Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- Heft 1 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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auf dem Gebiete der gewerblichen Erzeugung und der Bauwirtschaft den großen Anteil der eingeführten Materialien in den Produktionswert einschließt. Aber auch abgesehen von der Größe des Anteils liegt die besondere Bedeutung der Orangenwirtschaft darin, daß sie der wesentliche Zweig des Exports aus Palästina ist. Für unsere Konjunkturanalyse kam es mir nur darauf an, hervorzuheben, daß es diese wichtige innere, rein wirtschaftliche Quelle des gegenwärtigen Aufschwunges gibt, die von anderen Faktoren in ihrer Entwicklung weniger abhängig ist, als die am stärksten sichtbare Einwanderung. Die zweite und für das augenblickliche Bild ausschlaggebende Konjunkturquelle ist die Einwanderung von Menschen und Kapital. Vielleicht wird mancher Leser meinen, daß man Kapitalimport und Einwanderung als gesonderte Faktoren aufführen müßte. Ich tue es deshalb nicht, weil mir als eine ganz wesentliche Besonderheit der Lage in Palästina gerade die mit anderen Kapitalbewegungen in der Welt kaum vergleichbare Verknüpfung des Einströmens von Kapital und Kapitaleigentümern zu sein scheint. Aus dem Zustrom von Fluchtkapital, als Leihkapital, erwächst keine Konjunktur, das kann man an den Erfahrungen der Schweiz oder Hollands studieren. Nach Palästina kommt jüdisches Kapital aus der ganzen Welt. Aber nur ein geringer Teil kommt als Leihkapital, der größere Teil kommt in Begleitung seines Eigentümers. Es wird deshalb aus brachliegendem Leihkapital zu in Palästina verzehrtem oder investiertem heimischen Kapital. Alle Menschen, die mit Kapital von einigen hundert bis zu mehreren tausend Pfunden hier einwandern, machen zunächst eine mehr oder minder lange Uebergangszeit durch, in der sie von dem mitgebrachten Gelde zehren. Das ist privatwirtschaftlich für diese Einwanderer eine ■ Verlustperiode, sie essen alte Ersparnisse auf. Volkswirtschaftlich bringen sie der Konjunktur des Landes von außen das herein, was man sich überall sonst in der Welt mit verschiedenen Mitteln künstlich zu schaffen bemüht: Kaufkraft. Diese Kaufkraft heißt Nachfrage nach Gütern, diese Nachfrage ist die Basis der Erweiterung der wirtschaftlichen Betätigung auf allen Konsumgebieten. Ein erheblicher Teil dieser Nachfrage wird zunächst durch den Einfuhrhandel befriedigt. Aber vor allem ein Bedürfnis kann man nicht ohne Entfachung von Arbeit im Lande decken, und zwar das allerdringendste: das Bedürfnis nach Behausung. So entsteht eine stürmische Baukonjunktur, vor allem in den Zentren der jüdischen Einwande- Herstellung"von Bausteinen rung: Tel-Aviv, Haifa, Jerusalem, aber auch in den Kolonien und Gemeinschaftssiedlungen. Ein großer Teil der Einwanderer mit Kapital ist aber nicht nur Konsument für die Wirtschaft, sondern gleichzeitig ausgestattet mit dem Willen und den Qualitäten, Unternehmer zu sein. Diese Einwanderer bringen unternehmerische Erfahrungen Exporteure suchen Sie neue Absatzgebiete? PALÄSTINA importiert in steigendem Maße europäische Waren 4 Die P N informieren Sie über Exportmöglichkeiten nach den Ländern des vorderen Orients Ein Vierteljahres-Abonnement RM 1.50 (6 Nummern) Zu beziehen durch den Verlag Ernst Köstenbaum Bln.-Zehlendorf, Onkel-Tom-StrJ23^^^ . Postsch.-Kto. Tel. H4 Zehlendorf 5120 Berlin 37991 mit und den außerwirtschaftlichen Antrieb, sie auf jeden Fall nach den gegebenen oder zu schaffenden Möglichkeiten in diesem Lande zu verwerten. Aus dieser Verknüpfung von Unternehmungswillen, Fachkönnen und Kapital entstehen täglich neue Unternehmungen. Gleichviel, ob der Einzelhandel moderne Läden einrichtet, ob im Gastwirtsgewerbe eine Anpassung an die vergrößerte Bevölkerung und die wachsende Touristik erfolgt oder ob neue Industriebetriebe vorbereitet und eröffnet werden; unmittelbar schaffen alle diese Formen der Kapitalinvestitionen zunächst Arbeit, Verdienstmöglichkeiten für Lieferanten, kurz, sie sind die Quelle der Hochkonjunktur. Für diese unmittelbare konjunkturfördernde Wirkung ist es hier, wie in jedem kapitalistischen Aufschwung, noch nicht einmal entscheidend, wieviele von den Neugründungen sich als dauernd lebensfähig erweisen werden^ aber mit dem Wachstum der kaufkräftigen Bevölkerung wächst auch die Chance der Verwurzelung der neuen Unternehmungen. Ich glaube, daß diese Beschreibung der treibenden Kräfte der palästinensischen Konjunktur genügt, um erstens zu zeigen, daß es sich hier um einen ganz eigenartigen, mit Vorgängen des normalen Konjunkturzyklus einer entfalteten kapitalistischen Wirtschaft nicht vergleichbaren Vorgang handelt, und um zweitens zu zeigen, daß dieser Prozeß, so wesentlich er von außerwirtschaftlichem Druck und von außerwirtschaftlicher Willensbestimmung der Juden beeinflußt, keineswegs eine künstliche Konjunktur darstellt, sondern einen durchaus natürlichen Wachstumsprozeß, der sich in den Formerl einer kapitalistischen Konjunktur vollzieht. Es gehört wenig Prophetengabe dazu, um von der Wahrscheinlichkeit zu sprechen, daß auch hier der Wachstumsprozeß, der von einer Fülle Von äußeren, auch politischen Faktoren abhängig ist, sich nicht ewig in gerader aufwärtsführender Linie vollziehen wird, sondern daß man vernünftigerweise hier, wie in aller Welt, auch mit Perioden des Rückschlags wird rechnen müssen. Aber nur auf der Grundlage der Erkenntnis der beiden besonderen Quellen der Konjunktur ist es möglich, die Frage zu prüfen, was geschehen könnte, um die Periode des Aufschwungs so weit wie möglich zu verlängern, und was geschehen könnte, um die Gefahren eines Rückschlqgs zu vermindern. Diese Frage nach der Möglichkeit einer Konjunkturpolitik in Palästina soll in einem folgenden Artikel behandelt werden. I 5