Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1926-1927
- Issue
- Heft 6 (April 1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 nach dem in Berlin bewährten System. Schließlich sei auf die Förderung des jüdischen Darlehnskasfenwesens hingewiesen, das besonders in Zukunft ein wesentliches Instrument der wirtschaftlichen Fürsorge darstellen wird. Aus dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge ist neben der außerordentlich verstärkten Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft der Tuberkulosefürsorge hinzuweisen auf die starke Mitarbeit bei der Einführung und dem Ausbau der sozialen Krankenhausfürsorge und bei der im Interesse planmäßiger und sparsamer Wirtschaft dringend erforderlichen Rationalisierung der Erholungsfürsorge. In diesem Zusammenhang sei auch hervorgehoben, daß die Geschäfte des Bundes der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands in der Geschäftsstelle der Zentralwohlfahrtsstelle geführt werden. Auf dem Gebiete der I u g e n d w o h l f a h r t und Ge - fährdetenfürsorge standen und stehen neben der Beteiligung bei der Reform der Fürsorgeerziehung die Förderung der Psychopathenfürsorge und der Gefangenenfürsorge im Vordergrund der Arbeiten Auf dem Gebiete der P s y ch o p a t h e n f ü r s o r g e haben sich die Bestrebungen im Einvernehmen mit den Sachverständigen zurzeit auf die Anregung und Förderung von Beratungs- und Hilfsstellen und auf die Ausbildung von Fachkräften auf diesem wichtigen und schwierigen Erziehungsgebiet konzentriert. Daneben unterstützt unsere Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenfürsorge die von Frankfurt ausgehenden Bestrebungen ans Begründung eines Hcilerziehungsheims in Marburg. Die Zentralwohlfahrtsstelle ist sodann bemüht, in solchen Fällen der Gefährdetenfürforge, insbesondere bei gefährdeten Jugendlichen. bei denen trotz aller Bemühungen öffentliche Stellen (an die stets herangetreten wird), örtliche und Provinzialwohlfahrtsstellen nicht hinreichend Mittel zur Verfügung stellen können, vorübergehend für kurze Zeit mit kleineren Beträgen einzutreten, bis diese Fälle in eine geordnete Fürsorge überführt werden können. Die Erfolge mit dieser Arbeit, welche ebenfalls der Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenfürforge untersteht, sind durchaus günstig. In allgemein organisatorischer Beziehung tritt in letzter Zeit erfreulicherweise in den Gemeinden ein stärkeres Interesse für die besonders eingehende Behandlung der gesamten Jugendwohlfahrtspflege einschließlich der Jugendpflege auf. Wir unterstützen diese, von uns während der letzten Jahre immer wieder angeregten Bemühungen mit besonderem Nachdruck. Die Arbeit in der G e f a n g e n e n f ü r s o r g e wird in dauerndem engen Einvernehmen mit dem Sozialen Ausschuß des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes geführt. Sie hat sich zunächst auf die Feststellung der notwendigen Unterlagen (Verzeichnis der in Frage kommenden Gefängnisse) mit den zuständigen jüdischen und allgemeinen Wohlfahrtsstellen und den Rabbinern, sowie auf die Ausstellung von Richtlinien für die praktische Arbeit verdichtet, die zurzeit in Bearbeitung sind. Schließlich ist die im Jahre 1926/27 erheblich gewachsene Tätigkeit des Archivs (Anstalts-, Vereins-, Zeitungs-, Zeitschriften-Archiv und Bücherei) und der damit verbundenen A u s k u n f t s - und B e r a t u n g s ft e l l e hervorzuheben. Im Jahre 1926 ist ein fast lückenloses Archiv über die Einrichtungen der offenen Fürsorge (Wohlfahrtsvereine, Stiftungen usw.) angelegt worden. Es ist beabsichtigt, noch in diesem Jahr ein Handbuch über die offene Wohlfahrtspflege herauszugeben, mit einem Anhang von Ergänzungen und Abänderungen des bereits früher durch uns veröffentlichten Anstaltskatasters (Blaubuchs). Auf Grund des Archivs, das dauernd auf dem Laufenden gehalten wird, können Auskünfte über sämtliche jüdische Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland erteilt werdendesgleichen dient das Archiv wissenschaftlichen Zwecken. Die Herausgabe der „Zedakah" (in loser Folge) sowie des vierteljährlichen Nachrichtendienstes wird fortgesetzt. Ebenso wie die sachliche Arbeit innerhalb der Zentralwohlfahrtsstelle ist auch die Fühlungnahme mit den Stellen im Lande gewachsen. Es sind jetzt fast überall in Preußen Provinzialwohlfahrtsstellen gebildet, die letzten in Ostpreußen und Oberschlesien, mit denen wir in verstärkter Ve.. ndnng stehen, um ihren baldigen Ausbau und ihre volle Aktivität herbeizuführen. In Pommern ist die Bildung eines Wohlfahrtsverbandes eingeleitet, so daß alsdann überall Provinzialwohlfahrtsstellen bestehen werden. Auch die Förderung der örtlichen Arbeitszusammenschlüsse meist unter Führung der gemeindlichen Jugend- und Wohlfahrtsämter macht gute Fortschritte. Allen diesen gesteigerten Aufgaben für die innere und äußere Ausdehnung und Verbesserung der Arbeit stehen leider außerordentliche Erschwerungen bei der Aufbringung der Mittel gegenüber. Hervorgehoben seien nur die beiden wesentlichsten: Wie aus der Presse bekannt ist, ist im Reichshaushaltsetat die vom Reich für die freie Wohlfahrtspflege ausgesetzte Summe um 2/.s gekürzt worden. Dazu kommt die Herabsetzung der für Kreditmittel vergüteten Zinsen auf 2h/. o/o. Damit ist'eine der wesentlichsten Einnahmequellen der Zentralwohlfahrtsstelle für 1927 zu einem erheblichen Teil in Wegfall gekommen. In desto stärkerem Maße ist die Z.W.St. auf die Beiträge ihrer Mitglieder angewiesen. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gedenkt in herzlicher Trauer des am 15. März 1927 verstorbenen Herrn D r. Paul Nathan, der in allen Nöten und Gefahren, wo immer sie Juden trafen und bedrohten, ein stets bereiter, tatkräftiger, gütiger Ratgeber und Helfer war. Aller Leistungen De. Paul Nathans um die jüdische Wohlfahrtspflege im einzelnen zu gedenken, ist an dieser Stelle nicht möglich und nicht nötig. Sie sind den in der Wohlfahrtsarbeit Stehenden bekannt und find in der gesamten jüdischen Presse aus Anlaß seines Todes dargestellt und gewürdigt worden. Hervorgehoben aber muß werden, daß seine besondere Liebe dem „Hilfsverein der deutschen Juden" gegolten hat, den er mit Dr. James Simon gemeinsam begründet und gemeinsam mit ihm geführt hat. Für den Hilfsverein hat er, besonders aus Anlaß der Pogrome, aber auch zur Förderung des Schulwerks und der sozialen Einrichtungen, überaus zahlreiche Reisen nach dem Osten, vor allem nach Rußland und nach Palästina, unternommen und im jüdischen Interesse dort vieles erreicht. Sein Name und Einfluß war es wesentlich, der auch den Anstoß zu der großen amerikanischen Hilfsaktion des „Joint" nach dem Kriege gabdie ja in den schwersten Notjahren auch zahlreichen deutschen Anstalten und Einrichtungen zugute gekommen ist. In den letzten Monaten hat sich Dr. Nathan besonders stark mit den neuen Kolonisationsplänen für den Süden Rußlands beschäftigt. Hinter diesen Arbeiten trat die soziale Arbeit in der jüdischen Wohlfahrtspflege innerhalb Deutschlands naturgemäß zurück; aber auch hier weiß ihm die „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" Dank dafür, daß er vor ihrer Begründung zu den Männern und Frauen^ gehörte, die den großen Gedanken des einheitlichen Zusammenschlusses der gesamten jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland freudig aufnahmen und tatkräftig für seine Verwirklichung eintraten. Auch im Kreise der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden bleibt der Name von Dr. Paul Nathan lebendig. Zum 70. Geburtstag von Herrn Professor Dr. Moritz S ch a e f e r, Oberstudienrat, am 21. Mai hat die Zentralwohlfahrtsstelle ein Schreiben an ihn gerichtet, in dem sie ihm herzlichst Glück wünschte und dankte für die gute, hilfsbereite Unterstützung, die durch ihn die Z.W.St. — insbesondere bei der langjährigen Zusammenarbeit auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Förderung der Studierenden und Geistesarbeiter — immer gefunden hat. Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung im Juni, die unter Leitung von Herrn Professor Türk stand, hauptsächlich mit bevölkerungspolitischen Fragen, bei deren Erledigung er auch die Sachverständigen Dr. med. Theilhaber und Dr. med. Tugendreich hinzuzog. Der Ausschuß beabsichtigt die Herausgabe eines