Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 — eine notwendige Erscheinung im jüdischen sozialen Leben, indem sie ein Ventil für die Masse schasst. Es folgten eine große Anzahl von Begrüßungsansprachen. Sodann hielt Dr. Jakob Lestschinski einen Vortrag über die „Probleme und Nöte der jüdischen Emigration der Gegenwart", in welchem er ausführte, daß man die Auswanderungsbewegung nicht als Katastrophenbewegung sondern als organische Erscheinung im sozialen Leben der Völker ansehen müsse. Vier Millionen Juden haben in den letzten hundert Jahren ihre alte Heimat verlassen, 3,2 Millionen von diesen haben sich allein in die Ueberseeländer begeben. Wenn die Auswanderungsbewegung weiter zum Stillstand gezwungen sein wird, so wird eine wirtschaftliche und auch kulturelle Degeneration des Judentums im Osten die Folge sein. Tie berufliche Ausbildung der jüdischen Jugend im Osten wurde durch den Krieg vernachlässigt, während die Anforderungen der Einwanderungslärrder gerade viel schärfer geworden sind. Ter jüdische Auswanderer muß zu einem produktiven Element ausgebildet, die Auswanderung muß finanziert werden. In seinem Finanzbericht beleuchtet Dr. James Bernstein das ganze Wesen der jüdischen Emigration. In eineinhalb Jahren sind über 55 090 Dollar Subventionen zur Erhaltung der Anstalten ausgegeben worden. Dr. Kreinin erstattete den Tätigkeitsbericht und eröffnete Perspektiven für die Zukunftsärbeit. Er betont, daß sich der Zusammenschluß mit der Jca sowohl im Zentrum wie auch in den Aus- und Einwanderungsländern als sehr wichtig erwiesen hat. Er teilte Zahlen und Daten über die Wanderbewegung mit und berichtete über die Reise einer dreigliedrigen Delegation nach Südamerika, die das Terrain sondieren und mit den Regierungsstellen und jüdischen Komitees die notwendigen Verhandlungen führen soll. Tr. Lvovitsch widmete der „Produktivierung der jüdischen Emigration" sein Referat, indem er auf den agrarischen Charakter fast sämtlicher sür die Einwanderung in Frage kommender Länder hinwies. Er erwähnte ferner die großen Summen, die aus der Verwandtenhilfe nach Europa kommen, mehr als 20 Millionen Dollar fließen jährlich von Amerika nach Rußland mid den Randstaaten — diese Summen sollen in den Dienst der Produktion gestellt werden. Dr. Tscherikower berichtete über die bisher geleistete Arbeit auf dem Gebiete der Berufsvoröereitung der Emigranten. In der Landwirtschaft wurden im letzten Semester 218 Personen ausgebildet. Tr. Tscherikower fordert die Schaffung eines Fonds zur Ermöglichung der Auswanderung von bereits Ausgebildeten, ferner Einrichtung von Fortbildungskursen für Handwerker; Fortsetzung der beruflichen Ausbildung in den Einwanderungsländern, und endlich Aufklärungsarbeit unter den Wanderern. Professor Brutzkus referierte über Kolonisation und Emigration. Er beschrieb die Bedürfnisse der noch dünn bevölkerten Ueberseeläirder pnd die Möglichkeiten einer Ansiedlung in diesen Ländern. Er betonte, daß die Ausbildung vor allem auf kolonisatorischer Grundlage vor sich gehen müsse. In der Spätabendsitzung hielt Herr Zwi Aberson, der Genfer Vertreter des Emigdirect, noch einen sehr interessanten Vortrag über die politische Arbeit in Genf auf dem Gebiete der Emigration. Er stellte fest, daß in den »Kreisen des Völkerbundes die Emigrationsfragen mit gebührendem Ernst behandelt würden und daß es notwendig wäre, den Völkerbund gegenüber den Widerständen der einzelnen Regierungen zu unterstützen Einen besonderen Abschnitt widmete er der Fürsorge des Völkerbundes für die russischen Flüchtliirge. Im Zusammenhang hiermit regte Herr Aberson den Plan an, sich wegen der 750 Flüchtlinge, die sich in Ko.Nfstantinopel in besonders schwieriger Lage befinden, an den Völkerbmü) zu wenden; diese sollten in Palästina angesiedelt werden, wozu ihnen unentgeltlich Staatsboden gewährt werden müßte. In die Exekutive, wurden gewählt: Tr. Miron Kreinin, Dr. James Bernstein, Dr. Alfred Klee, Dr. Oskar Cohn, Dr. Leo Motzkin, Tr. Jakob Lestschinski, Tr. Lvovitsch, Dr. Julius Brutzkus, S. Adler-Rudel, Dr. Silberschein, Israel Bernstein, A. Schalit, W. Latzki-Bertholdi, Tr. Gribeschock, Tr. E. Tscherikower, A Dijour und Daniel Tascharny. Das endgültige P r o g r a nun der I n t e rnatro Nalens ozialen Toppeiwoche, die vom 2. bis 13. Juli d. Js. in Paris stattfindet, gestaltet sich nach den letzten Mitteilungen folgendermaßen: ' I. Vom 2. bis 8. Juli find'et^ in der Sorbonne der „Internationale Kongreß, für Wohnungswesen und Wohnungswirtschaft" (Sonores International de I'Habi'tation et. cke l'Amenagement des villes) statt. II. Vom 5. bis 8. Juli tagt in dem Sonservatoire des Arts et Metiers der „Internationale Kongreß für öffentlicheund private Fürsorge" (Congres International d’Assistance publique et privee). III. Vom 8. bis 12. Juli findet in demselben Hause der „Internationale -Kinderschutzkongreß" (Songres International da la Protection de TEnfance) statt. IV. Vom 8. bis 13. Juli tagt in demselben Hause die „Internationale Konferenz für Wohlfahrtspflegeund Sozialpolitik" (Conference Internationale du Service social) mit folgenden 5 Abteilungen: Abt. 1. Allgemeine Organisation der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik (Vorsitzender: Mr. Perey Alden, London). Abt. 2. Die soziale Ausbildung ' (Vorsitzende: Dr. .Alice Salomon, Berlin). Abt. 3. Methoden individualisierender Fürsorge (Vorsitzende: Mrs. Glenn, New Dork). Abt. 4. Sozialpolitik, Wohlfahrtspflege und Arbeiterfragen (Vorsitzender: Albert Thomas, Genf). Abt. 5. Sozialhygiene (Vorsitzender: Professor Bagge, Stockholm). Tie vier Kongresse sind in ihrer Organisation völlig getrennt, jeder Kongreß hat seine eigene Kongreßleitung. Die Zusammenfassung zu einer internationalen sozialen Doppelwoche hat das Ziel, die gesamten Veranstaltungen zu einer einheitlichen Kundgebung für die Bedeutung der internationälen Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik zu gestalten. Demselben Ziel dienen zwei Ausstellungen, die im Rahmen der Sozialen Doppelwoche veranstaltet werden. Eine Internationale Ausstellung für Wohnungswesen undsozialen Fortschritt findet vom 15. Juni bis 15. Juli im Ausstellungspark statt. Es ist dies eitle öffentliche Ausstellung mit ausgesprochen volksbelehrendem Charakter. Die Beschickung der Ausstellung geschieht durch die Landesausschüsse. Daneben wird vom 2. bis 13. Juli in dem Conservatoire des Arts et Metiers eine A u s st e llung stattfittden, die ausschließlich für die Besucher der vier Kongresse veranstaltet wird. Sie wird daher eine reine Fachausstellung sein. Auf Wunsch der Internationalen Konferenz für Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik ist für diesen Kongreß auch in Deutschland wie in den übrigen Ländern ein Üandesausschuß eingesetzt worden (Geschäftsstelle Frankfurt a. M., Stiftstraße 30), dem etwa 80 Personen aus allen Kreiselt der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege Deutschlands angehören. Zur Bildung des Ausschusses waren von der Pariser Kongreßleitung Frau Ministerialrat Dr. Bäumer, Frau Dr. Salomon und Tr. Polligkeit aufgefordert worden. Tie Wahl der Mitglieder des Landesausschusses ist von einer auf Einladung der genannten drei Personen einberufenen Konferenz vorgenommen werden. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ist in dem Landesausschuß durch den Vorsitzenden Rabbiner Dr. Baeck und den Geschäftsführer Dr. Ollendorff vertreten. Weitere Einzelheiten über das Programm werden wir in der nächsten Nummer des Nachrichtendienstes veröffentlichen. XI. Mitteilungen des Archivs und Berichte Anläßlich der letzten Tagung des Sächsisch-Israelitischen Wohlfahrtsv erb and es in Zwickau wurden folgende Berichte erstattet: I. Land es wohlfahrtsstelle des Sächsisch- Israelitischen G e m e i n d e v e r b a n d e s. Tätigkeitsbericht vom 1. 1. 1926 bis zum 1. 9. 1927,