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Palästina-Nachrichten · 1934-06-18 · Heft 6 (18.6.1934) · p. Seite 4

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Journal
Palästina-Nachrichten
Volume
1 (1934)
Issue
Heft 6 (18.6.1934)
Date
1934-06-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Die soziale Gliederung der arabischen Bevölkerung Einem Artikel von S. Abramovitz in dem Kooperativ Bulletin" (einer Beiloge der palästinensischen Tageszeitung „Dawar") entnehmen wir folgende Angaben: Die Ergebnisse der letzten Volkszählung liefern uns ein interessantes Material über die wirtschaftliche und soziale Gliederung der arabischen Bevölkerung in Palästina. Zunächst ist eine Unterscheidung zu machen zwischen dem muselmännischen und dem christlichen Teil der arabischen Bevölkerung. Der kleinere — christliche — Teil der Araber stellt überwiegend eine Stadtbevölkerung dar. Abgesehen von den Großstädten Jerusalem, Haifa, Jaffa, wurden in den Städten Palästinas 27 000 christliche Araber gezählt, von denen etwa 88% in 5 Städten konzentriert sind, und wo sie etwa '4 der Gesamtbevölkerung bilden. Ein geringer Teil (etwa 21 000 Personen) lebt auf dem Lande, und von diesem ist mehr als die Hälfte in 23 Dörfern konzentriert, wo sie zwei Drittel der Gesamtbevölkerung bilden, und nur ein Drittel der christlichen arabischen Bevölkerung verteilt sich über die restlichen 800 Dörfer Palästinas. Anders liegen die Verhältnisse beim muselmännischen Bevölkerungsteil. Der überwiegende Prozentsatz lebt auf dem Lande und befaßt sich mit der Landwirtschaft. Die Zahlenverhältnisse gestalten sich hier folgendermaßen: 66 % (zwei Drittel) sind in der Landwirtschaft tätig, 12% in Handwerk und Industrie, 8 % im Handel und 6 % im Transport- und Verkehrsgewerbe. Die arabische Landwirtschaft befindet sich in überwiegendem Maße auf einer primitiven Entwicklungsstufe; 81 % der arabischen Landbevölkerung beschäftigen sich itf der Hauptsache mit primitivem Ackerbau, nur 8 % betreiben intensivere Kulturen (Gemüse- und Weinbau, Orangenpflanzungen), 7% treiben Viehzucht und nur 1% widmet sich der Fischerei. Bei den Angaben der Statistik ist zu unterscheiden zwischen Land b e s i t z e r n und Land a r b e i t e r n (solchen, die keine'h eigenen Landbesitz haben und nur als Arbeitskräfte in fremden Wirtschaften tätig sind). Derartige landbesitzlose (z. T. auch „landarme") Bauern weist die Statistik über 34000 auf. (Hiervon sind etwa 6000 in jüdischen Wirtschaften tätig). Etwa 25 % der in der Landwirtschaft beschäftigten Araber sind also landbesitzlos. An selbständigen Bauern mit einem Landbesitz von durchschnittlich 75 Dunam wurden ca 80 000 gezählt. Auf jeden selbständigen Bauern kamen nach der Statistik durchschnittlich 3r2 Personen. — Der Bodenbesitz eines Bauernhofes beträgt, wie erwähnt, etwa 75 Dunam durchschnittlich. Im einzelnen betrachtet, ist jedoch die Verteilung des Landbesitzes durchaus nicht ausgeglichen zu nennen. So z. B. findet sich neben einer ziemlich breiten Schicht „landarmer" Bauern eine Schicht „landreicher" mit einem Landbesitz von 250 bis 400 Dunam (die 25 bis 30% der Landbevölkerung darstellt). Nach der Statistik war ein Drittel des Bodens an Pächter vergeben.. Danach war die soziale Gliederung der arabischen Landbevölkerung wie folgt: % war landbesitzlos und als Lohnarbeiter in den Nachbarwirtschaften beschäftigt, ein weiteres Viertel wurde von den Landpächtern gebildet, und die restliche Hälfte wurde von „landreichen" und „mittleren" bzw. „landarmen" Bauern gestellt. — Hierbei wäre zu bemerken, daß, angesichts des primitiven Standes der arabischen Landwirtschaft, ein Bauer mit einem Bodenareal von 100 Dunam (ca. 10 ha — nach europäischen Agrarverhältnissen der Bodenbesitz eines „mittleren" Bauern —) hier kaum als „mittlerer" Bauer anzusehen ist; denn, abgesehen von der extensiven Wirtschaftsführung im arabischen Ackerbau, wird der arabische Bauernhof noch durch die ungeheure Zinsenlast beschwert (nach den Feststellungen der Regierungskommission ca. 20 bis 25% der Gesamteinnahmen). Auch die Erwerbszweige der arabischen Stadtbevölkerung stehen auf einer sehr primitiven Entwicklungsstufe. Etwa zwei Drittel der vom Handel lebenden Araber (10418 von 14534) sind z. B. im Kleinhandel tätig, so daß die arabischen Kleinhändler 63 % aller Nahrungsmittel-Kleinhändler, 67% aller Hausierer und ähnlicher Kleingewerbetreibender stellen, während sie im Bankwesen* lediglich durch 7 % vertreten sind. Auch im Transport- und Verkehrsgewerbe erfüllen die arabischen Arbeiter die primitiven Funktionen: zum Hauptteil sind sie Lastträger, Verlader. Hafenarbeiter etc., selten nur findet man sie auf den Bedienungsposten der Verkehrsmaschinen (als Chauffeure und dergl.). Aehnlich sind die Verhältnisse im Wirtschaftszweig „Handwerk und Industrie". * Die hier beschäftigten 12% der arabischen Bevölkerung verteilen sich auf die einzelnen Produktionszweige wie folqt: Bekleidungsgewerbe: 18,5%. Nahrungsmittelindustrie: 15.4%. Bauqewerbe: 26.6 %, Textilindustrie: 5.9 %. Metallindustrie: 7,2 %, Mineralverwertung: 1,4 % usw. Die Araber, die 42% aller in Handwerk und Industrie Beschäftigten stellen, sind auch hier überwiegend in den niederen Produktionsstufen anzutreffen, sie bilden beispielsweise von der Gesamtzahl der Beschäftigten in der Nahrungsmittelindustrie: 58% und in der Handwebe-Industrie :*93 %. Nur ein winziger Bruchteil ist an den höheren Produktionszweigen, wie Elektrizität und ähnlichen modernen Betriebszweigen beteiligt. Ausschließlich im Baugewerbe ist ihr Prozentsatz dem anderer Bevölkerungsteile Palästinas annähernd gleich. AchienSteaufden^ß Gebührenfreie Lagerfrist in den Zollhäusern Auf Grund der „Custom's Ordinance, 1929" sind die Vorschriften, die die Fristen der gebührenfreien Lagerung von Einfuhrwaren in den Zollagerhäusern zu Jaffa und Haifa regeln, in neuer, geänderter Fassung veröffentlicht worden. Da hierbei die Freilagerfristen teilweise nicht unerheblich verkürzt worden sind, haben die Importeure sofortigen Protest bei der Regierung erhoben. Keine Weizen-Einfuhr im Sommer? Da die diesjährige Weizenernte Palästinas ein außerordentlich günstiges Ergebnis verspricht, wird zwecks Sicherung ihres Absatzes und ihres Preisniveaus dem Vernehmen nach die Einfuhr ausländischen Weizens (der hauptsächlich aus der Türkei kommt) für die Zeit vom 1. Juli bis 30. September 1934 völlig verboten Werden. Ermäßigte Zollhaus-Lagergebühren Wie der Direktor des Zolldepartements einer kaufmännischen Delegation mitteilte, wird der Gebührensatz für Waren, die bei den Zollabfertigungsstellen über die Freizeit hinaus lagern, auf die Hälfte ermäßigt werden; ferner wird die Lagerfrist nicht mehr vom Ankunftstage des Schiffes, sondern von der Beendigung des Löschens an gerechnet werden. Die arabische Wirtschaft trägt die Kennzeichen einer primitiven „Bedarfsdeckungswirtschaft" mit einer geringen Anzahl von Facharbeitern gegenüber einer großen Anzahl von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben. Vergleicht man jedoch die Wirtschaft der palästinensischen Araber mit der in anderen Ländern ansässigen arabischen Bevölkerung (Türkei, Aegypten, Indien u. a.), so ergibt sich ein besonderes Merkmal für die arabische Wirtschaft in Palästina. Durch die nachstehende Yergleichstabelle wird das Zahlenverhältnis am besten illustriert: Soziale Glieder ung der arabischen Bevöl kerung i n % Wirtschaftszweig: Palästina: Aegypten: Türkei: Indien: Landwirtschaft 66,0 69,2 73,3 81,6 Industrie 12,0 8,4 11,5 5,6 Transport 5,9 2,6 1,4 6,1 Handel 8,2 4,8 5,5 — •Freie Berufe 1,6 2,4 1,5 2,4 Wie ersichtlich, steht in i Palästina ein geringerer Anteil an der Landwirtschaft einem stärkeren Anteil an allen anderen Erwerbszweigen (insbesondere am Handel, Handwerk, Industrie und Transportgewerbe) gegenüber. Die soziale Gliederung gleicht mehr derjenigen der europäischen Agrarländer. Charakteristisch für die höhere Entwicklungsstufe der palästinensischen Muselmänner im Vergleich zu denen anderer Länder, ist ihr geringer Prozentsatz von Analphabeten. Von der muselmännischen Bevölkerung Palästinas konnten 25,1% lesen, gegenüber einem Prozentsatz von 20,3 in Aegypten, 17,4 in der Türkei usf. Ein weiteres Merkmal ist der größere Verbrauch an Auslandswaren bei den Arabern Palästinas im Verhältnis zu dem der arabischen Bevölkerung der erwähnten Länder (er betrug in Palästina 4,5 Pfund Sterling pro Kopf, in Aegypten: 2, in Syrien: 3,5). Diese günstigere soziale Gliederung der arabischen Bevölkerung in Palästina ist zweifellos auf den Einfluß der jüdischen Einwanderung zurückzuführen. Schon die Tatsache des starken arabischen Anteils am Baugewerbe und Transportwesen an Erwerbszweigen, die sich während der letzten Jahre durch die jüdische Einwanderung entwickelten—, ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß mit der Weiterentwicklung der jüdischen Wirtschaft eine günstigere soziale Gliederung und ein damit verbundener höherer Lebensstandard für den Araber geschaffen wird. 4

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