Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- Heft 18 (31.12.1934)
- Date
- 1934-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Und die Wirklichkeit! Wie hoch ist nun tatsächlich die gegenwärtige Zahl der jüdischen Arbeiter in di&ejn aussichtsreichen Wirtschaftszweige? — Die verschiedenen Untersuchungen haben ergeben, daß sie zur Zeit 4500 Mann beträgt. Einige charakteristische Beispiele: Nach der Zählung der Jewish Agency beschäftigte Kirkur 70 Juden und 108 Araber, Binjamina: 19 Juden und 98 Araber, Rischon le Zion: 189 Juden und 403 Araber, Petach- Tikwah (die Zählung erfafjt hier nur einen Teil der Pardessim): 251 Juden und 684 Araber. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache über den Mißstand im Zahlenverhältnis zwischen jüdischer und arabischer Arbeit in den wesentlichsten Siedlungen Judäa und Schomron. Auch im Scharon ist die „Festung" der jüdischen Arbeit im letzten Jahr ins Wanken geraten: in Kfar-Saba und Magdiel sind jetzt Hunderte von Arabern beschäftigt, während die Zahl der jüdischen Arbeiter zusehends zusammenschmilzt. Eine rühmliche Ausnahme bilden die Kolonien Raanana, Ramatajim, Herzlia, Tel-Mond, Pardess-Chana u.a.m., die bis heute auf dem Prinzip der rein jüdischen Arbeit beharren konnten, und die der Versuchung widerstanden haben, den jüdischen Arbeifer von seinem schwererkämpften Posten zu stürzen. Die jüdische Pflanzungswirfschaft, einer der wichtigsten Zweige der jüdischen Wirtschaff des Landes überhaupt, diese reiche Arbeitsquelle, schwemmt den jüdischen Arbeiter immer stärker fort und wird zum Aufnahmebassin für Tausende von arabischen Arbeitskräften, die nicht nur aus landansässigen, sondern auch aus den vom Irak und aus Transjordanien zugewanderten arabischen Elementen bestehen. Die jüdische Wirtschaft in Palästina hat auch in der arabischen Wirtschaft starke Umwälzungen hervorgerufen. Die arabische Pflanzungswirfschaft beschäftigt jetzt gleichfalls vieltausend Arbeiter, auch die gemischte arabische Landwirtschaft, wie Gemüse- und Obstanbau, Milchwirtschaft usw., erfuhr eine Erweiterung, und eine beträchliche Anzahl von Fellachen, die früher als Lohnarbeiter tätig waren, arbeiten jetzt in ihrer eigenen Wirfschaft. Dies alles führte dazu, dafj es heute bereits Schwierigkeiten macht, einheimische arabische Arbeiter, die in jüdischen Wirtschaffen arbeiten wollen, aufzutreiben. So z. B. veröffentlichte die Landwirfschafts-Abfeilung der Mandafsregierung eine Bekanntmachung, nach der in der arabischen Wirtschaft ein großer Mangel an Arbeitskräften herrscht. Und es sind tatsächlich zahlreiche Fälle bekannt, in denen arabische Arbeiigeber die aus den Nachbarländern eingewanderten Araber eingestellt haben. Dies geschah beispielsweise in Saratend-Kilkilich; in der Hauptsache jedoch konzentrieren-sich— diese zuwandernden arabischen Arbeifer in den jüdischen Kolonien wie Petach-Tikwah, Ness-Ziona und Rechowoth. Wenn man frühmorgens dort vorbeikommt, kann man beobachten, wie die Einwohner ganzer Araberdörfer in die jüdischen Siedlungen auf Arbeit gehen. Nach einer Erhebung im Mai 1934 waren allein in Petach-Tikwah 1400 arabische Arbeiter beschäftigt, daneben viele Hundert in den benachbarten jüdischen Kolonien. Beispiele . . . Um die Tragweite der Verdrängung der jüdischen Arbeitskraft aus den jüdischen Kolonien und den mafjlosen Schaden, der hieraus für die allgemeine jüdische Wirtschaft im Lande erwächst, begreiflich zu machen genügt es, ein paar Beispiele aus den palästinensischen Alltag anzuführen. Da ist zunächst einmal die Kolonie Ness-Ziona. Diese Kolonie, die eine Pflanzungsjläjche von 6000 dunam besitzt, kann sich seit langem ihrer besonderen Vorliebe für arabische Arbeitskräfte rühmen, derzufolge in ihren sämtlichen jüdischen Pardessim nur ein paar Dutzend jüdischer Arbeifer beschäftigt sind. Und wie verhält es sich mit der Bedeutung dieser Siedlung für den nationalen Aufbau? Die Zahl der jüdischen Einwohner dieser Kolonie beträgt 200 Familien 600 Köpfe. Die Zahl der jüdischen Gebäude beläuft sich auf 100. Der jüdische Siedler ist hier nicht nur aus der Landwirtschaft, sondern auch aus Handel und Handwerk völlig verdrängt worden. Auch diese Wirtschaftszweige befinden sich heute nahezu ausschließlich in arabischen Händen. In der erwähnten Kolonie sind gegenwärtig ca. 600 arabische Arbeiter (und zur Zeit der Orangenernte noch mehr) beschäftigt. Daneben finden noch arabische Handwerker und Kramhändler ihren Unterhalt. D i e Zahl der in Ness-Ziona arbeitenden und verdienenden Araber ist also dreimal so groß wie die der jüdischen Einwohner. Wie aber erging es einer Kolonie, die den „Frevel" beging, sicfci mit einer hundertprozentig jüdischen Arbeiter-Belegschaft zu „belasten"? Wie erging es beispielsweise Kfar-Saba? Die Pflanzungsfläche in Kfar-Saba beträgt ca. 4000 dunam, — also weniger als die von Ness-Ziona —, und doch haben hier 2400 Juden — also das Vierfache der Zahl von Ness-Ziona — Lohn und Brof gefunden. Die Zahl der jüdischen Häuser beträgt hier 500 (gegenüber 100 in Ness-Ziona), Handwerk und Handel liegen vollständig in jüdischen Händen, diese Kolonie kann sich auch einiger bedeutender gesellschaftlicher Institutionen rühmen. So ging die Entwicklung dieser Kolonie vorwärts bis zu dem Zeitpunkt, da die jüdischen Jkarim" (Landwirte) begannen, den jüdischen Arbeifer von seiner Arbeifssfäfte zu verdrängen. Nun aber trat eine Wendung zum Schlechten ein im Leben dieser Kolonie: die Bautätigkeit ging zurück, viele jüdische Handwerker wurden zum Verlassen der Kolonie gezwungen, und auch der Handel erfuhr eine schwere Erschütterung, so dafj Kfar-Saba aufhörte, auch Anziehungskraft sowohl auf den jüdischen Arbeiter als auch auf andere jüdische Wirfschaftskreise auszuüben. Ein drastisches Beispiel stellt auch die Kolonie Binjaminah dar. Diese Kolonie wurde mit Hilfe grofjer öffentlicher Mittel ins Leben gerufen. Die von der Gesellschaff „PICA", einer Gründung des verstorbenen Baron Rothschild, im letzten Jahrzehnt investierte Summe wird auf 80 000 £P geschätzt. Der Gesamtbodenbesitz der Kolonie beträgt 6000 dunam. Außerdem sind von der „PICA" Pachtländereien im Umfange von 2000 dunam an die Siedler vergeben worden. Die Pflanzungsfläche dieser Kolonie beträgt nach der letzten Erhebung durch die Jewish Agency 2100 dunam. Der restliche Landbesitz dient dem Ackerbau. Die Ländereien haben eine gute Wasserversorgung. Ungeachtet dessen finden hier nur 180 Familien, also 600 Köpfe, ihr Auskommen. Die Zahl der jüdischen Landarbeiter in dieser Kolonie macht kaum ein paar Dutzend aus. Dagegen arbeiten dort Tag für Tag hundert Araber in Dauerstellung. Die jüdischen Jkarim" haben es fertiggebracht, die Tore der Arbeit vor dem jüdischen Arbeiter mit Hilfe öffentlicher Gelder abzusperren. Die kolonisatorischen und nationalen Resultate eines derartigen Systems gehen aus dem Jahresbericht der Kolonie Sichron- Jaakow deutlich hervor. Dieser Bericht gleicht einem einzigen Verzweiflungsschrei. Die jüdische Einwanderung ignoriert in den letzten Jahren diese Kolonie vollkommen, so dafj ihre Entwicklung und Vergrößerung völlig lahmgelegt ist. Der Vorstand dieser Kolonie macht sich jetzt große Sorgen darüber, wie wohl der Kolonie ihr einstiges jüdische Gepräge wieder zurückgewonnen, und auf welche Weise ihre Straßen von „unerwünschten Elementen"" gesäubert werden könnten. Und nun noch einiges über Petach-Tikwah. Hier sind heutigentags etwa 1800—2000 Araber, verteilt auf Landwirtschaff, Transport, Haushalt usw. beschäftigt. In der Erntezeit steigt ihre Zahl bis zu 3500. Die Straßen dieser sogenannten „Mutter der Kolonien" sind von Arabern und Beduinen förmlich überschwemmt. Wären an ihrer Stelle jüdische Arbeifer täfig, so würde sicher bald eine neue Aufnahmemöglichkeit für weitere tausend jüdische „Olim" (Einwanderer) ^Handwerker, Händler, Angestellte und a. m. geschaffen werden, denn, während der nichfjüdische„ _Ar^ beüer-^von seinemLohrr in del^jTJclfscTTeTrKoIcT^ zurückläßt, kommt der Lohn des jüdischen Arbeitnehmers, der das Geld als Ortsansässiger auf dem heimischen Markte in Umlauf setzt, der örtlichen jüdischen Wirtschaft wieder zugute. * . Schafft wieder jüdische Arbeit! Das sind Tatsachen und Beispiele aus dem palästinensischen Alltag, die eine klare Sprache sprechen und die ungeheure Gefahr des Boykotts jüdischer Arbeiter für den Gesamtaufbau des Landes zeigen. Bei einer kürzlich in Palästina sfatfgefundenen Gerichtsverhandlung gegen jüdische Arbeifer, die auf Wachtposten in Kfar-Saba gestanden hatten, äußerte der britische Richter folgendes: „Ich begreife, daß Ihr es für Euer Recht haltet, von euren jüdischen Arbeitgebern zu fordern, daß sie Juden beschäftigen. Ihr betrachtet dies als patriotische Pflicht, ebenso wie die Araber das gleiche von ihren arabischen Arbeitgebern fordern können. Es scheint aber, daß die jüdischen Arbeitgeber hierüber anders denken. — Und in der Tat, von Tag zu Tag wächst der Kreis dieser „Andersdenkenden" in den jüdischen Kolonien, was einer Untergrabung unseres gesamten Aufbauwerkes im Lande gleichkommt. Es ist heilige Pflicht aller Zionisten, dagegen zu protestieren und einen gesellschaftlichen Druck auf diese Kreise auszuüben, um derartiges zu verhindern. H. F r u m k i n, Tel-Aviv Ein Palästina-Adreßbuch Die Verlagsgesellschaff „Mischar w' Taasia" (Commerce & Industry Ltd.), Tel-Aviv, als erfolgreiche Veranstalterin der Levanfemessen weithin bekannt, kündigt soeben an, daß im Frühjahr 1935 ihr Palästina-Handelsadreßbuch* und Wirtschaftshandbuch (Palestine Commercial Directory and Economic Handbook) in dritter, völlig neubearbeiteter und reich vermehrter Auflage erscheinen wird. Der Adreßbuch-Teil wird das gesamte Adressenmaterial der Wirtschaffsgruppen sowie der öffentlichen Institutionen enthalten. Im Handbuch-Teil wird ein Querschnitt des heutigen Palästina (Geographie, Geologie, Geschichte, Bevölkerung, statistische Uebersichten etc.) gegeben werden. In Vorbereifung ist ferner das „Palästina-Bau-Jahrbuch" in hebräischer und englischer Sprache (Herausgeber Ingenieur J. Schiffmann). Unter Mitwirkung hervorragender Fachleute wird hier eine Darstellung aller mit der Bautätigkeit in Palästina zusammenhängenden Fragen und Fortschritten gegeben. 2