Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1926-1927
- Issue
- Heft 7 (August 1927)
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Her Hauptnachdruck unserer Erwägungen liegt aber in der Beantwortung der Frage, ob wir uns überhaupt für alle Vorgänge innerhalb der Judenschaft solidarisch erklären wollen! Findet man das aus religiösen, sozialen und allgemeinen Abwehrgründen notwendig, dann steht auch für das deutsche Judentum neben der relativ kleineren Arbeit im Lande die sozial-ethische Verantwortung für Vorgänge im Leben der Gesamtjudenschaft im Vordergründe. Die Beantwortung dieser Frage kann individuell und vom Standpunkt der Parteien und Organisationen eine verschiedene sein, sie kann ja oder nein lauteil, aber sie muß offeil uild rückhaltlos gegeben werden, damit wir der Welt und unscter Gemeinschaft gegenüber endlich zu einer klaren Stellungnahme kommen." In der letzten Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische G e f ä h r d e t e n f ü r s o r g e" wurde insbesondere über das Thema „Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und j üd is ch e W 0 h l f a h r t s - pflege" durch Sanitätsrat Dr. Seeligsohn und Professor Tr. Seligmann ausführlich berichtet (vergleiche Seite 7 8) und nach längerer Aussprache folgendes beschlossen: 1. An die Gemeinden ein Rundschreiben zu versenden, in dem unter eingehender Darlegung der neuen Rechtslage auf die Notwendigkeit der baldigen Errichtung von Zufluchtsheimen erneut hingewiesen werden fott; ferner soll vor allem auf' die Notwendigkeit der Mitwirkung der jüdischen Wohlfahrtspflege bei den Pflegeämtern aufmerksam gemacht werden. 2. Der Jüdische Frauenbund wird gebeten, konkrete Vorschläge wegen Errichtung von Heimen recht bald zu machen. 3. Die Frage der Ueberweisung nicht mehr erziehbarer Personen an die allgemeine Wohlfahrtspflege soll zur geeigneten Zeit noch einmal besprochen werden. Es wurde ferner über die Bestrebungen zum Ausbau der Psychopathenfürsorge beraten und ein Bericht über den Stand der Reformarbeiten der Fürsorgeerziehungsheime des D.J.G.B. für schulentlassene Knaben und Mädchen entgegengenommen und besprochen. Der jüdische Schulverein Berlin teilt uns mit, daß ab 1. Oktober d. Js. die von ihm unterhaltenen Kindergärten geschlossen worden sind. Das im Jahre 1916 gegründete Säuglings- und Kleinkinderheim des Jüdischen Frauenbundes in Breslau wurde im vergangenen Jahre aus gemieteten Räumen in der Stadt in ein eigenes Haus mit großem Garten in einen Villenvorort verlegt. Ermöglicht wurde >diese. Verlegung durch den Eintritt der Marcus und Bertha ^Schottländer-Stiftung. Das Haus bietet Unterkunft für 20 bis 30 Kinder von der Geburt bis zum schulpflichtigen Alter. Ani 18. September 1927 konnte das Heim für gefährdete israelitische Mädchen (Fürsorge-Erziehungsanstalt), C ö p e n i ck, das dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund untersteht, die Feier seines 25jährigen Bestehens begehen. Während dieses ganzen Zeitraums hat das Heim unter der Leitung von Fräulein Katz gestanden, die am 1. Oktober d. Js. aus Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand trat. Tie Nachfolge, ist Fräulein Erna Staripolsky, bis dahin an eineni Töchterpensionat in Hannover tätig geivesen, übertragen worden. Das Heim, das ursprünglich in gemieteten Räumen in Plötzensee untergebracht war, siedelte 1915 in den schönen Bau des D.J.G.B. nach Cöpenick über. Im Jahre 1920 wurde dem Verein eine Kleinkinderabteilung angegliedert. In deni Heim waren seit seinem Bestehen insgesamt 265 Mädchen im, Alter zwischen 14 und 20 Jahren, die zwischen % Jahr und 7 Jahren in der Anstalt verblieben. Zurzeit befinden sich 27 schulentlassene Mädchen dort. Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt a. M. feierte in diesen Tagen sein zwanzigjähriges Bestehen. Es dient mit 4 Häusern von zusammen 80 Plätzen s ch u tz b e d ü r f 1 i g e n und schwer erziehbaren Kindern, gefährdeten Jugendlichen, Schwangeren, Müttern und Säuglingen als Heim- und E r z i e h u n g s st ä t t e. Hunderte von Kindern, Jugendlichen und Frauen aus allen Teilen Deutschlands sind in den 20 Jahren des Bestehens Isenburg anvertraut worden. Um auch weiterhin allen Anforderungen genügen zu können, bedarf das Heim dringend einer räumlichen Erweiterung, die 30- bis 40 000 Mark kosten soll. Der Jüdische Frauenbund hat deshalb anläßlich des Jubiläums eine Sammlung eingeleitet und wirbt mit künstlerisch ausgeführten Formularen um Bausteine zum Mindestpreise 'von 1 Mark. Wir behalten uns vor, in der nächsten Nummer des Nachrichtendienstes ausführlich über die bisherige Entwicklung und Arbeit des Heimes zu berichten. Tie i s r a e l i t i s ch e B l i n d e n a n st a l t „H o h e W a rt e" Wien 19, die, wie wir im letzten Nachrichtendienst mitteilten, auch einige Kinder aus Deutschland kostenlos aufnimmt. ist als Erziehungs- und Ausbildungsanstalt für 65 Kinder eingerichtet. Ausgenommen werden geistig normale blinde Kinder vom 6. bis zum 18. Lebensjahre. In den Werkstätten, die der Anstalt angeschlossen sind, erlernen die Zöglinge Bürstenbinderei, Korbflechterei, Handarbeit, Uhrmacherei und Tischlerei. Tie als Klavierstimmer Ausgebildeten erlernen auch Klavier-Tischlerei und können sich später eine Klaviermacherwerkstatt begrünoen. Tie Zöglinge bekommen außeroem eine gründliche musikalische Ausbildung, die sie häufig zum Musiklehrer-Berufe befähigt. In einer der letzten Sitzungen des Sonderausschuss es für Internationale. K i n d e r h i l f e bei der Deutschen Zentrale für freie Jugendwohlfahrt berichtete Fräulein von Gierke über die Arbeit des Conseil general der Union Internationale de Secours aux Enfants und dessen Wunsch, folgende Entschließung zur internationalen Kinderhilfsaktion bekanntzugeben: Der 8. Conseil general der Internationalen Kinderhilfe in Genf wünscht: in Anbetracht dessen, daß die Menschheit die Verpflichtung hat, ihre schwächsten Glieder zu schützen und ihre besten Hilfskräfte einzusetzen, zur Rettung der ärmsten, unglücklichsten und gefährdetsten Kinder der Welt vor Verzweiflung, Erniedrigung und dem Tode die schlimmsten Leiden zu heilen, die das Leben der Kinder in einigen Teilen der Welt bedrohen; Leiden, die eine Schande für unsere Zivilisation bedeuten und die, wenn man sie nicht bekämpft, den Verfall der Menschheit zur Folge haben könnten. Die Internationale Kinderhilfe hält es daher für ihre erste Pflicht, sich allen Männern und Frauen jedes Landes helfend zur Verfügung zu stellen, die ihre Aufgaben der leidenden Kindheit gegenüber zu erfüllen suchen. Trotz der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, die sich der Union entgegenstellen in der Begrenztheit ihrer eigenen Mittel im Vergleich zu der Größe und Schwierigkeit der Aufgaben, will sie den Kindern Hilfe bringen, die, soweit ihr bekannt ist, die Hilfe am nötigsten haben. Die Z.W.St. kommt dem Wunsche nach Veröffentlichung der Entschließung umso lieber nach, als in jüdischen Kreisen der Kinder- und Jugendfürsorge der Wunsch, ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit, jüdische hilfsbedürftige Kinder zu betreuen, seit Jahren lebendig und in Einzelfällen in die Tat umgesetzt worden ist. Mit dem Schutz der Jugend in dem vorliegenden Entwurf zu einem Deutschen Strafgesetzbuch befaßte sich die Deutsche Zentrale für freie Jugendwohlfahrt in der 'letzten Zeit. Bereits zu dem Strafgesetzeütwurf von