisch oder an Intensität und Geisteskraft stärkere sich durchsetzt und die unterliegende zur Resignation oder zum Austritt veranlaßt. So entstehen die scheinneutralen Vereine, die in Wirklichkeit zionistiscli oder liberal sind, die aber aus äußeren Gründen, sei es aus kluger Taktik oder Rücksicht auf Gemeindeverhältnisse (Einheitsgemeinden z. B.) unter der falschen Flagge weitersegeln. Zumal der große neutrale Verband mit seiner weitreichenden pekuniären und ideellen Unterstützung für sie eine willkommene Kräftigung bedeutet. — Drittens endlich: Ein seltsamer psychologischer Vorgang, das Gefühl der Einheit des Judentums oder die Suggestivkraft des Wortes Neutralität ist in den Mitgliedern eines Vereins, auch den Besten, Strebenden, Zielsuchenden und in bestimmter Richtung Entschiedenen so stark, daß sie um der Einheit willen ihr Ziel verleugnen, darauf verzichten zu wirken, zu propagieren, sich durchzusetzen. Daß sie alles Trennende vertuschen und nur das Einigende betonen, daß sie sich auf Aufgaben beschränken, welche keinen Konflikt hervorrufen können, daß sie Meister der klugen Politik werden, wovon die Tagung des 15. Juni ja Zeugnis ablegt. Ich will ganz davon absehen, daß mit einem derartigen Gebahren. sicherlich keine Charakterstärkung, auch kein großer Vorteil für die Zukunft des lebendigen Judentums verbunden ist, ich will nur das Ergebnis derartiger Vereinstätigkeit konstatieren: Unterwerfung unter die Orthodoxie, Anerkennung ihrer Vorherrschaft, Sündergefühl des Liberalen, der heimlich am Sabbat fährt und sein Schinkenbrot ißt, während er es im Vereine nicht darf. Eine Neutralität, die darin besteht, daß niemand die Gefühle der Orthodoxen verletzt; daß ihnen, den Hütern des traditionellen Judentums zuliebe alles geschieht. Die Liberalen und Zionisten können ja liberal sein und das tun oder unterlassen, was von ihnen verlangt wird. Ihnen kann es nichts schaden, wenn sie aus Rücksichtnahme Zeremonien erfüllen, die für sie nichts bedeuten. (Als ob wahrhaft religiöses Gefühl dadurch nicht notwendig abgestumpft werden müßte und andererseits Handlungen, die dem Orthodoxen heilig sind, zum Ge§pötte werden.) Genug! Dieses falsch verstandene Prinzip der Neutralität, das zur Stagnation, zur Lüge oder zur Selbsterniedrigung führen muß, sollte endlich erkannt werden als das, was es ist, als die schwerste Gefahr der jüdischen Erneuerung, ja sogar — wenn es auch paradox kling — als die tiefste Quelle aus der immer wieder Kampf und Parteiung hervorbricht. Denn einmal dem Gängelbande jugendlicher Parteilosigkeit entwachsen, wird der Gereifte -um so leidenschaftlicher ins Kampffeld des pulsierenden Lebens heraustreten. Er hat nicht gelernt, mit dem Gegner sich zu vertragen, bei voller Wahrung der Verschiedenheit des grundsätzlichen Standpunktes, wo es Gemeinsames gilt, gemeinsam zu arbeiten. Er darf ja gar keinen Gegner kennen, es darf für ihn keine Parteien, keine Zielpunkte des Wollens, erstrebt in gemeinsamem Kampfe, geben, es wird ja künstlich fingiert, äls wäre eine Einheit vorhanden, wo in Wahrheit abgrundtiefe Klüfte sich auftun. Nicht als ob ich die Einheit des Judentums leugnen wollte, die Notwendigkeit einer geschlossenen Kampffront nach außen verkennte! Im Gegenteil. Zu Gunsten der wahren, der echten Neutralität, bekämpfe ich die falsche künstlich vorgetäuschte. Wahre Neutralität bedeutet: Zusammenschluß im Gemeinsamen, Einigung Wollender da, wo gleiche Wege begangen, gleiche Ziele erstrebt werden können. Indem jeder sich zusammenfindet mit dem Gleichgestimmten zu bauendem Schaffen, jeder der Fahne folgt, die seiner Gesinnung die richtige scheint, indem er nicht nutzlos die Kraft in der Abwehr, im Negativen vergeudet, sondern vorwärts schreitet und aufwärts seinem Ideale entgegen, wird sich aus der bloßen Tatsache des Judeseins, aus der bedrohten Stellung des Judentums mitten in feindlicher Umwelt, aus der gemeinsamen Basis kostbarer Ueberlieferung heiligen Erbguts der Väter in Schrifttum und Sitte, genug Gemeinsames ergeben, um zusammen zur Tat zu gelangen. Da wollen wir Neutralität, wo Keiner von seiner Ueberzeugung etwas zu opfern braucht, wo die Schicksalsgebundenheit die Getrennten zwangsläufig zusammenführt. Den neutralen Verband, die große Organisation der jüdischen Jugend soll man schaffen, der die Verein ejeglicherR ichtung umschließt, der die umfassende Weite hat, alles, was den Namen Jude trägt und daraus für sich eine Verpflichtung ableitet, in sich aufzunehmen. Kein einzelner Verein soll neutral sein, mit Gleichgerichteten schließe sich jeder zusammen zum besonderen Ziele. Dann blüht Leben auf, frisch und mannigfaltig, dann ist fruchtbarer Kampf von Idee gegen Idee, dann werden neue Werte geschaffen, dann wird Jugend erzogen, nicht zur Einseitigkeit, sondern zum Leben. Um. aber keine wertvolle Kraft zu vergeuden, um nicht — eine Gefahr, die leicht droht — den Kampf zum Selbstzweck werden zu lassen, um Gehässigkeit aus der Welt zu schaffen und der Gerechtigkeit, der Duldsamkeit und der Liebe die Verwirklichung zu sichern, schließen sich die einzelnen Parteivereirie zusammen zu einem losen Gefüge, das in das berechtigte Sonderleben jeder Organisation nicht eingreift, sondern ausgleichend, harmonisierend wirkt und nur da tätig wird, wo eine wirkliche innere Gemeinsamkeit besteht.

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