Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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sozialer Arbeit zu gewinnen und zu gemeinsamen Verhandlungen zu vereinigen. Tie Widerstände, die zu überwinden waren, waren zweifacher Art: einmal waren es Widerstände, die sich gegen die Möglichkeit des Zusammenschlusses überhaupt erhoben und andererseits wurden erhebliche Zweifel geäußert, ob gerade der Gedanke der Leistung sozialer Arbeit eine brauchbare Basis für die Vereinigung der jüdischen Jugend abgebeu könnte. Beide Gruppen von Schwierigkeiten wurden durch die beginnende praktische Arbeit überwunden. Nachdem man sich erst zusammengesunden und erfahren hatte, daß eine gegenseitige Verständigung und eine gemeinsame Arbeit möglich würden, trat die Frage, welcher Art die Grundlage dieser Arbeit wäre, mehr in den Hintergrund. Tie gedankliche Arbeit des Reichsausschusses galt, danach der Herausarbeitung eines Aktionsprogramms. Ties war zunächst ein soziales Programm und untersuchte erst einmal theoretisch, welche Arbeitsmöglichkeiten die Jugendbewegung als ganze auf dem Gebiet der sozialen 'Arbeit beständen. Man lehnte sich hieran teilweise an die wenigen Vorbilder an, die in der nichtjüdischen Wohlfahrtspflege auf diesem Gebiet vorhanden waren. Man setzte sich mit den Gedankengängen auseinander, die durch die „Soziale Gilde" entwickelt wurden. Tiefe stellt einen Kreis von Sozialarbeitern aus der Jugendbewegung dar, die die wichtigsten Zoziälpädagogischen Prinzipien, die die Jugendbewegung entwick.lt hat, auf die Wohlfahrtspflege übertragen wollen und andererseits der Wohlfahrtspflege einen gesicherten Platz innerhalb der gesamten Erneuerungsbewegung des Volkes geben wollen. So begriff sich dann auch die soziale Tendenz der jüdischen Jugendbewegung als Teil der Erneuerungsbewegung der jüdischen Gesellschaft, die den wichtigsten Kern des Strebens jeder Jugendbewegung ausmacht. Andererseits kam es darauf an, den Gedanken der sozialen Arbeit der Jugendbewegung zu konkretisieren, die Punkte aufzuzeigen, an denen die Jugendbewegung ansetzen könnte, um mitten hinein in die soziale Arbeit zu kommen. Ueberblickt man die kurze Zeit, die seit der Entwicklung dieses «Programms bis heute verflossen ist, so zeigt sich, daß die Tendenz im wesentlichen in zwei Richtungen bis zu einem gewissen Grade wirksam gewe,en ist: einmal werden immer größere Kreise der jüdischen Jugendbewegung, besonders der weiblichen Jugend beruflich in den Kreis der sozialen Arbeit hineingezogen, auf der anderen Seite ist an verschiedenen Stellen eine verantwortliche Mitarbeit von Jugendlichen in den einzelnen Wohlfahrtskommissionen festzustellen. Tiefe Mitarbeit geschieht keineswegs immer durch einen ausdrücklichen Eingriff oder auf besondere Vermittlung des Reichsausschusses hin, sondern es finden sich da uno dort immer wieder eine Reihe von verantwortlichen Jugendlichen, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in die freiwillige Wohifahrtsarbcit übergehen. Soll man diesem Teil der Arbeit eine Prognose stellen, so wird man sich darüber klar sein müssen, daß viel mehr als bis jetzt auf diesem Gebiete, nicht erreicht werden wird. Tie soziale Arbeit der Jugendbewegung wird immer im wesentlichen eine Arbeit von Einzelnen bleiben, die ihrer Struktur nach für soziale Arbeit disponiert sind. Es wird die Aufgabe des Reichsausschusses und seiner Ortsausschüsse aus diesem Gebiet sein, durch intensive Propaganda für den Gedanken der sozialen Arbeit der jüdischen Jugend, die Menschen mit dieser Disposition herauszufinden, und ihnen den Wpg für ein Eindringen in die praktische Arbeit zu bereiten. Für die gesamte jüdische Jugend bedeutet der Reichsausschuß etwas anderes, und seine Entwicklung wird auch voraussichtlich auf anderem Gebiete liegen. Er bedeutet heute den sichtbaren Zusammenschluß der jüdischen Jugend, der von der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit als solcher anerkannt wird. Ter Reichsausschuß tritt hervor zur Vertretung der gemeinsamen Interessen der jüdischen Jugend, insbesondere zur Weckung der Verantwortung der jüdischen Gemeinden gegenüber der jüdischen Jugend. Tabei sieht der Reichsausschuß seine Aufgabe niemals nur in einer Hilfe für die organisierte Jugend, er fühlt sich ebenso stark verantwortlich für die nicht organisierte Jugend, deren soziale und kulturelle Lage zum Teil bedeutend schwieriger und gefährdeter ist, als die Lage der organisierten Jugend. Wir glauben, daß auf diesem Gebiete dem Reichsausschuß eure sehr wichtige und aussichtsreiche Aufgabe zugefallen ist, denn die Kräfte, die von hier ausgehen, begegnen sich mit Kräften, die innerhalb der einzelnen jüdischen Gemeinden wirksam werden, zu einer großzügigen und umfassenden Jugendarbeit. Hierher gehört die zusammen mit der Zentralwohlfährtsstelle der deutschen Juden eingeleitele Aktion zur Schaffung jüdischer Jugend- und Gemeindehäuser. Tie Arbeit des Reichsausschusses ist im Jahre 1927 aus dem bisherigen Rahmen innerhalb der Zenträlwohlfahrtsstelle durch die Errichtung einer eigenen Geschäftsstelle herausgenommen worden. Tie Verbindung mit der ZentralwohlsahrtsstelLe besteht dadurch weiter, daß eine Bürogemeinschaft vorhanden ist, und daß der Reichsausschuß als Jugendbeirat der Zentralwoh'lfahrtsstelle fungiert. Es gelang schon nach kurzer Zeit, das der Zentralwohlfahrtsstelle gehörige Grundstück in Seesen als Jugenderholungsheim des Reichsausschusses einzurichten. Ter Reichsausschuß ist nach zwei verschiedenen Prinzipien organisiert. Den Reichsausschuß bilden diejenigen jüdischen Jugendorganisationen, die minüestens fünf Ortsgruppen im Deutschen Reich besitzen. Je ein bis zwei Vertreter dieser Bünde bilden die monatlich etwa einmal zusammentretende Mitgliederversammlung des Reichsausschus.es. Daneben bestehen örtliche Zusammenschlüsse in einigen Groß/- gemeinden wie Berlin, Hamburg, Breslau, Leipzig, Köln. Tie örtlichen Zusammenschlüße, die sogenannten Ortsausschüsse des Reichsausschujses, arbeiten in engster Anl.hnung an die Jugenddezernate der Gemeinde, teilweise sind sie sogar Träger dieser Jugenddezernate. Gerade die örtliche Zusammenarbeit schafft wertvolle Ergebnisse. In enger Anpassung an die Bedürfnisse einer bestimmten Gemeinde erwachsen hier die Aufgaben. Ist erst einmal in einem solchen Ortsausschuß klar geworden, welche größeren Realisierungsmögsichkei en Forderungen der Jugend haben, wenn sie gemeinsam vorgetragen werden, so beginnt gewöhnlich eine Periode fruchtbarer Arbeit. So haben die örtlichen Zusammenschlüsse Arbeitsergebnisse auf ganz verschiedenen Gebieten gehabt: Da gelangte man zu gemeinsamen Jugendheimen, dort bebaute man gemeinsam ein Stück Gartenland, hier trat man in einer Jugendversammlung gemeinsam vor die jüdische Oeffenttichkeit, oder veranstaltete gemeinsam Bildungsvorträge. Tie Arbeit des Reichsausschusses ist noch durchaus im Aufbau begriffen, eine Reihe von Plänen harren noch ihrer Verwirklichung. V. Gesundheitsfürsorge Einleitende Uebersicht. Aus dem in der letzten Nummer unseres Nachrichtendienstes veröffentlichten Geschäftsbericht der Jüdischen Tuberkulosefürsorge vom Jahr 1927 ist zu ersehen, daß der Offene Fonds, aus dem Zuschüsse für Heilstättenkuren bewilligt werden, immer stärker in Anspruch genommen wird. Die außerordentlich knappen Mittel verbieten es leider, in dem Ausmaße einzugreifen, wie es nach den eingehenden Gesuchen notwendig wäre. Die Einschränkung, die man sich aus diesen Gründen auferlegen mußte, machte es notwendig, Richtlinien aufzustel.en, nach denen sich die Tuberkulosekommis,ion bei der Bewilligung von Beihilfen aus dem Offenen Fonds richtet. Nach diesen Richtlinien sotten in 1. Reihe alle diejenigen Fälle berücksichtigt werden, welche nach Art und Ausdehnung der Erkrankung eine völlige Wiederherstellung der Gesundheit und Erwerbsfähigkeit erwarten lassen, und welche sich für die Behandlung in einer Heilstätte eignen. Die Richtlinien enthalten ins einzelne gehende amtliche Ausführungen hierzu. Sodann wird im 2. Teil darauf hingewiesen, daß vor Inanspruchnahme des Offenen Fonds zunächst alle in Frage kommenden Stellen wie Angehörige, Versicherungsträger, Kommune usw. in Anspruch genommen werden müssen. Nach Annahme dieser Richtlinien in der demnächst stattfindenden Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Tuberkulosefürsorge" werden sie allen jüdischen Fürsorgestetten zugehen. — Im vergangenen