Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- Heft 4 (15.5.1934)
- Date
- 1934-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2550047-2550048-2550052--033-2550184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lagerhaltung, ohne besondere Kundenwerbung orientalischpatriarchalisch schlecht und recht geführt, trat im Laufe des Jahres 1933 ein gänzlich neuer Wettbewerbsfaktor gegenüber, das moderne Spezialgeschäft westeuropäischen Genres, von neu einwandernden Fachleuten aus Deutschland, Oesterreich und Polen ins Leben gerufen. Die Umwälzung im Straßenbilde der palästinensischen Städte ist schon oft geschildert worden. Neue imposante Ladenfronten entstanden. Die Ladenbautätigkeit war, gegenüber früheren Jahren, relativ fast noch intensiver als der Wohnungsbau. Auf sämtliche Branchen erstreckten sich die Neugründungen, insbesondere das Bekleidungsfach, die Haus- und Küchengeräte, das Kunstgewerbe und die Luxuswaren aller Art. Weniger berührt wurde das Lebensmittelfach, wenngleich ein paar hervorragend ausgestattete Fleischereien und f-eihkostgeschäfte neu entstanden. Umwälzend war der Einfluß auf alle älteren Geschäfte. Die sprunghafte Verteuerung der Mieten zog auch sie in Mitleidenschaft, und um der neuen Konkurrenz gewachsen zu sein, sahen auch sie sich zur Modernisierung ihrer Schaufenster und Inneneinrichtung, zu größerer Lagerhaltung, zum Ausbau ihrer Reklame, zur besseren Schulung ihres Personals gezwungen. Dieser Wandel der Dinge ist noch mitten im Fluß. Unvermittelt stehen im palästinensischen Einzelhandel „Alter Stil" und „Neuer Stil" nebeneinander. Ueberraschend erhöht bei alledem das Publikum seine Ansprüche, verlangt bessere Bedienung und reichere Auswahl bei niedrigeren Preisen und formt sich von provinzieller „Stammkundschaft" immer mehr zu großstädtischer „Laufkundschaft'* um. Wie wird sich der Bedarf in der Zukunft entwickeln? Von den 900 000 arabischen Landesbewohnern kommt der weitaus größte Teil infolge geringer Kaufkraft und kaum entwickelter moderner Bedürfnisse als Abnehmer wenig in Betracht; ihn versorgen hauptsächlich Basar und Markt. Von den 230 000 Juden ist der fast bedürfnislose „alte Jischuw" Jerusalems, Safeds und Tiberias' mit etwa 40 000 Seelen abzuziehen. Außerdem werden etwa 20 000 Angehörige der jüdischen Arbeiterschaft, besonders auf dem Lande, durch die Konsumgenossenschaften versorgt. Im Ganzen dürften es (einschließlich europäischer Christen und wohlhabender Araber) rund 200 000 Personen in Palästina sein, deren Konsum modernen Zuschnitt aufweist und vom europäisch aufgezogenen Einzelhandel des Landes zu versorgen ist. Ist im Hinblick darauf der Einzelhandel Palästinas heute bereits „übersetzt"? Zweifellos muß die Kaufkraft dieser Bevölkerung vorsichtig bewertet werden. Tel-Aviv ist rund zu zwei Dritteln von Arbeiter- und Angestelltenfamilien bewohnt, deren Einkommen sich zwischen 8 und 15 £P monatlich bewegen; sie müssen von ihren Bezügen im Durchschnitt heute gut 35 bis 50 Prozent für die ungeheuer gestiegene Wohnungsmiete aufwenden, und nach Abzug der Ernährung, der Schulgelder, der verschiedenen Beiträge und der für eventue^e Arbeitslosigkeit, Krankheitstage oder späteren Eigenbau notwendigen Sparanlagen verbleiben ihnen in der Regel nicht einmal 10 Prozent des Einkommens für Bekleidungskäufe und sonstige Anschaffungen. Daher erklärt es sich auch, daß in den Geschäften stark gefeilscht wird und ein System „fester Preise" kaum durchzuhalten ist. Das in alledem liegende ungünstige Moment verschärft sich noch dadurch, daß die Neugründungen sich besonders in den Luxusbranchen häufen. Gewiß werden die neuen Geschäfte zunächst vom Publikum überlaufen, aber meist bloß in den ersten Tagen und mehr von Neugierigen; bald wandert der ganze Schwall wieder nach einem Geschäft noch jüngeren Datums ab. Was wird nun an positiven Tatsachen hinsichtlich der Bedürfnisse angeführt? Einesteils die unablässige Zuwanderung, namentlich auch von Mitteleuropäern von hohem Lebensstandard, andernteils die rapide Anpassung der vorhandenen Bevölkerung an moderne Verbrauchssitten, schließlich die Tatsache, daß in Palästina letzthin dank der Boden- und Baukonjunktur, des Fremdenverkehrs, der Industrialisierung und der luktrativen , Zitruskultur ziemlich rasch eine neue Schicht' wohlhabender, oft ausgesprochen reicher Burger entstanden ist: Hausbesitzer, Pflanzer und Großbauern, Industrielle, Bankiers, Spediteure, Hoteliers, Großimporteure. Mit ihrem Luxusbedürfnis in der Wohnungsausstattung und Lebensführung rechnet in der Tat das Gros der neuen Spezialgeschäfte Palästinas, und man erwartet, daß diese zahlenmäßig nicht große, wirtschaftlich aber einflußreiche Käuferschicht sich noch durch lebhaften Zuzug von Rentnern aus dem Auslande vermehren wird, denen Palästina sowohl als Ruhesitz wie auch als Gelegenheit zur Kapitalanlage attraktiv erscheint. Solch eine Veränderung der sozialen Struktur ist gewiß nicht zu unterschätzen. Auf der andern Seite muß man freilich berücksichtigen, daß ein großer Teil der wohlhabenden Palästinenser allsommerlich nach Europa fährt und sich dort vor allem mit Kleidung und Luxuswaren neu equipiert. Und dann darf auch nicht verschwiegen werden, daß die Konkurrenzspannungen zwischen alten und neuen Einzelhandelsunternehmer sich in Form einer gewissen Animosität auch manchen Kreisen des Publikums mitteilt, das bisweilen aus einer Art Trotz heraus den Einkauf in den neuen Läden scheut. Mit hochqualifizierten Einzelhandelsbetrieben des Bekleidungs-, Hausrats- und Luxusbedarfs ist Palästina heute mindestens sehr reichlich versehen. Interessant sind Ansätze zu einer kostenmindernden Rationalisierung in der Weise, daß man „Kettenläden" (chain Stores) organisiert, also gleichzeitig Verkaufsstellen in Jerusalem, Haifa und Tel-Aviv eröffnet. Da diese drei Städte offenbar verschiedenen Entwicklungskurven folgen, ergibt sich somit auch ein gewisser Risikoausgleich. Bei dem allgemeinen Zuge zur Hypertrophie im Aufbau von Fertigwaren-Fachgeschäften muß es etwas verwundern, daß relativ wenig Angehörige der neuen Immigration sich der Lebensmittelbranche zuwenden, und daß Warenhäuser (department stores) und Einheitspreisgeschäfte, die sicherlich heute bereits einige Aussichten hätten, bisher nicht begründet worden sind. Die Erklärung hierfür ist wirtschaftlichpolitischer Natur. Zwar kennt Palästina bisher keine planmäßige Gewerbepolitik; somit sind Konzessionszwang und vom Gesetz erhobene Bedürfnisfrage, abgesehen vom Transportgewerbe, fast unbekannt. Wer die eventuell vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt und die Lizenzgebühren bezahlt, kann den Betrieb aufnehmen. Indessen jene Vorbedingungen — jedes Nahrungsmittelgeschäft bedarf der gesundheitspolizeilichen Zulassung seiner Einrichtungen und jedes Bauvorhaben (bauliche Veränderungen oder Neubauten sind bei neuen Läden in Palästina in der Regel unvermeidlich) der baupolizeilichen Genehmigung. Nun ist in den Städten sowohl Gesundheitsals auch Bauaufsicht den Munizipalitäten übertragen, und es ist im ganzen Lande ein offenes Geheimnis, daß diese Kommunalinstanzen in solchen Fällen nicht nur unter gesundheits- und baupolizeilichen Gesichtspunkten, sondern — unausgesprochen — auch nach wirtschaftspolitischen Rücksichten zu entscheiden pflegen. Man läßt die neue Einwanderung etwas ungern zum Lebensmittelhandel zu, der nun einmal den stärksten, sichersten und einträglichsten Zweig des palästinensischen Einzelhandels bildet, und man sieht im Einzelhandelsgroßbetrieb (Warenhaus, Einheitspreisgeschäft) eine übermächtige und daher nicht zu duldende Konkurrenz für die bestehenden Geschäfte. Soviel Projekte der letzteren Art bisher schon im Lauf der jüngsten zwölf Monate ausgearbeitet wurden, hat bisher noch kein einziges die Sanitäts- bzw. Baugenehmigung erlangt. Daran dürfte sich in nächster Zukunft wohl kaum etwas ändern. Welche Steuern zahlt der palästinensische Einzelhandel? Neben der allgemeinen Hauszinssteuer sind es verschiedene, jeweils für ein Jahr zu entrichtende staatliche und städtische Lizenzgebühren, z. B. für Lebensmittelverkauf, Spirituosenkleinhandel, Petroleumabsatz, Tabakwarenverschleiß. Die Sätze dieser Gebühren sind für alle Betriebsgrößen gleich hoch, werden daher vom Großbetrieb kaum empfunden, belasten dafür umso empfindlicher Kleinstbetriebe. Eine nach Umsatz oder Gewerbekapital oder Lohnsumme gestaffelte Gewerbesteuer existiert in Palästina nicht. Die Frage einer Einkommensteuer wird gegenwärtig erörtert, ist aber noch von der Entscheidung fern. Die Mieten sind heute außerordentlich hoch getrieben. Mindestens 10 bis 12 £P und mehr selbst für einen sehr kleinen Laden sind heute in Tel-Aviv nichts Seltenes. Beträchtliche Abstandssummen werden mitunter gezahlt, und auch das „Ausmieten" kommt vor. Oft müssen Ausbaukosten übernommen Snd erhebliche Mietvorauszahlungen (der Rest in Wechseln) gezahft werden. Zumeist laufen die Mietverträge heute nur für ein Jahr, weil die Vermieter weitere Mieterhöhung, die Mieter hingegen, infolge der starken Lädenneubautätigkeit, eine künftige Mietsenkung erhoffen. Relativ teuer ist der Lichtstrom. Ein schwieriges Problem ist das Engagement des Verkaufspersonals. Neueingewanderte Arbeitnehmer sind zwar fachtüchtig, haben jedoch wenig Sprachkenntnisse. Hingegen beherrschen die einheimischen Hilfskräfte oft ein halbes Dutzend Sprachen (Hebräisch, Englisch, Arabisch, Jiddisch, Französisch, Russisch), versagen dafür aber sachlich. Für die starken Impressionen des modernen Palästina zeichnet heute, soweit es sich um die Städte handelt, vor allem der Einzelhandel verantwortlich. Mag manches von diesen Schöpfungen der neuen Einwanderung noch von fraglichen Zukunftsaussichten sein, da zu schwach fundiert oder zu wenig der Kaufkraft angemessen, mag manche glänzende Fassade noch die Skepsis herausfordern, auf jeden Fall ist viel wirkliche Leistung, richtige. Berechnung, positive Mitarbeit am Aufbau des Landes anzuerkennen. Ein fortschrittlicher, rationeller, werbefreudiger Einzelhandel ist im besonderen unentbehrlich, wenn man den eifrig ausgebauten neuen Industrien Palästinas einen aufnahmefähigen Binnenmarkt verschaffen will. 2