Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 3 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 16 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2550626-2550627-2550630--026-2550736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 fürchtiger Scheu herantreten dürfen. Aber diese Scheu darf uns nicht hindern, in dem Buch der Bücher eben auch das von Menschen geschaffene Werk zu sehen. Diese Menschen waren gewiß von Gott begnadete, religiöse Genies, sie haben oft, sehr oft in religiösem Schwünge sich über ihre Zeit emporgehoben und Ewigkeitswerte geschaffen. Aber sie waren doch auch Menschen, Kinder ihrer Zeit, deren ethisches Empfinden durch örtliche und zeitliche Verhältnisse bedingt oder mindestens beeinflußt worden sind. Darum ist für den liberalen Juden nicht alles von gleichem Wert, von gleichmäßiger Wichtigkeit. Er unterscheidet zwischen religiös-ethischen und rituellen Gesetzen, zwischen Vorschriften religiöser und juristischer Art. Er sieht in den Anschauungen der biblischen Schriftsteller eine aufsteigende Entwicklung und sucht festzustellen, was für unsere Zeit noch wertvoll ist und was nicht. Der orthodoxe Jude ist der Meinung, daß die Bibel so, wie sie uns vorliegt, ursprünglich ebenfalls gewesen sei, daß keinerlei Veränderungen an ihrem Texte vorgekommen seien. Der liberale Jude weiß, daß die Bibel wie jedes durch Jahrtausende handschriftlich überlieferte Werk gewissen Veränderungen unbedingt unterworfen gewesen ist, und er bemüht sich in ehrfürchtiger Scheu den ursprünglichen Text festzustellen. In allen seinen Anschauungen sieht der liberale Jude keine Entwürdigung der heiligen Schrift. Nach seiner Meinung ist es für eine Ge- ' ineinschalt ein größeres Verdienjsit, ein solches* Werk aus seiner Mitte hervorgebracht zu haben, als daß es ihr ohne ihr Zutun als Gnadengeschenk vom Himmel gekommen wäre. Er ist voll berechtigten Stolzes auf dieses Heiligtum, das schon vielen Tausenden Erhebung und Trost, Aneiferung und Mut gegeben hat, und er sucht auch in ihm nach dem belebenden „Strahl des lebendigen Was- . sers", um aus ihm sich zu stärker^ im Kampf gegen Verlockung und Untreue. Um unseren Lesern einen Begriff zu geben von der Auffassung des religiös-fortschrittlichen Judentums, von deren Entwicklungsgedanken in der. Bibel, wollen wir diesen an einigen Beispielen aufzeigen. Im zweiten Teil der Thora, dem Exodus, finden wir im Kapitel 23, Vers 14—17, folgende Vorschrift: Dreimal im Jahre sollst du mir ein Fest feiern. Das Fest der ungesäuerten Brote sollst du beobachten; sieben Tage sollst du ungesäuertes Brot essen wie ich dir geboten habe, und zwar zur Zeit des Ahrenmonats, denn in diesem bist du aus Ägypten gezogen. Man soll aber nicht leer erscheinen vor meinem -Angesichte. Und beobachte das Fest der Ernte, der' Erstlinge deiner Arbeit, nämlich dessen, was du auf dem Felde ausgesäet hast; und das Fest des Einsammelns beim Ausgange des Jahres, wenn du nämlich den Ertrag deiner Arbeit einsammelst von dem Felde. Dreimal im Jahre sollen alle deine Mannsleute erscheinen vor dem Herrn, dem Ewigen. Hier wird also bestimmt, daß drei Feste gefeiert werden sollen, von denen das erste mit einem geschichtlichen Ereignis, die beiden anderen mit der Ernte in Verbindung gebracht werden. Aber es fehlt jede genauere Bestimmung über Ort, Zeit und Art der Feier. Ganz anders erscheint dies im fünften Teil der Thora, wo über dieselben Feste folgendes angeordnet wird (Deuteronomium 16, 1—17): Beobachte den Ährenmonat, daß du das Uberschreitungsopfer (Pesach, Passah) bereitest dem Ewigen, deinem Gotte, denn im Ährenmonat hat der Ewige dein Gott dich aus Ägypten geführt, in der Nacht! Schlachte am Passah dem Ewigen, deinem Gotte (und opfere) Kleinvieh und Rindvieh an dem Orte, den der Ewige dein Gott erwählen wird, daß er seinen Namen daselbst thronen lasse. Du darfst dabei kein Gesäuertes essen, sieben Tage sollst du dabei Ungesäuertes essen, Brot der Armut (denn in Eilfertigkeit bist du aus Ägypten ausgezogen), auf daß du gedenkest des Tages, an dem du aus Ägypten gezogen bist, alle Tage deines Lebens. Es soll sieben Tage kein Sauerbrot bei dir gesehen werden, in deinem ganzen Gebiete, und von dem Fleische, welches du am Abend des ersten Tages opferst, soll nicht über Nacht bleiben, bis zum Morgen. Du darfst das Passah nicht in einem deiner Tore schlachten, die der Ewige, dein Gott, dir gibt, sondern an dem Orte, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird, daß er seinen Namen daselbst thronen lasse, sollst du das Passah schlachten (und zwar) am Abend, wenn die Sonne untergeht, um dieselbe Zeit, als du aus Ägypten zogst. Du sollst es essen und kochen an dem Orte, den der Ewige, dein Gott, dir erwählen wird, dann magst du am anderen Morgen dich wenden und heimgehen zu deinen Zelten. Sechs Tage sollst du Ungesäuertes essen und am siebenten Tage ist Festversammlung (Agareth) dem Ewigen, deinem Gotte, da sollst du keine Arbeit verrichten. Sieben Wochen sollst du dir zählen, von dem Tage an, da m^n beginnt, die Sichel an die Saat zu legen, sollst du anfangen, sieben Wochen zu zählen. Dann sollst jdu das Wochenfest feiern dem Ewigen (und darbringen) die freiwillige Gabe deiner Hand, die du geben magst nach dem Maße, wie der Ewige, dein Gott, dich segnen wird. Und du sollst dich freuen vor dem Ewigen, deinem Gotte; du, deine Tochter, dein Sohn und dein Knecht und deine Magd, und der Levite, der in deinen Toren ist, wie auch der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte sind, an dem Orte, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird, daß er seinen Namen daselbst thronen lasse. Und gedenke, daß du Knecht warst in Ägypten und beobachte und halte diese Satzungen. Das Hüttenfest sollst du feiern sieben Tage, wenn du einsammelst aus deiner Tenne und Keller. Und freue dich an deinem! Feste, du, dein Sohn und deine Tochter, und dein Knecht und deine Magd, wie auch der Levite, und der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren sind. Sieben Tage sollst du feiern an dem Orte,