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Palästina-Nachrichten · 1934-04-15 · Heft 2 (15.4.1934) · p. Seite 2

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Journal
Palästina-Nachrichten
Volume
1 (1934)
Issue
Heft 2 (15.4.1934)
Date
1934-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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C h a ra kte r der Ko n j u n kf ü r i n Pa I ä sti n a I. N. Tel-Aviv Auf Grund der kürzlich an dieser Stelle gegebenen Kennzeichnung des Charakters der gegenwärtigen Konjunktur in Palästina soll hier die Frage untersucht werden, ob und mit welchen Mitteln es möglich ist, die Dauer dieser Konjunktur zu beeinflussen oder den zu irgend einer Zeit zu erwartenden Rückschlag zu mildern. Die theoretische Frage, ob es in Ländern mit kapitalistischer Wirtschaft überhaupt möglich ist, Konjunkturpolitik zu trejbejx^r^eirte Frage, über die es in der Welt sehr viel StreCjgibt --T roll hier nicht untersucht werden, So weit die Gelehrten die Auffassung vertreten, daß in höherem oder geringerem Maße Konfunkturpolitik möglich ist, sind sie sich ziemlich einig darüber, daß die Beeinflussungsmöglichkeiten zur Erhaltung einer guten Konjunktur theoretisch größer sind als die Beeinflussungsmöglichkeiten zur Ueberwindung der Krise. Aber in vollem Gegensatz zu dieser wissenschaftlichen Erkenntnis steht die geringe Neigung der Menschen, Konjunkturpolitik zu treiben, wenn es sowieso gut geht. Ich ziehe aus diesen Erfahrungen die Schlußfolgerung, daß es gerade jetzt in der Zeit des Aufschwunges in Palästina besonders wichtig ist, sich mit den Möglichkeiten der Konjunkturpolitik konkret zu beschäftigen. Wer kann in Palästina Träger einer Konjunkturpolitik sein? Erstens die privaten Unternehmer einschließlich der gesellschaftlichen Unternehmungen des Landes. Ein bestimmtes Verhalten der Subjekte der Wirtschaft kann einen gewissen Einfluß auf den Konjunkturverlauf ausüben. Die Chance, dieses Verhalten unter bestimmten konjunkturpolitischen Gesichtspunkten zu beeinflussen, besteht in einer freien Wirtschaft natürlich nur insoweit, wie die konjunkturpolitische Forderung mit dem Interesse des Unternehmers — unter Umständen mit seinem Dauerinteresse gegenüber einem anders erscheinenden Augenblicksinteresse — in Einklang zu bringen ist. Die Aussichten für eine solche Beeinflussung privater Wirtschaftstätigkeit sind im allgemeinen sehr gering, weil der einzelne Unternehmer, selbst wenn er die Richtigkeit einer aufgestellten Richtlinie anerkennt, dadurch gehemmt is\, daß er keinerlei Gewähr dafür hat, jav daß nicht einmal eine Wahrscheinlichkeit besteht, daß auch die andern Unternehmer nach dieser Richtlinie handeln, während anderseits fast immer ein konjunkturpolitischer Erfolg nur dann erwartet werden könnte, wenn zum mindesten der größte Teil der Unternehmer die gleiche Richtlinie einhält. Aus diesem Grunde ist im allgemeinen die Bedeutung der privaten Unternehmer als Träger der Konjunkturpolitik außerordentlich gering einzuschätzen. Das liegt im Wesen-der kapitalistischen Wirtschaft. In Palästina im besonderen halte ich die Möglichkeit auf diesem Felde für einen kleinen Grad größer als in andern Ländern. Nicht etwa, weil ich!ein besonderes Maß von Erleuchtung oder Bereitschaft zu gemeinsamem Vorgehen für gegeben halte, sondern deshalb, weil bei der Kleinheit des Landes es einige Gebiete gibt, auf denen es eigentlich jeweils, nur von einem Unternehmen abhängt, ob eine bestimmte Richtlinie eingehalten wird oder nicht, und die Gefahr der Durchkreuzung durch anderes Verhalten anderer fehlt oder geringer ist als in Wirtschaftsgebieten mit einer in allen Zweigen hochentwickelten inneren Konkurrenz. Der zweite Träger, der im Lande für eine Konjunkturpolitik grundsätzlich in Betracht kommt, sind die jüdischen nationalen Institutionen. Die prinzipiellen Voraussetzungen sind auf diesem Gebiet sicherlich günstiger als auf dem der privaten Wirtschaft. Die enge Grenze, ihrer Aktionsmöglichkeit wird praktisch allerdings dann gegeben sein, wenn ihre finanzielle Lage auch in den Zeiten guter Konjunktur ihnen wenig Spielraum läßt. Drittens könnten als Träger einer Konjunkturpolitik 'm gewissem Umfang die Gemeindeverwaltungen in Betracht kommen. Praktisch könnte wahrscheinlich fast nur die Stadt Tel-Aviv auf diesem Gebiet eine Rolle spielen, vielleicht auch einige jüdische' Kolonien; dagegen viel schwerer die arabischen Gemeindeverwaltungen, schon deshalb, weil für sie die Grenzen zwischen Konjunkturpolitik und Förderung des jüdischen Wirtschaftssektors in gemischten Gebieten nicht erkenntlich sein werden. Als vierter Faktor — last but rWfTeast kommt schließlich die Mandatsregierung in Frage. An sie als den Träger der Gesetzgebung im Lande werden sich notwendigerweise alle Forderungen richten müssen, deren Durchführung von gesetzgeberischen oder allgemeinen Verwaltungsmaßnahmen im Lande abhängig ist. II. Bei der Darstellung des Charakters der gegenwärtigen Konjunktur habe ich darauf hingewiesen/ daß diese Konjunktur zwei Quellen hat, die Entwicklungschance der Orangenpflanzungen und die Einwanderung, die ihrerseits das unmittelbare Bedürfnis auf dem Baumarkt erzeugt und gleichzeitig zur Erweiterung der gewerblichen und Handelstätigkeit drängt. Wenn dies die beiden Pfeiler der Konjunktur sind, so sind es zugleich die Gefahrenzonen, mit denen sich materiell jede konjunkturpolitische Ueberlegung beschäftigen muß. Die Orangenwirtschaft hat .für konjunkturpolitische Ueberlegungen einen seltenen Vorzug. Bei ihr liegen zwischen der Ausdehnung der Produktionsgrundlagen und dem Zustrom der Produkte an den Markt eine ganze Reihe von Jahren. Die Rückschlagsgefahr in der Orangen Wirtschaft wird wahrscheinlich erst dann akut sein, wenn es darauf ankommt, die aus der Erweiterung der Pflanzungen der letzten Jahre anfallenden Früchte abzusetzen. Unter dem Gesichtspunkt der Konjunkturpolitik ergeben sich daraus zwei unmittelbare Forderungen. Diese Zeit muß genutzt werden, um die Absatzorganisation so auszubauen, daß sie auf den Absatz der gewaltig steigenden Produktion eingestellt wird. Da sich die Konkurrenz mit Früchten anderer Herkunft heute vor allem auf dem wesentlichsten Markt, dem englischen Markt, abspielt, ist es besonders wichtig, auch die Erschließung kleinerer anderer Märkte sorgfältig zu bearbeiten, um nicht zu den Gefahren einer Monokultur die Gefahren eines Monokonsumgebietes hinzukommen zu lassen. Die zweite Aufgabe, die in den Jahren der allmählichen Produktionsausweitung erfüllt werden muß, ist die sorgfältige Durcharbeitung des Verpackungs-, Transport- und Absatzapparates in der Richtung der Kostenersparnis. Absatzschwierigkeiten oder verschärfte Konkurrenzverhältnisse bedeuten Preisdruck, und de*- Punkt bei dem ein Preisdruck zur Einschränkung der Produktion oder zum mindesten zum Aufhören der Neuanlagen führen muß, wird umso höher liegen, je höher die Kostenspanne ist, die zwischen den eigentlichen Produktionskosten und dem vom Verbraucher gezahlten Preise liegt. Die Lage ist auf diesem Gebiet unter dem Gesichtspunkt der Konjunkturpolitik insofern günstig, als Interesse der Unternehmer an der Durchführung aller möglichen Anstrengungen für die Erschließung neuer Märkte und für die Rationalisierung des Absatzapparates eindeutig gegeben ist. Andererseits ist es praktisch klar, daß es sich hier um Aufgaben handelt, die nicht im wesentlichen von dem einzelnen Produzenten zu erfüllen sind, sondern nur von Organisationen dieses Wirtschaftszweiges. Sie also müssen in diesem Falle der Träger der konjunkturpolitischen Arbeit sein. Da aber die Menschen von selbst nicht immer genügend geneigt sind, für notwendige Gemeinschaftsaufgaben, xjuch wenn sie in ihrem eigensten Interesse liegen, -cjie notwendigen Mittel aufzubringen, kann es zur Seichender gesetzgebenden Gewalt werden, in dieser Beziehung durch Zwang die Voraussetzungen für eine organisierte Aktivität zu schaffen, wie es zum Beispiel bis. zu einem gewissen Grade durch die Propaganda-Abgabe beim Orangenexport geschehen ist. Die zweite wichtige Aufgabe zur Stützung der Pflanzungswirtschaft liegt auf dem Produktionsgebiete selbst. Man muß mit allem Nachdruck studieren und versuchen, dahin zu kommen, die ausgedehnte Produktion selbst bunter und vielfältiger zu gestalten. Die Pflege der Grapefruit neben der Orange liegt in dieser Richtung, und vielleicht gibt es bei sorgfältigen theoretischen Studien und praktischen Versuchen noch manche Möglichkeit, die Produktion in der Orangenzone mit der Gewinnung anderer Früchte zu durchsetzen. Schließlich liegt in gleicher Richtung die Pflege der Entfaltung einer gewissen Mischung innerhalb der einzelnen Wirtschaftseinheiten zwischen Orangenkultur und anderen Zweigen der landwirtschaftlichen Produktion. In dem Augenblick einer überdurchschnittlichen Rentabilität in der Orangenzone mag die Investierung von Kapitalien an Stellen, an denen es möglichr ist, Orangen zu produzieren, in anderen weniger rentablen und weniger erprobten landwirtschaftlichen Zweigen wie ein Akt kapitalistischer Entsagung wirken. In Wirklichkeit aber wäre es vielleicht eine vernünftige Versicherungsprämie, die der Kapitalist sich gegenüber der Rückschlagsgefahr selber auferlegen würde. Hier kann die ßonjunkturpolitische Arbeit wohl nur in der Beratung und Aufklärung durch die dazu berufenen Instanzen liegen. Der zweite Pfeiler, die Einwanderung, mit der Konsumkraft und dem Unternehmungsgeist, den sie mit sich bringt, ist sicherlich viel mehr und viel aktueller in der Gefahrenzone als die Orangenwirtschaft. Hier berühren sich allgemeine Politik und Konjunkturpolitik sehr eng, und eine besondere Schwierigkeit liegt darin, daß diese Berührung sich nicht in der Form der Zu- 2

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