Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- Heft 10 (3.6.1935)
- Date
- 1935-06-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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In großzügiger Weise wurden in den Jahren 1926-31 Erweiterungsbauten ausgeführt. Auf der Kaizunge VI entstanden auf einer Gesamtbauilächc von 34 000^ qm fünf große vollständig ausgerüstete Kaisduippcn. sodann auf einer Bauflache von 44oo qm ein umfangreicher fünfstöckiger Tabakspeicher. Im Freigebietc des Viltorio Emanuele III wurde ein neues vier* stöckiges Lagerhaus dem Verkehr übergeben, im Zollhafen der Bau einer großen Passagierhalle für den Auswandererverkehr vollendet» Noch im Laufe dieses Jahres werden die* Schuppenanlagen durch einen Getreidespeicher ergänzt, welcher die Einlagerung von 31000 Tonnen Getreide zuläßt, und welcher dürch seine modernen maschinellen Hebe- und Fördervorrichtungen eine Löschung von 100 Tonnen innerhalb acht Stunden gestattet. INDUSTRIELAND PALÄSTINA Von Dr. Alfred Marcus, Haifa Wir setzen hiermit die Artikelserie des Ver* fassers fort: Eine grundsätzliche oppositionelle Haltung gegen jede in?, dustrielle Entwicklung darf im Lande nicht aufkommen. Denn .wir sehen ja schon heule, daß eine solche Haltung rein akademischen tlharaklers wäre. Umgekehrt kann man sich aber sagen, daß eine grundsätzliche Bejahung der gesunden industriellen Entwicklung — wie sie erfreulicherweise in den meisten zu-» ständigen jüdischen Instanzen des Landes anzutreffen ist — zu einer wenn auch nicht exekutiven und unbedingt verbindlichen Leitung auf planmäßiger Basis, aber doch zu einer wichtigen Beeinflussung der industriellen Entwicklung in Palästina in dem Sinne führen kann, daß hier tatsächlich Auswüchse und Fehlleitungen wenigstens auf ein gewisses Minimum eingeschränkt werden können. Es gibt ja dloch in jedem Wirtschaftskörper, wenn er sich nur seiner lExistenz und seiner [Notwendigkeiten -.bewußt ist und entsprechende Organe ausbildet, immer eine große Reihe von Möglichkeiten der Beeinflussung von ökonomischen Tendenzen. * Unterstellen wir einmal zunächst it daß diese Organe vorhanden seien und ihren Einfluß auszuüben in der Lage: dann entsteht die Frage, was heißt unter dem heutigen Zükunftsuspekt eine „gesunde' industrielle Entwicklung Palästinas? Es mag etwas merkwürdig anmuten, daß wir hier von einer solchen Voraussetzung /ausgehen und auf dieser Basis die Grundfrage zuerst stellen, anstatt zuerst zu untersuchen; wie weit „entsprechende Organe heute bereits im Lande vorhanden sindi Aber es wird sich im Laufe dieser Darstellung zeigen, daß diese Reihenfolge der Fragen die richtige ist. Also: Was heißt heute und für absehbare Zukunft in Palästina „Gesunde industrielle Entwicklung'^ eine Entwicklung also, die den strukturellen Landesbedürfnissen insoweit entspricht, als sie sowohl die Veränderungen des weltwirtschaftlichen Ortes Palästinas durch eine Einwanderung mit gewissen europäischen Minimalbedürfnissen in Rücksicht zieht, darüber hinaus aber in einem Tempo und einer Richtung vor sich geht, die in einer gewissen Harmonie zu der Entwicklung unseres landwirtschaftlichen Sektors stehen? - Der Versuch, zu einer Analyse, dieses Fragenkomplexes zu gelangen, hat von verschiedenen Grundtatsachen auszugehen. Die eine besteht darin, ddß die Prodüktionskraft Palästinas im Verhältnis zur seiner Konsumkraft zur Zeit außerordentlich klein ist. Das findet 'seinen sinnfälligsten Ausdruck in dem überaus hohen Einfuhrüberschuß., des Landes. < Nun ist eine passive Handelsbilanzdurchaus nicht immer ein Volkswirt- . schaftliches Unglück, welches der Beseitigung bedarf. So hai> ^as reiche Vorkriegsdeutschland unterbrechungslos in den Jahren von 1887-^-1914 eine passive Handelsbilanz gehabt und sich dabei recht wohl befunden. Aber das konnte es nur des- < halb, weil es eine sehr aktive Zahlungsbilanz hatte. In diesem erfreulichen Zustande hat sich Palästina in den letzten zwei Jahren deshalb befunden, weil es eine recht umfangreiche Kapitaleinwanderung sah. Nur auf Grund dieser Kapitaleinwanderung konnten wir uns den enormen Einfuhrüberschuß der letzten Jahre leisten. Aber die Kapitaleinwandetung ist eine Angelegenheit, mit der wir zwar in einem gewissen Umfange bei einem einigermaßen ruhigen und ungestörten Verlauf unserejS Aufbauwerkes auf absehbare Zeit immer werden rechnen können, die Frage ist nur, wie weit sie mit dem Umfang dieses Aufbauwerkes Schritt hält, ganz abgesehen von der einen radikalen Möglichkeit einer anhaltenden Einwanderung ohne Kapitalimport. (Dieser Kapitalimport braucht durchaus nicht imtner von der Einwanderung selbst getragen zu werden; er muß nur gleichzeitig mit ihr erfolgen, um nicht — was bei der gegenwärtigen Spanne zwischen Produktions- und Konsumkraft des Landes durchaus zu befürchten wäre — zu einer unerträglichen Belastung unserer Außenhandelsbilanz zu führen.) II. . Die Diskrepanz zwischen der industriellen Prodüktionskraft und der industriellen Konsumkraft des Landes findet ihren sinnfälligsten Ausdruck in dem Einfuhrüberschuß des Landes, der im Jahre 1 §34 bei einem Import von. etwa , i 5 Millionen £P und einem Export von etwa 3,2 Millionen £P auf den ersten Blick freilich als erschreckend hoch erschein . nen konnte. Aber gerade eine Analyse dieser Ziffern zeigt auch den Weg der Entwicklung zur Industrialisierung hin. Denn es steigt sowohl absolut als auch prozentual der Anteil unserer Maschineneinfuhr an der Gesamteinfuhr von Fertigfabrikaten (von 7 P/o im Jahre 1933 auf 9,30/0 im Jahre 193/») ,L und diese Tatsache ist entscheidend. Sie bedeutet, daß wir jetzt in eine industrielle Investitionsperiode einzutreten beginnen, die der ganzen wirtschaftlichen Situation des Landes wohl auf Jahrehinaus das Gepräge geben wird. Es ist nur selbstverständlich, daß m einer solchen Periode -— die Rüssen haben sie, natürlich unter ganz anderen Verhältnissen und in ganz anderen Dimensionen,-im Laufe der letzten zehn Jahre ebenfalls durchgemacht — stets ein beträchtlicher Einfuhrüber^- schuß vorhanden sein muß, daß wir sogar Wert darauf legen müssen,, ihn in bestimmten Einfuhrkategorien noch immer mehr anwachsen zu lassen, das heißt vor allem in solchen, welche industrielle Produktionsmittel aller Art umfassen. Wenn wir soeben davon' sprachen, daß wir Produktionsmittel im wesentlichen durch Einfuhr beschaffen müssen — auch in absehbarer Zukunft!— so bedeutet das bereits eine erste und wesentliche Einschränkung der industriellen Möglichkeiten Palästinas. Es ist nämlich davon auszugehen, daß wir Produktionsmittelindustrien nennenswerten Umfanges in absehbarer Zeit, wenn überhaupt jemals, nicht werden entwickeln können. Das bedeutet nicht, daß wir es uns versagen sollten, einfache Mascliinenteile, und Werkzeuge selbst, im Lande herzustellen. Aber" es bedeutet, daß wir zum mindesten auf lange Zeit hinaus darauf werden. verzichien müssen, , kompliziertere Maschinen und Apparaturen und große Maschinenaggregate selbst zu produzieren. Die Gründe für diesen Verzicht sind folgende: Eine siderurgisch-metallurgische Urproduktion kann Palä- . stina nicht entwickeln. Es hat weder Kohle noch Erze. Das heißt, daß es darauf angewiesen bleiben wird, die Materialien, aus denen sich Produktionsmittel industrieller Natur heute im wesentlichen zusammensetzen, im" verarbeitungsfähigen Zustande zu importieren. Das ist wichtig für die Beurteilung unserer Aussichten auf dem produktionsmittelindustriellen Ge: biet; überhaupt. Denn wenn wir keine Hüttenindustrie haben, uns also die Ausgangsmaterialien für* Produktionsmittel nicht ßelbst herstellen können, sondern sie kaufen müssen, dann ergibt sich für uns von vornherein das Problem, wie weit wir überhaupt bei der Bearbeitung von Eisen und Metallen in der Stufenleiter des Produktionsprozesses nach untengeheii können. Hätten wir Erze und Kohle, so wäre dieses Problem nicht gegeben. Dann hätten wir eben versuchen müssen „to make the best of it'\ Da diese Voraussetzung nicht zutrifft, sind wir einerseits in der industriellen Entwicklung gewiß benachtei-