Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 2 (August 1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Verwirklichung ihres dreißigjährigen — nicht etwa, wie sie behaupten, des zweitausendjährigen jüdischen — Traumes stehen, vor der Einwanderung nach Palästina zu warnen und Vorbeugungsmaßregeln zur Abwendung der von ihnen heraufbeschworenen Gefahr zu treffen, kann man begreifen, und mag man mit Bedauern feststellen, wenn man den hilfsbedürftigen Ostjuden ein Asyl, eine sichere Heimstätte wünscht. Es muß gewiß Kopfzerbrechen verursachen, ob von den infolge maßloser Versprechungen zur Auswanderung drängenden Ostjuden 200000 oder 20000 im Jahre drüben untergebracht werden können. Herr Trietsch und Herr Ruppin mögen sich darüber an Hand ihrer wissenschaftlichen Hypothesen auseinandersetzen. Das Resultat der tagelangen Debatten konnte, das stand von vornherein fest, nichts anderes sein als eine Gummiband-Resolution, des oder ähnlichen Wortlauts, wie sie denn auch gefaßt wurde: „Der Palästina-Delegiertentag der deutschen Zionisten erwartet und fordert von der Leitung der zionistischen Bewegung die sofortige Inangriffnahme aller Vorbereitungen für eine geordnete mit allen Kräften zu beschleunigende Einwanderung in Palästina nach Maßgabe 4^r Möglichkeiten des Landes." Daneben wurde die Errichtung eines „Palästinaamtes" zur Durchführung der auf Palästina bezüglichen Arbeiten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland beschlossen, so daß man, nachdem durch eine neue Organisation alles Notwendige geschehen, mit beruhigtem Gewissen die weitere Entwicklung abwarten kann. Angenommen wurden ferner 13 Anträge der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der deutschen zionistischen Organisation, allerdings in erheblich abgeschwächter Form. Das Tragikomische dieser Verschmelzung von Sozialismus und jüdischem Nationalismus, das Unbegreifliche der Tatsache, daß Männer, die wahrhaft vom altjüdisch-sozialen, vom menschheitlichen Geiste erfüllt sind, an der Aufrichtung einer neuen Scheidewand zwischen den Nationen beflissen arbeiten, daß sie bewußt den übernationalen Charakter des Judentums, der es zum Bannerträger gerade des Sozialismus so überaus geeignet macht, zu zerstören helfen, will ich hier nur erwähnen, ohne es für diesmal näher auszuführen. Endlich möchte ich nicht unterlassen, den letzten Satz des offiziellen Sitzungsberichtes in der „Jüdischen Rundschau" vom 3. Juni anzuführen : „Mit der Absingung der Hatikwah schloß die Tagung gegen 8 Uhr abends." Für mein Gefühl liegt in der „Absingung" dieses hebräischen Cantus von Leuten, die großenteils gar kein Hebräisch verstehen, etwas Gezwungenes, Unwahres, allzu Gemachtes. Wenn ihr einmal in Palästina seid und nur noch hebräisch sprecht, dann mögt ihr singen, wie es euch gefällt. Aber in Deutschland, das ihr als Heimat ja heute anerkennt, fordert doch nicht bewußt den Nationalhaß, das berechtigte Gefühl der Fremdheit heraus, nur um euch selbst in diesem Bewußtsein, das ihr mit Pumpwerk und Röhren in euch heraufzwängen müßt, zu stärken. Doch genug davon für heute. Weit bedeutungsvoller für uns, und ich möchte sagen, verhängnisvoller, scheint mir die Tagung des Centraivereins zu sein, die sich in der Hauptsache mit der Kongreßfrage befaßte, daneben aber auch außenpolitische Programmpunkte und eine Revision der Vereinstätigkeit im Sinne einer Vertiefung der positiv-jüdischen Arbeit auf die Tagesordnung setzte. Die außerordentlich erregte Aussprache über den Kongreß, bei welcher Befürworter und schroffe Gegner hart aneinander gerieten, gipfelte schließlich in der Annahme folgenden Antrages: „Der Centraiverein begrüßt die Schaffung jüdischer Kongresse in Deutschland, auf denen die das deutsche Judentum bewegenden Fragen von der gewählten Vertretung aller deutschen Juden behandelt werden. Die Generalversammlung erwartet vom Vorstande, daß der erste Kongreß erst zu einer Zeit einberufen wird, zu der die Abhaltung aus allgemeinen Erwägungen heraus angebracht erscheint. Die näheren Bestimmungen werden dem Vorstand überlassen." Verhängnisvoll, sagte ich, erscheint mir diese Resolution. Ohne auf das Pro und Contra des Kongresses näher eingehen zu wollen — denn hier ist sehr viel zu sagen und wird in späteren Aufsätzen gesagt werden — liegt in der Annahme dieses Beschlusses etwas Symptomatisches. Man beweist damit nur allzu offensichtlich die Schwäche unserer Position. Niemals haben bisher die Zionisten uns Zugeständnisse gemacht, niemals sind sie einen Schritt breit von ihrer Basis abgewichen, um unseren Anschauungen entgegenzukommen. Sie erklärten es noch in letzter Zeit auf der verunglückten Sitzung, welche eine Verständigungsgemeinschaft der sämtlichen Jugendvereine herbeiführen sollte, daß das einzige Zugeständnis, das sie uns machen könnten, darin gestände, daß sie uns erlaubten, ihnen Zugeständnisse zu machen. Nur mit einer derartigen Festigkeit der Anschauung kann man siegen. Wir aber sind ja in der Hauptsache liberal und so kommt es nicht darauf an, ob wir bald ein wenig nach rechts, bald ein wenig nach links rücken. Erkennt es denn niemand, daß mit der Zustimmung zu einem jüdischen Kongreß, ohne ausdrückliche Betonung des religiösen Zweckes, ohne Unterstreichung der Absicht, eine Organisation der jüdischen Religionsgemeinden in Deutschland zu schaffen, ohne das ausgesprochene Ziel, die Vertretung der deutschen jüdischen Kirche, wenn ich dies Wort, das so gut paßt, gebrauchen darf, auf demokratische Basis zu stellen, schon ein recht bedeutungsvoller Schritt zur Anerkennung der jüdischen Volkheit oder zum mindesten Nationalität getan ist? Ganz davon zu schweigen, daß dieser deutsche Kongreß das Glied zum jüdischen Weltkongreß notwendig bilden wird,, einem Weltkongreß, der ganz unzweifelhaft keinen rein religiösen Charakter besitzen wird. Aber auch die k 1 u g e Politik, die man mit dieser Resolution machen wollte, scheint mir verlorene Liebesmühe. Kein Zionist wird der Ausschließung der nichtdeutschen, aber hier ansässigen Juden vom Kongreß zustimmen. Schon an dieser