Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2549643-2549665-2549669--258-2549980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 3 - mehrt. lieber den gegenwärtigen Organisationsstand im Reiche unterrichtet ebenfalls eine besondere Zusammenstellung in dem neuen Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege. Im einzelnen sei nur noch darauf hingewiesen, daß gerade gegenwärtig Verhandlungen im Gange sind, um einen Wohlfahrtsverband in dem einzigen noch Glicht organisierten Lande, Thüringen, zu schaffen, und daß es nach längeren Vorarbeiten erfreulicherweise gelungen ist, in Niederschlesien und Oberschlesien, dank der Unterstützung der führenden Gemeinden dieser Bezirke, Provinzialwohlfahrtsverbände zu schaffen. Der ostpreußische Provinzialwohlfahrtsverband konnte weiter gefestigt werden, und schließlich besteht jetzt begründete Aussicht, auch in den beiden noch fehlenden Provinzen Pommern und Schleswig-Holstein, in denen fast die gesamte Arbeit bisher dankenswerterweise vor allem durch die Gemeinden Stettin und Altona geleistet wurde, zu eigenen Provinzialwohlfahrtsorganisationen im Lause der nächsten Monate zu gelangen. II. Die einzelnen Arbeitsgebiete Es ist leider nicht möglich, im Rahmen dieses zusammenfassenden Tätigkeitsberichtes auf alle Einzelheiten und Zahlen der Arbeit einzugehen. Vielleicht wird es die Finanzlage in späteren Jahren gestatten, umfangreichere Tätigkeitsberichte herauszugeben, was im Interesse der Arbeit sehr zu wünschen wäre. Es sei deshalb im folgenden nur in großen Linien das Notwendigste hervorgehoben. 1. Wirtschaftsfürsorqe In wirtschaftlicher Beziehung standen auch in der Berichtszeit die Arbeiten für die Durchführung der sozialen Wohlfahrtsrente, für die Bewirtschaftung der Kreditmittel und für die Beratung und vermittelnde Hilfe in schwierigen Einzelfällen der Wirtschaftsfürsorge im Vordergründe der Arbeit. Die Ansprüche der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen (Anstalten, Vereine, Stiftungen) auf soziale Wohlfahrtsrente sind in weitestem Maße zentralisiert, d. h. durch die Zentralwohlfahrtsstelle als Bevollmächtigte dieser Einrichtungen geltend gemacht worden. Diese zentralisierte Durchführung bedeutete zwar für die Geschäftsstelle (Referentin ist Fräulein Halitzki) ein sehr großes Maß von Arbeite Es wird aber hoffentlich durch das zu erwartende Ergebnis reichlich ausgewogen werden und bringt in jedem Falle den Vorteil mit sich, daß aus den reichen Erfahrungen in den einzelnen Fällen für die Gesamtbearbeitung Nutzen gezogen wird, zumal neben den Bearbeitern der Geschäftsstelle Herr R.-A. Dr. Philipsborn als besonders sachverständiger Berater auf diesem Gebiet sich jederzeit bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat. Insgesamt sind etwa 570 Anträge durch uns gestellt worden, mit einem Gesamtbetrag von Auslosungsrechten in Höhe von annähernd 700 000,— Mark und einem Papiermarkwert für Reichs- und Länderanleihen in Höhe von etwa 27 000000,— Mark. Bei 106 bisher erfolgten Ablehnungen erster Instanz ist in 82 Fällen durch uns das Beschwerdeverfahren im Einvernehmen mit den Antragstellern eingeleitet und durchgeführt worden, lieber das Gesamtergebnis der Entscheidungen erster Instanz haben wir eine Rundfrage bei unseren Bevollmächtigten für die einzelnen Ausschüsse durchgeführt. Die Antworten auf diese Rundfrage liegen zwar noch nicht vollständig vor, aber nach den bisher eingegangenen Uebersichten ist der größte Teil der Anträge anerkannt worden. Wir sind bemüht, in den zur Zeit noch beim Oberausschuß zur Entscheidung vorliegenden Anträgen durch Beibringung ergänzenden Materials hoffentlich in allen ober doch in den meisten Fällen günstige Entscheidungen herbeizuführen. Sobald das Ergebnis der sozialen Wohlfahrtsrente, das erst nach Entscheidung über alle Anträge festgestellt werden kann, vorliegen wird, wird es besonders bekannt gegeben werden. Die Kreditmittel des Reiches, und zwar sowohl diejenigen des Reichsarbeitsministeriums, wie diejenigen der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte, sind im Laufe der Berichtszeit in immer stärkerem Maße für den Ausbau von Einrichtungen, zur Ergänzung der sonst aus dem Kreise der jüdischen Arbeit, von den Kommunen usw. zur Verfügung gestellten Mittel, in Anspruch genommen worden. Für das Jahr 1927 sind die ausgegebenen Kreditmittel aus dem Rechnungsabschluß ersichtlich. Im ersten Vierteljahr 1928 sind bereits 72000,— Mark an Krediten vergeben worden; eine größere Anzahl von Kreditanträgen ist zur Zeit in Bearbeitung. In der beratenden und vermittelnden wirtschaftlichen Fürsorge in einzelnen Fällen ist zwar durch die immer stärker fortschreitende Durchorganisierung der jüdischen Wohlfahrtspflege, vor allem durch die Begründung der neuen örtlichen Wohlfahrtszentralen und durch die Tätigkeit der Landes- und Provinzialwohlfahrtsverbände, die Zentralwohlfahrtstelle in starkem Maße entlastet worden, da ja die Fürsorge für den Einzelfall Sache dieser örtlichen oder Landesbezw. Provinzialstellen ist. Immer mehr setzt sich auch bei allen Beteiligten der Gedanke der Notwendigkeit und Möglichkeit engsten Zusammenwirkens mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege, gemäß der Reichsfücsorgeverordnung und den Reichsgrundsätzen, durch und findet auch fast überall Verständnis und Entgegenkommen bei den öffentlichen Fürsorgeverbänden. Auf die Bedeutung dieser Gedanken wird von der Zentralwohlfahrtsstelle bei jeder sich bietenden Gelegenheit hingewiesen. Trotz dieser günstigen Entwicklung war auch im letzten Jahr in einer größeren Anzahl von Fällen das Eingreifen der Zentratwohlfahrtsstelle für solche hilfs bedürftigen Personen notwendig, die an Orten wohnen, in denen keine ausreichende Hilfe durch die jüdische Gemeinschaft gewährt werden konnte. Ein kleiner Fonds, der der Zentralwohlfahrtsstelle aus eigenen Mitteln und aus solchen der „Deutschen Nothilfe" zur Verfügung stand, ermöglichte auch eine einmalige oder vorübergehende finanzielle Hilfe in einem Teil dieser Fälle. — Schließlich sei aus dem Gebiete der wirtschaftlichen Fürsorge die Tätigkeit der der Zentralwohlfahrtsstelle angegliederten Sammlung „Jüdische Not" erwähnt, aus der zur Zeit 18 geschlossene Anstalten der Jugendfürsorge, 8 halboffene der Kinder- und Jugendfürsorge, 10 geschlossene Anstalten der Alters-, Siechen- und Gesundheitsfürsorge, 3 offene Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge mit Beihilfen unterstützt wurden. Die Sammlung „Jüdische Not" — deren Geschäftsführung in den Händen von Frau Ulla Brode liegt — ist für Berliner Einrichtungen bestimmt; sie konnte eine Jahressumme von etwa 185 000, - Mark zur Verteilung bringen. Alles nähere ist aus dem kürzlich erschienenen Jahresbericht der Sammlung „Jüdische Not" ersichtlich. Aehnliche zentralisierte Sammlungen bestehen erfolgreich auch in anderen Städten. In letzter Zeit sind an die Zentralwohlfahrtsstelle von vielen Seiten Wünsche gelangt, sich auch des Sammlungswesens für diejenigen Reichseinrichtungen, die im ganzen Reiche um Beiträge und Spenden werben, in geeigneter Weise regelnd anzunehmen. In dieser Frage sind die Vorarbeiten zur Zeit im Gange. Ein besonderes Arbeitsgebiet der Wirtschaftsfürsorge bildet die Studentenhilfe. Die Zentralwohlfahrtsstelle ist wie die übrigen Verbände der freien Wohlfahrtspflege in der Stipcndien-Kommission des „Vereins für das Deutschtum im Auslande" vertreten, welche Studienbeihilfen für auslandsdeutsche, an deutschen Hochschulen Studierende gewährt. Im Jahre 1927 haben wir für 11 auslandsdeutsche Studenten etwa 3500,— Mark Beihilfen vermittelt, von denen der bei weitem überwiegende Teil vom Verein für das Deutschtum im Auslande, ein Teilbetrag vom Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Berlin und der Zentralwohlfahrtsstelle getragen worden ist. Ferner konnten aus unserem Nothilfe- Fonds einigen Studenten, die kurz vor dem Staatsexamen standen, Zuschüsse gewährt, und eine Beihilfe dem Verband der jüdischen Studentenvereine überwiesen werden. Im übrigen stellt aber die Studentenfürsorge organisatorisch und fürsorgerisch eine ganz besonders schwierige Frage unserer Arbeit dar; sie wird die Zentralwohlfahrtsstelle und die anderen beteiligten Organisationen in der nächsten. Zeit noch besonders beschäftigen. 2. Gesundheitsfürsorge Das Hauptarbeitsgebiet der Gesundheitsfürsorge ist auch im letzten Jahre die Tuberkulosefürsorge geblieben. Der Geschäftsbericht des bedeutungsvollen, sich als immer notwendiger erweisenden „Offenen Fonds" der „Arbeitsge-