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Nachrichtendienst · 1928-08-01 · Heft 6 (August 1928) · p. Seite 6

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Journal
Nachrichtendienst
Volume
1928
Issue
Heft 6 (August 1928)
Date
1928-08-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 mit Ausnahme von München und sonstigen Städten über 100 OM Einwohner, die beweisenden Zahlen. Der Rückgang in den Ortsgrößenklassen unter 5000 ist ganz besonders auffallend. So ist es erklärlich, daß! die bayerischen Städte an jüdischer Seelenzahl trotz Abnahme der Gesamtjudenheit zugenommen haben. Es lebten in München im Jahre 1897: 2884, 1900: 8739 und 1925: 10068, in Nürnberg in den gleichen Jahren 1831, 5956, 8603, in Augsburg 660, 1171, 1208 und schließlich in Fürth im Jahre 1840 : 2535, 1900 : 3017 und 1925: 2504 Juden. Bis zum Jahre 1867 war Fürth die größte jüdische Siedlung, wurde dann von München und Nürnberg verdrängt. Teilweise find die Bevölkerungsverluste der bayerischen Juden auf Abwanderung nach außerbayerischen Gebieten, teilweise auf die unaufhörliche Senkung der jüdischen Geburtenrate zurückzuführen. Im Jahre 1879 belief sich die Geburtenziffer der Juden auf 3O°/o0 (Gesamtbevölkerung 400/oo), 1925 kamen auf 1000 Juden nur 11,3 Geburten. Bayern gehört zu denjenigen Ländern, in denen mehr Juden sterben als geboren werden. Bei der sehr ungünstigen Bilanz obiger Aufstellung spielen die Mischehen keine unwesentliche Rolle. Denn durch die Zunahme der Mischehen werden natürlich immer weniger rein jüdische Ehen geschlossen und ihr Nachwuchs muß sinken, da die den Mischehen entstammenden Kinder nur selten dem Judentum zugeführt werden. An Mischehen zählte man im Jahrfünft 1876-1880 durchschnittlich jährlich 15, 1896-1900 bereits 50, 1906—1910: 56, 1922: 116, 1923: 108, 1924: 93, 1925: 79. D. Sachsen. In Sachsen wohnten nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 23252 Juden. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung (4 492 320) beträgt 0,46 Prozent. Die jüdische Bevölkerung konzentriert sich fast ausschließlich auf die Großstädte. In Leipzig, Dresden, Chemnitz und Plauen sind insgesamt 20 923 Juden oder 89 Prozent ihrer Gesamtzahl ansässig. Dies hängt unmittelbar mit der sächsischen Gesetzgebung zusammen, die erst am 3. 12. 1868 die staatsbürgerliche Gleichberechtigung verfassungsmäßig sicherstellte, während vorher den Juden der Aufenthalt auf dem Lande im allgemeinen untersagt war. So kommt es, daß im Jahre 1834 nur 2 Juden auf dem Lande lebten, 1864 27, erst seit 1871 mit 70 Personen die Ziffer sich stärker vergrößerte und 1900 auf 385 stieg. Von den 874 Juden im Jahre 1832 wurden 852 in Leipzig und Dresden festgestellt, im Jahre 1871 3014 unter 3346, 1910 13 608 unter 17 587. Rechnet man noch die jüdische Einwohnerzahl von Plauen und Chemnitz hinzu, so muß man zu dem Ergebnis kommen, daß die sächsischen Juden eine Großstadtbevölkerung ohne Einschränkung darstellen. Ueber die Bewegung der Juden ist folgendes zu sagen: In Sachsen war bisher die Geburtenquote der Juden günstiger als im übrigen Deutschland. So trafen auf 1000 Jrchen im Jahre 1911 20,1, 1925 20,2 Geburten, während in allen übrigen Ländern die Geburtenzahl unter 20 liegt. Die Ursache liegt in der hohen Zahl ausländischer! Juden, die in Sachsen eine neue Heimat gefunden haben, was man bereits aus der Geschlechtsverteilung ersehen kann, bei der das männliche Geschlecht überwiegt, das an der Wanderung stärker beteiligt ist als das weibliche Geschlecht. Im Jahre 1910 stammten 58 Prozent der Juden Sachsens aus nichtdeutschen Ländern. Für 1925 liegen keine diesbezüglichen Angaben vor. Der jüdische Geburtenüberschuß betrug 1911: 199, 1912: 321, 1913: 245, 1920: 319, 1921: 302, 1922: 277, was, vergleichen wir z. B. dieses Ergebnis mit Preußen, als sehr günstig angesehen werden muß. Die jüdischen Ehen beliefen sich im Jahre 1910 auf 47, die Mischehen dagegen auf 38, 1911 auf 57 und 33, 1912 auf 74 und 39, 1913 auf 74 und 36, 1920 auf 329 und 64, 1921 auf 194 und 57, 1922 auf 211 und 73, 1923 auf 266 und 95, 1924 auf 167 und 57, 1925 auf 87 und 64i Di.e hohe Zahl der Mischehen fällt bei dieser Aufzählung sehr auf und demgegenüber die geringe Zahl rein jüdischer Ehen. Die Ursache ergibt sich daraus, daß viele Eheschließungen allein nach jüdischem Ritus eingegangcn werden, das heißt, ohne das Standesamt in Anspruch zu nehmen. Deshalb enthalten die diesbezüglichen Ziffern der amtlichen Statistik nicht den richtigen Tatbestand. E. Württemberg. In dem Zeitraum von hundert Jahren läßt sich eine Zunahme von 2000 Juden wahrnehmen. In den ersten Jahrzehnten, die den Jahren 1821 folgen, sind die württembergifchen Juden durchaus Dorfbewohner. So finden sich im Jahre 1821 die meisten Juden in folgenden Oberämtern: Horb 1461, Mergentheim 1061, Künzelsau 1049, Neresheim 1021, Gerabronn 636, Riedlingen 718, Waiblingen 624, Neckarsulm 529. Im Jahre 1846 wohnten von 100 Juden auf dem Lande 81,17, in den Städten 18,83. Doch immer stärker zog der Jude nach der Großstadt, so daß 1925 in Stuttgart allein fast die Hälfte aller sich niedergelassen hatte. Für die natürliche Bewegung der Juden liegen uns Zahlen seit 1898 vor. Damals betrug die Geburtenziffer 17, die Sterbeziffer 15 pro Mille; die Sterberate senkte sich bis auf 13 im Jahre 1910. Die Geburtenquote fiel aber noch stärker, auf 14,7, so daß die natürliche Zunahme ganz gering ist, ja, unter Berücksichtigung der Austritte «eine passive Bilanz ergeben dürfte. Daß während des Krieges die Sterblichkeit bei weitem die Geburtlichkeit überwog, trifft auch für Württemberg zu. Diese ungünstige Entwicklung hat in der Nachkriegszeit keine Besserung erfahren und datiert fortlaufend seit dem Jahre 1908. F. B a d e n. Die Juden bilden mit 24 064 Personen 1,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Rund zwei Drittel aller badischen Juden wohnten im Jahre 1925 in den 16 Städten mit .über 10 000 Einwohnern. Fast jeder dritte von ihnen ist in Mannheim domiziliert. In hundert Jahren, von 1825—1925, haben sie um 37 Prozent, von 17 600 auf 24 000, zugenommen. Die Gesamtbevölkerung dagegen um 104 Prozent. Damals wohnten sie fast ausschließlich in Nordbaden, heute sind sie über das ganze Land zerstreut. Trotz ständigen Rückganges der badischen Juden offenbaren die Städte ein unaufhörliches Wachstum der jüdischen Bewohner. Dies geschieht also allein auf Kosten des platten Landes. Die G eb urt en q u o t e ist, wie während des Weltkrieges, in den letzten Jahren so gering geworden, daß mehr Juden sterben als geboren werden. Im Jahre 1910 wurden 388 Kinder geboren, 1925 nur noch 319, 1926 sogar 251, so daß im Jahre 1910 auf 1000 Juden 14,9, 1925 dagegen 13,2 Geburten trafen. Die Sterblichkeit zeigt keine fallende Tendenz mehr; sie betrug im Jahre 1910 : 349 (13,4 pro Mille), 1925: 342 (14,2 pro Mille), 1926: 356 Juden in Baden. Sie kompensiert keineswegs mehr die Geburtlichkeit. Die E h e q u o t e, die vor dem Kriege ziemlich gleichmäßig verlief, hat in den letzten Jahren das Vorkriegsniveau stark unterschritten. Von den Ehen waren im Jahresdurchschnitt 1869—1873: 189 rein jüdisch, 1879—1883: 168, 1889—1893: 169, 1899—1903: 200, 1909—1913: 175, 1919—1923: 261, 1924—1925: 126. An Mischehen stellte man 1890: 6, 1900: 16, 1910: 17, 1920: 62, 1922: 58 fest. G. H e s s e n. Seit dem Jahre 1849 ist ein steter Rückgang der Juden festzustellen. Damals kamen auf 100 Personen 3,4 Juden, im Jahre 1925 nur noch 1,5. Demgegenüber bestand wenigstens bis zum Jahre 1910 ein Ansteigen der jüdischen Bevölkerungszahl in den Städten. Nach der letzten Zählung trifft dies nicht mehr zu. Die Abnahme der Juden war besonders stark in den Städten Offenbach (33,6 Prozent), in Darmstadt (19,3 Prozent) und außerdem in Rheinhessen ohne Mainz und Worms (26,0 Prozent). In Gießen (1,8 Prozent), Mainz (6,6 Prozent) und Worms (7,0 Prozent) war sie gering. Die Sterblichkeit war bei der evangelischen, katholischen und israelitischen Bevölkerung annähernd gleich; in Starkenburg bei den Juden auffallend gering, was mit der starken jüdischen Abwanderung in Offenbach und Darmstadt zusammenhängt. In diesen beiden Städten betrug die jüdische Sterblichkeit in der Zeit von 1910 bis 1925 12,9 und 19 Prozent der dortigen mittleren jüdischen Bevölkerung.

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