Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 6 — 5. Ausbildungswefen Neben Organisation und sachlicher Arbeit bleibt die Mitwirkung der Zentralwohlfahrtsstelle beim sozialen Ausbildungswesen eine ihrer bedeutungsvollsten Aufgabe. Wenn auch die Gewährung von Beihilfen zur sozialen Ausbildung dadurch eine grundlegende Veränderung erfuhr, daß der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes seine hierfür zur Verfügung gestellten Mittel durch eine von ihm selbst eingesetzte Ausbildungskommiffion, in der die Zentralwohlfahrtsstelle vertreten ist, verteilen läßt, so nahm doch die Beratung und Bearbeitung von Ausbildungsanträgen und die Gewährung kleinerer Zuschüsse nach wie vor ernen nicht unwesentlichen Raum in der Arbeit ein; dazu tritt die praktische Arbeit in der Ausbildung stehender Wohlfahrtsschülerinnen in der Zentralwohlfahrtsstetle. Da bei den vom Preußischen Landesverband zur Verfügung gestellten Mitteln nur in Preußen wohnende Bewerberinnen und Bewerber berücksichtigt werden können, ist dringend zu hoffen, daß auch die übrigen Landesverbände mehr als bisher sich an der Gewährung von sozialen Studienbeihilfen beteiligen. Bedeutungsvoller noch als die Bereitstellung von Mitteln für die soziale Ausbildung ist aber die Schaffung von Stellen für berufliche soziale Kräfte. Hier liegt eine entscheidende Zukunstsaufgabe der jüdischen Gemeinden, deren sich die Zentralwohlfahrtsstelle gemeinsam mit den Landesverbänden und den anderen beteiligten Organisationen annehmen wird. Vom 18.—23. März 1928 konnte in Berlin eine Jüdisch-Soziale Schulungswoche von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden unter Mitwirkung aller anderen großen jüdischen Wohlfahrtsorganisationen stattfinden. Es wurden über 200 Teilnehmer, darunter ein großer Teil aus dem Reich, von Theoretikern und Praktikern der allgemeinen und jüdischen Wohlfahrtspflege in die Gegenwartsprobleme und deren Lösungsversuche auf zahlreichen Gebieten der Wohlfahrtspflege, wie wir glauben, erfolgreich eingeführt. JUL Wnmiä Diesem Tätigkeitsbericht kann nur ein kurzer Ausblick auf die weitere Gestaltung der Arbeit angefügt werden. Auf allen Gebieten sind neue wichtige Aufgaben entstanden, und die Vorarbeiten zu ihrer Lösung sind eingeleitet worden. Nur einige wenige dieser Arbeiten seien genannt; auf wirtschaftlichem Gebiet die bedeutsame Förderung der Kreditgenossenschaften und Darlehnskassen; aus dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge die bereits oben erwähnte Rationalisierung der Erholungsfürsorge und der Ausbau der Tuberkulosefürsorge und der Sozialen Krankenhausfürsorge; in der Jugendfürsorge die Beendigung der Reform der Fürsorgeerziehung, vor allem aber in der Jugendpflege die Bestrebungen zur Schaffung jüdischer Gemeinde- und Jugendheime, durch die überall, in großem oder kleinem Maßstabe, vor allem der Jugend und ihren Vereinigungen gesunde Aufenthalts- und Betätigungsräume gegeben werden sollen. Wir hossen zuversichtlich, daß gerade diese große, für die Zukunft der jungen jüdischen Generation vielleicht bedeutsamste Aufgabe sich zu einem Einheitswerk aller beteiligten Organisationen sowie der Landesverbändeund Gemeinden ausgestalten wird. Eine Denkschrift zu diesem ganzen Fragengebiet ist gegenwärtig in Bearbeitung. Auf die oben erwähnte Jüdisch-Soziale Schülungswoche sollen weitere Ausbildungsmöglichkeiten folgen, bei deren Ausgestaltung an die Erfahrungen der diesjährigen Schulungswoche angeknüpft werden kann, und die vielleicht zunächst außerhalb Berlins verwirklicht werden sollen, bis etwa einmal die Möglichkeit einer ständigen Schulungs- und Fortbildungsstätte bestehen wird. Sodann sei noch des Planes Erwähnung getan, wenn irgend möglich vom 1. Oktober 1928 ab, eine einheitliche Zeitschrift für alle Gebiete jüdischer Wohlfahrtsarbeit im Zusammenwirken mit den anderen beteiligten Organisationen zu begründen. Der Ausbau der Organisation, besonders in Thüringen, Pommern, Schleswig-Holstein, aber auch in der Provinz Sachsen, ist oben bereits hervorgehoben worden. Von den nun wohl der Verwirklichung näher gerückten Bemühungen um die Schaffung einer Reichsorganisation der deutschen Juden — mit der wir aufs engste zusammenzuwirken hoffen — erwarten wir eine bedeutsame Stärkung aller jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen. Schließlich soll, so hofsen wir, das nächste Jahr auch die Anbahnung einer Zusammenarbeit auf jüdischsozialen Gebieten mit den Wohlfahrtsorganisationen anderer Länder, zunächst mit denen der Nachbarländer, bringen. Neue Arbeit liegt in Fülle vor uns. Sie wird nur dann geleistet werden können, wenn es gelingt, in immer stärkerem Maße den Gedanken der Zentralisation, der Einheit in allem Großen und Gemeinsamen, zu verbinden mit dem anderen Gedanken der Dezentralisation, der Freiheit im Einzelnen nnd im Besonderen. Organisation — Allgemeines Jüdisch-Soziale Schulungswoche Unter Beteiligung von etwa 200 Teilnehmern, von denen ein großer Teil aus dem Reiche nach Berlin gekommen war, fand vom 18.—23. März in Berlin eine von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gemeinsam mit den anderen großen Wohlfahrtsorganisationen veranstaltete Jüdisch-Soziale Schulungswoche in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums statt. Unter den Teilnehmern waren vor allem in der jüdisch-sozialen Arbeit der verschiedensten Gebiete beruflich tätige Kräfte; aber auch Rabbiner, Lehrer und freiwillige Mitarbeiter der Wohlfahrtspflege nahmen an der Veranstaltung teil. Die Schulungswoche wurde durch einen Vortrag von Frau S. Wronsky über „Neuzeitliche Wohlfahrtspflege" (Wandlungen der Ideen, Begriffe und Methoden) cingeleitet, der den Gesamtzusammenhang der jüdischen mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege sowie der einzelnen Themen untereinander herstellte und zahlreiche Anregungen für die neuzeitliche Ausgestaltung der Arbeit gab. An den Vortrag schloß sich ein geselliges Zusammensein fast aller Teilnehmer in den neuen Räumen der Zentralwohlfahrtsstelle. Nachdem Prof. Dr. Erich Seligmann am nächsten Tage die Schulungswoche mit einer Ansprache eröffnet hatte, wurden auf den einzelnen, während der Schulungswoche behandelten Gebieten eine Reihe ausgewahlter Themen möglichst vom allgemeinen und vom jüdischen Standpunkt aus dargestellt, um sie für die Praxis nutzbar zu machen. So ergänzten sich die Vorlesungen von Stadtrat Dr. Muthesius und Dr. Berget über „Durchführung der Reichssürsorgeverordnung", ferner die Vorlesung von Frl. Dr. Wunderlich über „Produktive Sozialpolitik" mit denen von Adler-Rudel über „Jüdische Wanderungen und Wanderfürsorge" und Dr. Kreutzberger über „Fragen der Arbeitsfürsorge", während Rechtsanwalt Dr. Fraustädter das Sondergebiet des „Ausländerrechts" behandelte. Ueber „Soziale Gerichtshilfe" sprach Frl. Meyer, und für das Gebiet der „Sozialversicherung" wurde ein allgemeiner Ueberblick von Frl. Gertrud Israel gegeben. Auch die Vorlesungen von Frl. Ruth v. d. L e y e n und Dr. S t a h l über „Sozialärztliche und fozialpädagogische Fragen bei schwer erziehbaren Kindern" stellten eine gegenseitige Ergänzung dar. Au§ dem vielgestaltigen, im Vordergrund der neuzeitlichen Arbeit stehenden Gebiet der Sozialpädagogik sind ferner die Vorlesungen von Direktor Schlosser-Wakenitzhof über