Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- Heft 17 (20.12.1934)
- Date
- 1934-12-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erdölpolitik und Wirtschaft Von Dr. Alfred Marcus, Haifa. Mit der Inbetriebnahme der pipe line, die den großen Erdölteich um Kirkuk östlich des Tigris einerseits mit Haifa, andererseits mit Tripoli in Syrien verbindet, wird Palästina sozusagen zwangsmäßig in einen Komplex von internationalen Interessen politischer, wirtschaftlicher und technischer Natur hineingerückt, dem es früher seiner ganzen Struktur nach sehr fern gestanden hat: Das Land wird praktisch zum Ausfallstor einer der wichtigsten Erdölfundstätten der Welt. (Man schätzt das gesamte Vorkommen an Erdöl im Irak, also einschließlich des Teiches westlich des Tigris von Mossul auf mindestens 2 500 Millionen Barrels, das ist mehr als Persien, Venezuela und Niederländisch-Osfindien einzeln zur Verfügung haben und ungefähr soviel wie Rumänien, Columbien, Mexiko, Britisch Indien, Peru, Argentinien und alle übrigen Länder zusammen, außer Rußland und den Vereinigten Staaten.) Aber mit dem Bau dieser pipe line durch das nördliche Palästina hindurch bis nach Haifa ist die erdölpolitische Bedeutung des Landes noch keineswegs erschöpft. Vielmehr ist zu beachten, daß auch in Palästina selbst offenbar recht ansehnliche ErdölvÖrlcömmen vorhanden sind, wenn auch die offiziellen Berichte über diesbezügliche geologische Untersuchungen bisher nicht sehr ermutigend gelautet haben. Erst neuerdings beginnen sich die Auffassungen über die Abbauwürdigkeit der palästinensischen Erdölvorkommen zu wandeln. Im Laufe des vergangenen Sommers hat eine Debatte im britischen Oberhause gezeigt, daß man diese Vorkommen jetzt doch für wesentlich wichtiger hält, als noch vor einigen Jahren und daß man der Meinung ist, der alte geologische Lehrsatz, wo Kali sei, da sei auch Erdöl — und umgekehrt— würde sich wohl auch in Palästina bestätigen. Wir haben also bei einer Bewertung der erdölpolitischen Stellung des Landes zwei Faktoren zu unterscheiden: Der eine ist bereits praktisch geworden und besteht darin, daß ein wesentlicher Teil des Irak-Oeles durch Nordpalästina nach Haifa fließt und dort verschifft wird, später vielleicht auch wenigstens teilweise raffiniert werden dürfte. Der andere besteht in dem palästinensischen Eigenbesitz an Erdöl, dessen. Umfang noch nicht ganz zu übersehen ist, den man aber auf Grund der letzten Prospektionen wohl auch nicht wird unterschätzen dürfen. Beide Faktore'n sind erdölpolitisch zu betrachten von einer großen erdötwirtschaftlichen Gruppe aus, deren Exponent im Nahen Osten vor allem die Anglo Persian Oil Co. ist. An der Anglo Persian ist die britische Regierung bekantlich mit 50°/o des 26,5 Millionen £ betragenden Aktienkapitals beteiligt. Wenn nun auch die Irak Petroleum Co., welche das Irak-Oel östlich des Tigris ausbeutet, eine Gemeinschaftsgründung der Anglo Persian Oil, der Royal Dutch Shell, der Standard Oil, der französischen Societe Generale des Petroles und der Gulbenkian-Gruppe darstellt, so bestehen doch andererseits in der tatsächlichen Machtverteilung soviel Querverbindungen zu Gunsten des englischen Einflusses, daß man ziemlich ohne Vorbehalte eine entscheidende Position der englischen Erdölpolitik in dieser Gemeinschaftsgründung erblicken kann. Und ähnlich liegen die Dirige auch in Bezug auf die Erdölvorkommen in Palästina selbst nach der Erteilung der Ausbeutungskonzessionen durch die Mandatsverwaltung an dje Anglo Persian Oil im vergangenen Frühjahr und nach der Erteilung von weiteren Mutungsrechten an die Affiliated Oilfields^ Ltd. (Sutherland-Gruppe) in der nächsten Nähe des Toten Meeres. Palästina wird so zu einem Kerngebiet britischer Erdölpolitik, und wenn es auch Mandatsgebiet ist, so wird doch gerade hierdurch seine weltpolitische Beziehung zum britischen Empire eine denkbar enge, denn das Erdöl ist heute in jedem Falle ein Material von höchster Bedeutung für die wirtschaftliche und politische Technik eines solchen Weltreichsmechanismus. PraktiscrTbetrachtet liegen die Dinge so, daß aus oder über Palästina in Zukunft die Rohölversorgung Englands und der britischen Flotte in ganz wesentlichen Teilen erfolgen wird, und über Palästina jedenfalls viel sicherer und bequemer als von Persien aus über Abadan am persischen Golf. Denn um nach Europa zu gelangen, müssen die Sendungen von Erdöl und Erdölderivaten aus den persischen Konzessionsgebieten der Anglo Persian Oil und aus deren großer Raffinerie von Abadan am Persischen Golf rund um die arabische Halbinsel herum durch den Suez-Kanal verschiff* werden. Das ist einmal ein sehr viel längerer Weg als etwa der von Haifa nach den Nordseehäfen und nach den Hauptstützpunkten der Britischen Flotte im Mittelmeer, also auch ein viel leichter zu störender Weg, er ist aber zweitens auch sehr viel teurer. Allein die Abgaben an die Suezkanal-Gesellschaft auf die Erdöltransporte von Abadan nach dem Mittelmeer usw. erreichen jährlich Summen, die — auf die Kosten des pipe line-Baues von Kerkuk nach Haifa gerechnet — die Amortisation der ganzen Transportanlage der Irak Petroleum Co. in wenigen Jahren ermöglichen würden, ganz abgesehen von den vergrößerten Verschiffungskosten, die natürlich dadurch entstehen, daß die Entfernung von Abadan via Suez nach London etwa 6 500 Seemeilen beträgt und die von Haifa nach London nur 2 400 Seemeilen. Wir müssen also in Zukunft mit der Tatsache rechnen, daß Palästina zum mindesten ein sehr wesentliches Stück der neuen Erdölbasis bildet, die für den westlichen Teil des britischen Weltreiches, also für England selbst und für seine gesamten Interessen an und im Mittelmeer jetzt durch die Aufschließung des Kirkuk- Feldes geschaffen wird. Abadan mit seinem persischen Hinterlande bildet die Basis für die Erdölversorgung des östlichen Teiles dieses Weltreiches (die amerikanischen Besitzungen des britischen Empire spielen in diesem Zusammenhange natürlich keine Rolle). Das ist für den „weltpolitischen Ort" Palästmas zweifellos von einer außerordentlichen Bedeutung. Hat das Land noch vor 10 Jahren vom Standpunkt der Weifpolitik aus gesehen zwar große Zukunftsprobleme in sich getragen, aber praktisch doch noch in einem ziemlich toten Winkel gelegen, so liegt es heute infolge seiner ölpolitischen Verflechtung mitten im Brennpunkt eines weltpolitischen Komplexes von großer Aktualität. Bald nach Kriegsende hat Lord Curzon in einer Adresse an das Inter- Allied Petroleum Council in London gesagt: „Die Allierten würden auf einer Erdölwelle zum Siege getragen." Wir alle hoffen und wünschen, daß Palästinas Bedeutung in der internationalen Erdölpolitik stets eine friedliche sein möge. Aber Aeußerungen der angedeuteten Art zeigen doch klar, was das Fließen der pipe line von, Kerkuk nach Haifa und daneben auch däi Vorhandensein von Erdöl in Palästina selbst weltpolitisch bedeuten. In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Bedeutung dieser beiden Tatsache^ natürlich auch sehr groß, aber bei weitem nicht so in die Augen fallend wie in weltpolitischer Hinsicht. Der Erdölverbrauch Frankreichs und Englands wird in Zukunft in wesentlichen Teilen aus dem Kerkuk-Teich gedeckt werden. Das is^ für den« Erdölmarkt wichtig, aber kein Ereignis von umwälzender Bedeutung, auf der anderen Seite ist der Verbrauch der nahöstlichen Länder, also Palästinas selbst, Syrien, ihrer Hinterländer und Aegyptens noch keineswegs riesenhaft. Es würde jedenfalls für Palästina und Syrien zusammen zur Zeit kaum lohnen, eine Raffinerie zu bauen, man bedenke, daß die beiden Länder gegenwärtig einen gemeinsamen Jahreskonsum von etwa 160 000 Tonnen Erdölderivaten haben, und daß beispielsweise die «Raffinerie in Abadan der Anglo Persian Oil Co. allein eine Raffinationskapazität von 23 000 Tonnen im Tag hat, die kleine Raffinerie von Süez eine solche von etwa 300 000 Tonnen im Jahr, um zu erkennen, in welchen Dimensionen sich Raffinationskapazitäten bewegen müssen um wirtschaftlich sinnvoll zu sein. (Für Suez ist dieser Sinn durchaus zweifelhaft.) Jedenfalls müssen wir uns darüber klar sein, daß Palästina mit einem Konsum von 80 bis 100 000 "Tonnen Erdölderivaten im Jahr in den Weltmarktsdimensionen selbstverständlich überhaupt keine Rolle spielt, und selbst wenn man dem ganzen Gebiet Aegypten hinzurechnet, so gelangt man immer noch nicht zu Ziffern, die in diesen Dimensionen irgendwie bedeutungsvoll sind. Man kann also nicht sagen, daß etwa der Nahe Osten selbst als Erdölkonsument irgendwie Anlaß zu der Aufschließung des Irak-Oeles geboten hätte, und das ist auch auf Jahre hinaus nicht zu erwarten. Die 4 Millionen Tonnen Erdöl die zunächst und die 8 Millionen Tonnen die später durch die I. P. C.-Leitung fließen werden, werden vielmehr zu ihrem ganz überwiegenden Teile in westeuropäischen Raffinerien verwendet werden, und es ist kaum damit zu rechnen, daß in absehbarer Zeit an der östlichen Küste des Mittelmeeres, also etwa bei Haifa oder Tripoli, Raffinerien wesentlichen Umfanges entstehen werden, obwohl hiervon sehr viel gesprochen wird und an sich auch die Voraussetzungen hierzu in technischer Hinsicht leicht geschaffen werden können. Aber die Ausnutzung technischer Möglichkeiten bedeutet noch keineswegs die Wirtschaftlichkeit solcher Pläne, und deshalb werden wir vorläufig kaum eine Aenderung der gegenwärtigen erdöl wirtschaftlichen Lage Palästinas zu erwarten haben. 3