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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-08-01 · Heft 2 (August 1919) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 2 (August 1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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% Bestandes des Judentums werden mußte, da die Judenheit anfing, an dem allgemeinen Geistesleben der Völker, in deren Mitte sie lebte, teilzunehmen. Wenn das Judentum des 19. Jahrhuftderts ein solch trostloses Bild bietet, so darf dies nicht, wie es oft fälschlich und böswillig geschieht, dem Liberalismus zur Last gelegt werden; die Schuld daran trägt vielmehr zum größten Teil jene Lehre der Orthodoxie. Wenn das Judentum für die Zukunft lebensfähig sein soll, dann muß es diese Auffassung überwinden. Die Orthodoxie, die an die Stelle des aus tiefster religiöser Uberzeugung geborenen Glaubens ein Dogma setzt und die dem Drange nach religiösem Letten und nach religiöser Betätigung durch strenge Normen und Gesetze Genüge tun will, konnte nicht die Religion einer Zeit sein, in der alles nach Erneuerung drängte, nach Vertiefung und Verinnerlichung. Es ist mit eines der Verdienste des Zionismus, daß er vielleicht unbewußt, zu einer Zeit nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Not des Judentums einen Ausweg schuf für die vielen, die ihren Halt im Judentum verloren hatten, weil sie ihr Denken und Fühlen mit jener Lehre, die als die offizielle des Judentums galt, nicht mehr in Einklang bringen konnten. Der Zionismus zeigte ihnen einen Weg, wie sie gute Juden bleiben konnten, ohne sich mit der bisherigen offiziellen Auffassung vom Judentum einverstanden erklären zu müssen. Euer Judentum, so lehrte der Zionismus, beruht nicht auf dem Glauben an irgendwelche Wahrheiten, euer Judentum ist vielmehr eine Naturtatsache, die keiner weiteren Legitimation bedarf. Ist bisher die Zugehörigkeit zur Religion, d. h. zu der Religionsauffassung, wie sie die Orthodoxie kündete, ein Merkmal der Zugehörigkeit zum Judentum gewesen, so trat an dessen Stelle jetzt das Merkmal der Geburt. Jude ist, wer als Jude geboren ist^ In der Betonung dieses Kriteriums für die Zugehörigkeit zum Judentum dürfte die geschichtliche Bedeutsamkeit des Zionismus zu sehen sein. Denn mag auch dieser Satz für das Judentum nichts Neues bedeuten, ihn einseitig zu betonen, war eine historische Notwendigkeit zu einer Zeit, da das Interesse für die Religion geschwunden war und eine Formulierung gefunden werden mußte für diejenigen, die der Religiofi fremd gegenüberstanden und dennoch Juden bleiben wollten. Aber keine Gemeinschaft der Menschen kann und darf sich damit begnügen, Selbstzweck zu sein. Wie der einzelne Mensch sich stets die Frage nach dem Sinn seines Daseins stellt oder wenigstens stellen soll, so erhebt sich mit der gleichen Notwendigkeit für die Völker, wie überhaupt für jede Menschengemeinschaft immer wieder die Frage nachdem „Wozu". Sinn unseres Daseins, so beantwortet der Zionismus durch seine konsequentesten Denker diese Frage, ist unser Dasein selber. Mag die jüdische Religion an sich etwas Wertvolles sein, für das Judentum als Nation betrachtet, ist die Religion das Unwesentliche. „Die Schale ist national wertvoller als der Kern." Diesem konsequenten Zionismus gegenüber verhält sich eine andere große Richtung innerhalb des modernen Judentums ablehnend. Dieser „Kulturzionismus". — ich gebrauche dies Wort, obwohl es meist in einem etwas anderen Sinne verwendet wird — glaubt, Schale und Kern nicht trennen zu dürfen. Ihm ist die Verwirklichung des zionistischen Ideals die Gewähr dafür, daß die spezifisch jüdischen Ideen sich verwirklichen werden. Aber gerade in der Beantwortung der Frage, welches diese Ideen seien, versagt diese Richtung. Denn die Ideen des Judentums werden stets auf ihrer „Jüdischkeit" hin untersucht.4 Sind die Ideen, die das Judentum vertritt, auch jüdisch? Diese Frage, in irgend einer Form, kehrt innerhalb dieser Parteirichtung immer wieder, und'jüdisch ist hier nur im nationalen Sinn gemeint. Der nationaljüdische Charakter wird das Kriterium für den Wert der Ideen des Judentums. Das aber heißt den Wert dieser Ideen herabsetzen. Die Unterscheidung zwischen dem „Kulturzionismus" und der rein politischen Richtung des Zionismus, die wir eingangs gemacht haben, wird hierdurch wieder aufgehoben. Kriterium für das, was jüdisch ist, sind auch hier nationale Momente. Mit dem Begriff des Judentums als Religion ist aber diese Auffassung unvereinbar. Mag es sein, daß wir Juden sind schon durch Geburt. Aber das Judesein ist uns nicht Selbstzweck, insofern dieses Wortf allein die Zugehörigkeit zur Nation bezeichnen soll. Denn die Ideen des Judentums müssen unabhängig von Ort und Zeit gelten, wenn sie den Anspruch erheben wollen, religiöse Werte zu sein. Dabei ist es gleichgültig, wie sich das Judentum historisch entwickelt hat. Es hat die Stufe Nation überwunden und ist zur völkerverbindenden Idee geworden. Zions unsterbliches Verdienst und Jerusalems Ewigkeitswert sind begründet in der Lehre, die von dort ihren Ausgang nahm. „Denn von Zion ging die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem." Man beschimpft uns in der Welt und sucht unseren Glauben und unsere Lehre herabzuwürdigen, und unsere jüdischen Gegner machen höhnisch uns hierauf aufmerksam. Mögen die einen höhnen und die anderen fluchen, wir gehen unseren Weg durch die Welt treu dem Glauben, der unserem Leben Sinn und Bedeutung verleiht, und treu der Überzeugung, daß das Gute sich durchsetzen wird in der Welt, daß es sich aber nur durchsetzen kann, wo sich Menschen finden, die den Mut haben, mit ihrem ganzen Sein dafür einzutreten und sich nicht beirren lassen durch die Feindschaft der Menschen. Das ist unsere jüdische Aufgabe, uns von Gott gegeben, dem Glauben an Gott und dem Glauben an das Gute zu leben, und in \mserem Leben die Lehre Wirklichkeit werden zu lassen, damit das Judentum durch unsere Tat seine weltgeschicht-

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