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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-10-01 · Heft 4 (Oktober 1919) · p. Seite 21

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 4 (Oktober 1919)
Date
1919-10-01
Page
Seite 21 (sequence 3)
Language
German
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alten Form belassen und ein § 2 folgenden Inhalts hinzugefügt wurde: „Die Verbandsvereine erstreben die Pflege bewußten Judentum1«, der reinen Grundsätze-des Patriotismus, Einfluß auf die sittsiehe Führung und geistige Fortbildung ihrer Mitglieder durch die Vermittlung jüdischer und deutscher Kulturwerte .... Bei den Veranstaltungen des Verbandes darf nichts geschehen, was gegen das jüdische Religionsgesetz verstößt." So die offizielle Interpretation der Vorgänge dieser interessanten Tagung, wie sie beispielsweise in den'Berichten des „Israelitischen Familienblattes" in Nr. 25—27 zu lesen ist. Man fragt sich unwillkürlich : Tant de bruit pour une Omelette? Also nichts weiter als ein Wortstreit hat soviel Staub aufgewirbelt, hat in den nahezu 100 angeschlossenen Verbandsvereinen erregte wochenlange Diskussionen und eifervolle Beschlüsse hervorgerufen? O nein, die Krise hat tiefere Ursachen,- es ging um die Grundlage, die Existenzvoraussetzung des Verbandes, das wußten oder empfanden unbewußt zum mindesten alle Redner des Tages; es ging darum, daß Einer, daß Dr. Apfel den Mut haben wollte, auszusprechen, was war, es ging um die Erkenntnis, daß Neutralität in der bisher festgehaltenen Form eine Lüge ist, es ging darum, das Unklare, Verkleisterte klar und sauber zu machen. Der Widerstand, die Bequemlichkeit, die Unjugendlichkeit hat gesiegt, das Prinzip der Neutralität ist gerettet und „ging gefestigt aus allen Stürmten hervor". Man hat trefflich kluge Politik wieder einmal gemacht, man hat — so herrlich verwischt, was 'man nicht klären wollte und konnte. „Pflege reiner Grundsätze des Patriotismus", diese treffliche Formel hätte die Jugend doch ruhig dem weiseren Alter überlassen sollen. Nun kann der Zionist so zufrieden sein, wie der Zentralvereinler, reinen Patriotismus wird Jeder pflegen, sei es nun deutschen, sei es jüdischen, mag er in Palästina oder in deutschen Landen seine Heimat, sein Vaterland erblicken. Selbst der Intransigenteste, wie Klatzkin, kann nichts dagegen einzuwenden haben. Daß der Sturm auf die Neutralität gerade in diesen Tagen losbrach, da eine jüdische Parteirichtung, der Zionismus, ungeahnte Erfolge für sich buchen darf, ist leicht erklärlich. Aus vierjährigem, bittersten Kriegserleben heraus, aus dem Ressentiment, das der verstärkt hereinbrechende Antisemitismus nährte, aus dem unstillbaren Verlangen nach neuem, menschlicherem Geist, den zu pflegen es galt in Gemeinschaft Gleichgestimmter, aus dem Drange des immanenten Ethos, aus der Erkenntnis, daß eine alte Welt verfault war bis in die Wurzeln, erwachte der jüdischen Jugend in all ihren besten Köpfen und Herzen ein neuer, gekräftigter Wille zum Judentum, das ihnen nicht mehr Gabe nur, sondern Aufgabe sein, das ihnen Ziel und Wert bedeuten sollte. Den Drängenden wies der Zionismus neue Wege und Werte. Jugendlich, radikal, idealistisch befriedigte er romantisches Sehnen und einte entschlossene Bekenner zu Wille und Tat. — Viele aber vermögen ihm nicht zu folgen, sei's aus Bequemlichkeit, um ihr eigenes liebes Wohlsein zitternd, sei es aus der tieferen Erkenntnis, daß dem Judentum eine andere Aufgabe beschieden, als eigenvölkische Sammlung, daß ein jüdischer Nationalismus Verleugnung sei aller Traditionen der Vergangenheit, daß er Assimilation bedeute ah den verhängnisvollsten Irrwahn unseres Zeitalters, an die national-chauvinistische Welle Europas. Die Gegner nun treibt es, gleichfalls sich Ziele zu setzen, gleichfalls nicht mehr das Judentum hinzunehmen als eine gegebene Tatsache, mit der man sich bestmöglichst abzufinden hat. Sie suchen ihrem Judesein einen Inhalt. Und fühle sich gezwungen, ihn klar zu formulieren, ihn abzugrenzen von, jenem nationalistischen, den sie verwerfen, der alles Gleichgültige, Rauhe, soweit es noch entzündungsfähig, in Flammen zu stecken droht. Da finden sie sich eingezwängt in neutrale Vereine, die wohl bewußtes Judentum zu pflegen das Bedürfnis fühlen, aber gehemmt vom unfruchtbaren Prinzip der Neutralität nicht aussprechen dürfen, «welchen Judentums sie sich bewußt sind, und sein wollen. Positives Judentum kann ihnen da nur bedeuten das Judentum wie es ist, wie es war, wie es überliefert in Büchern und Riten. Aber nicht Judentum, das sein soll, das lebenskräftig eine Zukunft hätte. Nur Kinder und Schläfrige, Gleichgültige können neutrale Juden, Juden an sich, Juden von Geburt her, Juden der Vergangenheit sein, nicht erwachte Menschen. Und deren birgt gottlob der neutrale Verband eine große Menge. So aber Einer erwacht, bewußt wird, sich ein Ziel setzt, muß er sich auch entscheiden, muß entweder Palästina, die Nation als Letztes und Endgültiges bejahen oder die Menschheitsaufgabe, den Messianismus, das religiöse Ethos, oder aber er wird in Pietät und Glauben auf jede Zielsetzung verzichten und sein Judesein erfüllt sehen in dem Bekenntnis zum überlieferten Glauben, in der traditionellen Lebensführung, in der Wahrung und Weiterpflanzung von Inhalten und Formen der Vergangenheit. Nur dieser eigentlich, der Orthodoxe, so er mit einem Tropfen Toleranz gesalbt ist und nicht zum Fanatiker wird, kann wahrhaft neutral sein, kann in neutralen Vereinen seine volle Befriedigung finden. Für ihn genügt die Beschäftigung mit jüdischen Schriften, die Unterweisung im Hebräischen, die gemeinsame Feier jüdischer Festtage, die Bekämpfung der Mischehe und Taufe, die Förderung der Sittlichkeit in geschlechtlicher Hinsicht, die Berufsberatung, da ja „nichts geschehen darf, was gegen das jüdische Religionsgesetz verstößt". Wer ihn in diesen Bestrebungen, die gewiß wertvoll und unterstützenswert sind, helfen will, den duldet er gern neben sich im neutralen Verein. Nur verpönt muß sein die Betonung des Judentums als etwas noch Lebenden, sich weiter Entwickelnden, politischen oder religiösen Zielen Zustrebenden. Ziel darf mehr Aufrechterhaltung des Vergangenen sein. Man glaube nicht, daß ich übertreibe. Seit längeren Jahren selbst Mitglied neutraler Vereine habe ich die Entwicklung an den verschiedensten Orten beobachtet. Dreierlei ist möglich: Entweder besteht ein Verein in der Mehrzahl aus

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