Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1926-1927
- Issue
- Heft 6 (April 1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 12 — deutschen Juden statt. Anstelle von Herrn Kareski-Berlin tvurde .Herr Dr. Philipsborn zum Vorsitzenden gewählt. Fernerhin wurde Herr Prof. Dr. Seligmann-Berlin in den Vorstand zugewählt. Nach Erstattung des Geschäftsberichtes, der sich mit dem Ausbau des Bundes und mit der Fortführung der in Düsseldorf im Vorjahre begonnenen Arbeiten auf den Gebieten der Chesarztversicherung und insbesondere der sozialen Krankcnhausfürsorge beschäftigte, wurde das Hauptthema: „Wie werden Pfleglinge ritueller Anstalten nahrhaft, a b w e ch s l u n g s r e i ch und dabei s p a r s a m ernähr 1" eingehend behandelt. Den 4 Referaten über die Ernährung in Krankenhäusern, in Altersheimen, in Kinderheilstätten und über die Wirtschaftsführung unter besonderer Berücksichtigung der Pessachwoche, dienten die von Anstalten beantworteten Fragebogen und eingereichten Speisezettel als wertvolles praktisches Material. Herr Geheimrat Prof. Dr. Strauß-Berlin betonte die Wichtigkeit der Beobachtung neuzeitlicher wissenschaftlicher Ergebnisse der Ernährungswissenschaft und der Diätvorschriften. Er empfahl an Stelle der für Kleinbetriebe zu kostspieligen Diätküchen wenigstens die Einstellung speziell vorgcbildeter Diätschwestern. Ferner berührte er eingehend die Kostenfrage der rituellen Wirtschaftsführung. Das Referat von Herrn Dr. F r e i m a n n - Frankfurt a. M. ging auf die in Altersheimen übliche Ernährungsweise ein und schilderte die besonderen Bedürfnisse des Alters und die dadurch gebotene Rücksichtnahme. Referent gab Anleitungen für die zeitliche Einteilung und die Zusammensetzung der Mahlzeiten. Herr Dr. Stahl-Berlin erörterte auf breiter medizinischer Grundlage Fragen zweckmäßiger Ernährung für in Heilstätten untergebrachte Kinder, die der körperlichen Eigenart der Pfleglinge angepaßt sein muß. Besonders wertvoll sind seine nach Art, Menge, Nährwert und Preisen zusammengestellten Nährmittel, die für Kinderheilstätten in Frage kommen. Die Regeln der Wirtschaftsführung unter besonderer Berücksichtigung des rationellen Einkaufs sowie von Vorschlägen für eine gute Vorbildung und dauernde Nachschulung des Wirtschaftspersonals faßte Frl. Lucie Laqueur-Frankfurt a. M. in sehr prägnanter und eindrucksvoller Weise zusammen. Die Aussprache ergab folgende Feststellungen: 1. Die rituelle Wirtschaftsführung in Anstalten verteuert den Gesamtbetrieb nicht erheblich. Sie würde sich noch verbilligen, wenn die Koscherwaren-Händler sich zu einer Herabsetzung der zum Teil viel zu hohen Preise verstehen würden. Der Bund jüdischer Kranken- und Pflegeanstalten wird beauftragt, Schritte zur Abhilfe zu unternehmen. 2. Die neuzeitlichen Ergebnisse der Ernährungs- und Diätwissenschaft, welche eine größere Individualisierung verlangen, sind von den Anstalten mehr zu berücksichtigen. 3. Die Ausbildung von Diätschwestern in Krankenhäusern und hauswirtschaftlichem Personal in allen Anstalten der Gesundheitsfürsorge sowie vertiefte Vorbildung der Anstaltsärzte auf dem Gebiet des Ernährungswesens ist durch lokale. Kurse und praktische Unterweisung im Anstaltsbetriebe zu fördern. Ein ausführlicher Druckbericht über die Tagung wird in Kürze erscheinen und wird zum Preise von Mk. 1,— beim Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten Berlin N. 24, Oranienburger Straße 13/14, zu beziehen sein. Am 22. Juni wurde in London unter dem Präsidium von Claude G. M o n t e f i o r c die Internationale Konferenz der jüdischen Gesellschaften z u ni Schutze der Frauen und Mädchen und zur Bekämpfung des Mädchenhandels eröffnet. Die Konferenz war eine der ersten nach dem Kriege zustandegekommenen internationalen Veranstaltungen für ein wichtiges jüdisch-soziales Arbeitsgebiet. Mit Rücksicht auf ihre besondere Bedeutung ließ sich die Zentralwohlfahrtsstelle auf der Konferenz durch die Herren Rabbiner Dr. Hildesh e i m e r, Legationsrat Professor Dr. S o b e r n h e i m und den Geschäftsführer Dr. Ollendorff vertreten. Wir lassen nachstehend den offiziellen Konferenzbericht folgen und behalten uns für später eine eingehende Darstellung der Ereignisse der Beratungen vor. Hierzu sei heute nur kurz folgendes hervorgehoben: Die Konferenz hat sicherlich dazu beigetragen, in der Gesamtfrage eine einheitliche Stellungnahme aller Beteiligten herbeizuführen. In der Feststellung der entscheidenden Bedeutung der vorbeugenden Arbeit, insbesondere der Erziehungs- sowie der Arbeits- und Berufsfürsorge, stimmten alle Vertreter überein. Auf die außerordentlich schwierigen Probleme, die vor allem mit den Fragen der „Agunoth" und der „stillen Chuppah" verknüpft sind, wurde nachdrücklichste hingewiesen, wenn es hier auch bei der Problemstellung blieb. Und schließlich wurden praktische Ergebnisse erzielt einmal durch die Schaffung eines internationalen Fonds unter Beteiligung der Länder und sodann durch die Anbahnung einer wirklichen Arbeitsverbindung zwischen den Wanderungs-, Wohlfahrts- und Frauen-Organisationen. Auf alle diese Fragen wird später noch ausführlich zurückzukommen sein. Es folgt nunmehr der Bericht über die Verhandlungen selbst: Nach einem Weihegebet des Reichsrabbiners Dr. I. H. Hertz hielt Claude Montefiore die E r ö f f n u ngsanspräche, in der er an die 1910 veranstaltete erste jüdische Frauenschutz-Konferenz erinnerte. Seitdem haben sich die Verhältnisse infolge der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, besonders derjenigen in Osteuropa, sehr verschlechtert. Es wurde ein Präsidium gewählt, dem die Herren Edouard O u n g r e (Paris), Prof. Dr. M. S o b e r n h e i m (Berlin), Karl K l e m p e r e r (Wien) und Julius Becker (Danzig) angehören. Arthur R. M o r o, der Vizepräsident und ehrenamtliche Sekretär der Vereinigung, hielt ein eingehendes Referat darüber, welcher Fortschritt seit der Konferenz von 1910 in dem Schutz der jüdischen Mädchen und Frauen vor unsittlicher Ausbeutung erzielt worden ist. Er wies auf die Reise des Sekretärs S. Cohen durch Mittel- und Osteuropa hin und teilte mit, es sei Herrn Cohen gelungen, die durch den Krieg unterbrochene Arbeit zu reorganisieren. In Warschau und in Lodz, in Argentinienwie in Brasilien wurden hunderte jüdischer Mädchen und Frauen den Sklavenhändlern entrissen. Zweigbüros sind in Mexico, Peru, Chile und Aegypten notwendig, aber der Geldmangel hemmt die Tätigkeit. In der Sitzung vom 23. Juni wurden die Berichte aus den einzelnen Ländern erstattet. Dr. Ollendorff (Berlins hob u. a. die Hilfe hervor, die Organisationen wie Jen, Bnei Brith, Hilfsverein der deutschen Juden, E m i g d i r e k t, Jüdischer Frauenbund, A l l g e m. Rabbiner verband, Haupt st elle für Wanderfürsorge, Zentral wohlfahrts stelle u. a. m. der Arbeit für die Bekämpfung des Mädchenhandels leisten. In Hamburg, Berlin, Köln und Breslau beständen Schutzstationen für jüdische junge Mädchen. In Deutschland existiere kein eigentlicher Mädchenhandel. Die Hanptursache des Uebels ist in den wirtschaftlichen und sozialen Nöten O st e u r o p a s zu suchen. Zu empfehlen ist u. a. eine Stärkung der F r a u e n P o l i z e i in allen Ländern, vor allem aber die Zusammenarbeit aller beteiligten jüdischen Organisationen. Frl. Pappen heim (Frankfurt a. M.) behandelte die Frage der Agunoth (Frauen, deren Männer verschollen sind) und appellierte an die Rabbiner der ganzen Welt, Maßnahmen zur Erlösung dieser Frauen zu treffen. Die Redncrin regte auch die Gründung eines Weltschutz-Büros für Kinder und junge Mädchen an. Sie ersehnt einen neuen Rabbenu Gerschon, der das Judentum revolutionieren und die Agunoth von ihren Ketten befreien werde. Rabbiner Dr. Hildesheimer (Berlin) führte aus, die großen rabbinischen Autoritäten des Ostens, wie C h o f e z