Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1926-1927
- Issue
- Heft 4 (August 1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 10 - Ter Redner, Herr Professor Homburgex, Heidelberg, führte aus, daß durch die Verschiebung der sozialen Schichten heute kaum noch von einem Mittelstand gesprochen werden könne, und daß man daher überlegen müsse, ob man die Kinder aus den Kreisen, die bisher zum Mittelstand gerechnet wurden, mit denen der sogenannten unteren Stufe vereinigt, der Psychopathen-Fürsorge übergeben könne. Auf Grund eingehender Beobachtungen, die er an eigenen und vielen anderen Heimen gemacht hat, kam der Referent zu dem Schluß, daß die jugendlichen Psychopathen aus dem sogenannten gebildeten Mittelstand eigens betreut werden müßten. In diesen Kreisen herrscht auchi heute noch vielfach derselbe Geist wie früher, wo sie irgendwelche öffentlichen Mittel nicht Ln Anspruch! zu nehmen brauchten und man müsse? diesen psychologischen Gedankengängen, besonders bei etwas herangewachsenen Kindern, entgegenkommen. Soweit es sich, bei Beantwortung der Frage um solche Kreise handelt, die auch heute noch in gewisser Beziehung als Mittelstand anzusehen sind (mittlere und höhere Beamte und dergl.), so könne man infolge der andersartigen Erziehung der Kinder diese, wenn sie Psychopathen sind, nicht mit den Kindern aus Proletarierkrcisen zusammenbringen, weil man dadurch sehr viel Schaden, besonders bei diesen kranken Kindern, Hervorrufen könne. Die Heime müßten von Heilpädagogen und psychiatrisch, geschulten Aerzten geleitet werden. Weitere Vorträge bei dieser Tagung waren über die Frage der „haltlosen Psychopathen" und der „Erholungs-. fürsorge für psychopathische Jugendliche". Es sind dies alles Probleme, die allen, die in jüdisch-sozialer Arbeit stehen, vielfach begegnen. Archiv stellung von Arbeitsmöglichkeiten und Schaffung von Arbeitsstätten für die Erwerbslosen. Das Israel. Fürsorgeamt Stuttgart berichtet über seine Tätigkeit in der Zeit vom 1. April 25—1. April 26. -Das Fürsorgeamt hat feststehende Unterstützungssätze aufgestM, und zwar: bei vollkommener Mittellosigkeit erhalten Einzelpersonen Mk. 50,— monatlich, Ehepaare Mk. 80,— monatlich, 1 Kind Mk. 25,— monatlich, 2 Kinder Mk. 45,— monatlich, mehr als 2 Kinder pro Kind Mk. 20,— monatlich, Jugendliche Mk. 30,— monatlich, erwachsene Kinder Mk. 40,— monatlich. Diese Sätze decken sich ungefähr mit den Sätzen der Kleinrentnerfürsorge. Um die Beschaffung der notwendigen Mittel zu ermöglichen, versucht das Fürsorgeamt Stuttgart Spender zu gewinnen, die sich zu bestimmten monatlichen Spenden verpflichten. Bereits nach Werbearbeit von wenigen Tagen wurden 5 Geber gewonnen, die monatliche Beiträge von Mk. 10,— auf die Dauer eines Jahres oder monatliche Beiträge von Mk. 40,— auf die Dauer von 3 Monaten leisten werden?) Die Stuttgarter Durchwandererkasse wurde in dem Jahr von 654 Durchreisenden in Anspruch genommen. Seit dem 1. Februar 26 besteht in Stuttgart eine Zentralkasse für Württemberg. Besonders vertieft hat sich die Arbeit in der Gesundheitsfürsorge durch eingehende Beratung, nachgehende Fürsorge, Eiholungsfürsorge, die sich ganz besonders auf die Kleinkinder erstreckte. Die Tätigkeit in der Jugendfürsorge zielt vor allem auf eine verantwortungsvolle Erziehungsarbeit innerhalb der Familiensürsorge hin. Tie Berichte werden fortgesetzt. Cmgegangene vützcr (Besprechung Vorbehalten.) Aus Tätigkeitsberichten jüdischer Wohlfahrtsämter. Das Jüdische Wohlfahrtsamt Breslau veröffentlicht im Breslauer jüdischen Gemeindeblatt feinen Tätigkeitsbericht für das Jahr April 25—März 26, aus dem folgendes hervorgcht: Zirka 25 o/o des Haushaltungsetats der Gemeinden wurden für Wohlfahrtspflege ausgegeben, und zwar nach nachstehender Verteilung: Laufende Monatsbechilsen an 212 Personen . . Mk. 24 037 Speisemarken (Volksküche) 9351 Portionen . . Mk. 3 203 Speisemarken (Mittelstandsküche) 13 718 Port. Mk. 8 507 Brotmarken, 6 901 Brote je 2 Pfd.Mk. l 836 Lebensmittelpakete an 670 Haushaltungen . . Mk. 2 879 Gemeindegeschenke laufend an 63 Personen . . . Mk. 12 627 Einmalige Unterstützungin 1 494 Fällen . . . Mk. 30 972 Jugendfürsorge in 27 Fällen.Mk. 4 049 Verschickung von Kindern in Erholungsheime usw. insgesamt .Mk. 3 850 Beihilfen f. entlass. Strafgefangene in 39 Fällen Mk. 522 Gefangenenspeisung am Pessach .Mk. 1396 Durchwandererfürsorge in 722 Fällen .... Mk. 8097 Mazzoth-Beihilfen an 683 Haushaltungen . . . Mk. 2 205 Heizstoff für 1062 Haushaltungen.Mk. 4 562 Heiratsbeihilfen in 6 Fällen.Mk. 1450 Erholungs- und Badereisenbeihilfen in 31 Fällen Mk. 3 000 Für Bekleidung, Wäsche usw. aus der Peah in 408 Fällen .Mk. 1285 Außerdem wurden in 3710 Fällen Hilfsbedürftige in allerverschiedenster Art beraten und 1370 Ermittlungen und Hausbesuche ausgeführt. Durch den engen Zusammenschluß der Breslauer jüdischen Vereine und Anstalten hat sich eine wesentliche Förderung des Wohlfahrtswesens ergeben. Trotz der außerordentlich erhöhten Leistungen des jüdischen Wohlfahrtsamtes wird immer intensiver auf die Inanspruchnahme der öffentlichen Fürsorge hingezielt. Anfang dieses Jahres ist ein Arbeitsnachweis der jüdischen Organisationen Schlesiens in Breslau, Wallstr. 23, begründet worden. Dieser Arbeitsnachweis macht es sich zur Aufgabe, nicht nur Stellen in allen Berufszweigen zu vermitteln, sondern auch Berufsberatung und Lchrstellenvermittlung auszuüben, desgleichen sucht er Möglichkeiten zur Bereit¬ „T c r I u d e", Sonderheft „Erziehung". Jüdischer Verlag, Berlin. 138 S. Preis Mark 2.80. — Obwohl die Erörterung jüdischer Erziehungsfcagen allen, die in sozial-pädagogischer Arbeit stehen, sehr am Herzen liegt, wird das Fehlen von Berichten und Aufsätzen, aus welchen die gegenwärtige Situation und die sich daraus ergebende Problematik ersichtlich wäre, schmerz^ lich empfunden. Ein Auftakt und Anfang zu einer solchen Erörterung bildete die vor drei Jahren von der Zentxatwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und dem Jüdischen Frauenbund veranstaltete Jüdische Erziehungskonferenz. Nachdem bereits in einem früheren Heft des „Juden" ein bei dieser Konferenz, gehaltener Vortrag über „Reform der Erziehungsmethoden in Anstalten" von Gertrud Benzian, Hamburg veröffentlicht worden ist, bringt das vorliegende Sonderheft „Erziehung" zwei weitere Borträge nämlich von Tr. Leo B a e ck über „Religion und Erziehung" und von Frau Elfriede Bergel->Gronemann über „Religiöse Erziehung". In büden Aufsätzen wird der innige Zusammenhang und die Unlösbarkeit zwischen religiösen und pädagogischen Problemen und das Wesen der Erziehung als schöpferisch-s Verhalten aufaezeigt. Mit der Problematik der jüdischen Erzichung befaßt sich weiterhin ein Aufsatz von Viktor Kellner, auch er geht davon aus, daß die Erziehung cs mit absoluten Werten zu tun hat und er sieht eine tragische Situation für den Erzieher darin, daß die — religiöse oder nationale — Gemeinschaft umbrandet ist von fremden Einflüssen, die zu Kompromissen in der Erzichung zwingen. Mit Fragen der praktischen Pädagogik, die vor allen Dingen im engen Kontakt mit Fragen der jüdischen Jngendwohlfahrt stehen, beschäftigen sich eine Reihe weiterer Aussätze, und zwar wird berichtet von Erziehungsversuchen in Institutionen in Palästina, Litauen und' Polen, Siegfried Lehmann „Von der Straßenhorde zur Gemeinschaft", von Pugatschow „Kinderdorf in Emek Jesreel", Moses Calvary über „Jugendnot in Palästina" usw. usw. In allen diesen Aussätzen wird sachlich und prägnant die von neuzeitlichen Ideen getragene Erziehung der Jugendlichen in den jüdischen Einrichtungen *) Wir bemerken, daß die Sammlung „Jüdische Not" in Berlin seit längerer Zeit mit outem Erfolg mit dem System der festen monatlichen Beiträge arbeitet.