Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 2 (August 1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Erstens sollen sie, die doch leider nur selten Gelegenheit haben, am Sabbath-Vormittag die Synagoge zu besuchen, durch Anführung einiger wichtiger Stellen aus den nächsten Wochenabschnitten der Thora und Propheten angeregt werden, die Bibel selbst wieder zur Hand zu nehmen, damit sie wieder unsere Bibel werde. Durch Hinweise auf die besonderen Namen der Sabbathe, der Thora- und Propheten-Abschnitte, sollen die Leser auch an manches erinnert werden, was ihnen seit der Schulzeit in Vergessenheit geraten ist. Das gilt selbstverständlich auch von den Vorlesungen an Fest- und Fasttagen. Zweitens wollen wir unsere Leser anregen, sich mit den nachbiblischen Schätzen unserer Literatur zu beschäftigen. Der Talmud, dieses so oft genannte und doch von so wenigen gekannte Werk, soll allmählich dem Verständnis unserer Leser nahegebracht werden. Dabei müssen wir bedenken, daß für uns die Teile des Talmud von Wert sind, die wir „Aggada", d. h. Erzählendes, besser: „Nicht-Gesetzliches" nennen. Hier finden wir neben mancherlei Veraltetem aus allen Wissensgebieten, das uns aber oft Bewunderung abringt für das vielseitige Wissen der Talmudlehrer, die religiösen und ethischen Anschauungen dieser Männer in kurzen Sprichwörtern und Sentenzen, in Gleichnissen und Fabeln. Aber all dies war für die Gelehrten etwas so Selbstverständliches, daß sie es nur nebenher gleichsam im Vorübergehen hinwarfen, während ihnen die „Halacha", d. h. der „Weg", nämlich der, den der Mensch gehen soll, besser „das Gesetz" das eigentlich Wichtige, das allein Beachtenswerte war. Wir wollen daher neben dem Aggadischen, das für uns den größeren Wert behalten hat, auch in die Halacha einzuführen versuchen, um dadurch zu einer genaueren Beschäftigung mit beiden Teilen des Talmud anzuregen, soweit dies dem Nicht-Fachmann überhaupt möglich ist. Außerdem sollen in diesem Teile auch Schriften aus der nachtalmudischen Zeit der Kenntnis und dem Verständnis näher gebracht werden. Drittens soll in besonderen Aufsätzen die Auffassung des religiös - fortschrittlichen (liberalen) Judentums von dem jüdischen Schrifttum, von seiner Geschichte und seinem Wert dargetan werden. Daneben oder vielmehr dabei wollen wir durch Herausheben einzelner Episoden zum Studiutai der jüdischen Geschichte und Literatur im weitesten Sinne hinweisen und anregen. Denn darüber sind wir uns von vornherein klar und wollen dies auch immer und immer wieder aussprechen: Wir können in dieser Zeitschrift nichts Ganzes zeigen oder bieten. Wir können nur auf das Große in unserer Väter Erbe hinweisen, wir können nur auffordern, es durch eigene fleißige, unermüdliche Arbeit in Besitz zu nehmen. Wir körnten unseren Lesern immer nur wieder und wieder in die Seele hämmern: Nur der Wissende kann in seiner Überzeugung, kann in seinem Judentum, kann in seiner religiös - fortschrittlichen Weltanschauung feststehen. Darum beherziget das Wort der Schrift: „Dieses Gebot, das ich dir heute gebe, ist dir nicht zu schwer und liegt dir nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, daß du sagen könntest: „Wer will für uns in den Himmel steigen, um es uns zu holen, und es uns vorrechnen lassen, daß wir danach tun." Und es ist nicht jenseits des Meeres, daß du sagen könntest: „Wer will für uns über das Meer fahren, es uns holen, und es uns vorrechnen lassen, daß wir danach tun." Sondern es liegt dir ganz nahe in deinem Munde und in deinem Herzen, so daß du danach tun kannst. (Deuteronomium 1,10, Hirschfeld Ii—14.) Aus der Bibel An den nächsten Sabbathen, dem 2., 9., 16., 23. August, werden aus der Thora die Kapitel 1 bis 16 Vers 17 vorgelesen. Zum ersten Wochenabschnit, Deworim, gehört als Prophetenabschnitt, Haphtarah, Jesaia Kapitel 1 Vers 1—27. Nach* dem ersten Worte: „Vision Jesaias hebräisch: Chasaun" benennt man diesen Sabbath. Er gilt als Trauersabbath, da unmittelbar auf ihn am 4. August der Trauertag zur Erinnerung an die zweimalige Zerstörung des Tempels, der Tischo b'ar (9 Ab) folgt. An diesem wird als Haphtarah Jesaia Kap. 55 V. 6 ff. vorgelesen. Außerdem werden die Klagelieder und die Zionslieder des spanischen Dichters Jehuda Halevi vorgetragen. Die nächsten drei Sabbathe heißen nach dem Inhalt ihrer Prophetenabschnitte Trostsabbathe, der erste besonders Sabbath Nachmu nach dem ersten Worte aus Jesaia Kap. 40 V. 1: Tröstet, tröstet mein Volk. Die nachfolgenden Stellen sind angeführt nach der Schul- und Hausbibel von Auerbach (abgekürzt A.) Deuteronomium 10, 12.13. Ä. S. 151/152 Und nun, Israel, was fordert der Ewige, dein Gott, von dir, als daß du fürchtest den Ewigen, deinen Gott, daß du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebest, daß du dienest dem Ewigen, deinem Gotte, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele? Beobachten sollst du die Gebote des Ewigen, deines Gottes, und seine Satzungen, die ich dir heute gebiete, zu deinem Heile. Deuteronomium 10. 17—22. A. S. 152 Denn der Ewig-e, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr aller Herren, der große, mächtife und furchtbare Gott, der kein Ansehen achtet und keine Bestechung nimmt. Er schaffet Recht der Waise und der Witwe, und liebt auch den Fremdling, so daß er ihm Brot und Gewand gibt. Also sollt ihr auch den Fremdling lieben; denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Ägypten. Den Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten, ihm sollst du dienen, ihm sollst du anhangen und bei seinem Namen sollst du schwören. Er ist dein Ruhm und er ist dein Gott, der diese großen und furchtbaren Dinge für dich getan hat, die deine Augen gesehen haben. Mit siebzig Seelen zogen deine Väter nach Ägypten hinab, und nun hat der