Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1926-1927
- Issue
- Heft 4 (August 1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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— 9 — Fortbildung und Nachschulung in Kranken- und Säuglingspflege muß daher das größte Gewicht gelegt werden. Ter große Wert der Fortbildungslürse für die im Berus stehenden Sozialbeamten wurde immer wieder hervorgehoben. Bei der Sitzung des Hauptausschusses des Teutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge in Hildesheim wurde nachstehende Entschließung gefaßt: Ter Hauptausschuß des Teutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge stellt auf seiner Tagung am 21. und 22. September zu Hildesheim fest, daß bei seinem Streben nach Ersparnismaßnahmen auf dem GÄiete der Wohlsahrtspflege immer wieder die mit allen Mitteln beschleunigte Lim derung der Wohnungsnot sich als unbedingte und wich, ticste Voraussetzung ergibt. Er hält es deshalb für seine Pflicht, auch seinerseits durchgreifende Maßnahmen des Reiches und der Länder zu fordern. lieber die weiteren Hauptergebnisse der Tagung berichtet der Vertreter der Z.W.St., Herr San.-Rat Tr. Feilchenfeld, folgendes: 1. Tie private Fürsorge ist z. Z. noch auf die Hilfe der öffentlichen Steuermittel angewiesen, aber sie ist bestrebt, sich so schnell als möglich wieder selbständig und unabhängig von der behördlichen Beihilfe git machen. Was ihr an Beihilfe in den letzten Jahren wurde, ist nicht als Geschenk anzusehen, sondern als Entgelt für Leistungen, durch die öffentliche Lasten übernommen wurden. 2. Aur Beschaffung von Mitteln soll nicht etwa durch Revidierung des B.G.B. die Unterstützungspflicht der Ge-i schwistcr und Schwiegerk'inder sowie der Stiefkinder gesetzlich fest gelegt werden, aber durch moralische Beeinflussung soll ein möglichst weitgehender Verwandtenkreis zur freiwilligen Unterhaltungsverpflichtung herangezogen werden. 3. Tie Bevölkerung, besonders die neuen Reichen, müssen wieder zur Pflicht der Fürsorge für die Notleidenden erzogen werden. 4. Gespart sollte werden durch möglichst einfache Ans-, führung von neu zu erbauenden Anstalten, die zum Teil auch jetzt noch zu prunkvoll errichtet werden. 5. Zur VerbilligungderKrankenhäuser sollen billiger ernzurichtende Genesungshäus r für Reconvaleszent'n, die nicht mehr intensiv zu behandeln aber doch noch leicht in die eigene Wohnung entlassen werden können, errichtet werden. 6. Grundsätzlich sollen Kranke, auch insbesondere Lungenkranke nicht mehr auf öffentliche oder sonstige charitative Kosten in weit entlegene Kuranstalten entsandt werden, da nach den neueren Anschauungen ungefähr gleiche Erfolge auch in heimatlichen, billigeren Kurhäusern erzielt werden. 7. Soziale Krankenpflege bedeutet gut durchgeführt eine Ersparnis. 8. F a m i l i e n p f l e g e für Kinder ist mehr auszubauen, aber mit Vorsicht, da die sich jetzt meldenden Fau mitten zumeist aus der Pflege ein Geschäft machen wollen. 9. An Stelle der Verschickung der Kinder sollen die Tageskolonien mehr ausgebaut werden. Ter Landaufenthalt für Stadtkinder" muß aufgelöst werden. 10. Der Vorschlag, daß Steuern für die öffentlichen, Spenden für die private Fürsorge verwendet werden sollen, wurde allgemein abgelebnt, da ein Gegensatz zwischen öffentlicher und privater Fürsorge vermieden werden muß und ein inniges Zusammenarbeiten aller Stellen dauernd unbe-> dingt verlangt wurde. 11. Scharf wurde ein Abbau der Ueberzentralisierung auch in den Wohlfahrtsverbänden verlangt, da durch die vielen Verbände ungehuer vrele vermeidbare Mehrkosten ersteben. 12. Es wurde ein scharfer Protest an die Regierung gerichtet, endlich mit den entschiedensten Mitteln für Abhilfe der ungeheuren Wohnungsnot zu sorgen und nicht nach einem Programm, das erst in 5—10 Jahren durchgeführt werden soll, zu arbeiten, da die Wohnungsnot in den allermeisten Notfällen die Hauptursache der Notlage ist und durch die Beseitigung der Wobnnot auch eben an Unterstützungsmitteln gespart werden wird. 13 Eine wichtige Aufgabe der freien Wohlfahrt ist die Heranziehung und bessere Ausbildung von zahlreichen freiwilligen Pflegern zur besseren Durchführung der Einzelpflegsch asten. 14. Geeignete Beamte, bessere Organisation und Arbeitsanordnung in den Wohlfahrtsbüros kann erhebliche Ersparnis bringen. 15. Abgebaut kann die Wohlfahrtspflege nicht werden, am wenigsten die gesundheitliche. Wir möchten zu diesem Bericht au» einer uns vom Teutschen Verein übersandten Entschließung noch folgendes ergänzen: „Tic bei der Tagung anwesenden Vertreter der öffentlichen und privaten Fürsorge sind sich darüber einig, daß die Sicherstellung des notwendigen Lebeasbedarfs der hisis- und schutzbedürftigen Bevölkerungsschichten aller Altersstufen trotz der herrschenden Finanznot aus sozialen und kulturellen Gründen eine unabweisbare Notwendigkeit ist. Andererseits sind sie sich der Verpflichtung b mußt, durch erne sparsame Bewirtschaftung der Fürsorg.'mittel jede überflüssige Ausgabe zu vermeiden und für die gesamte Fürsorgearbeit ein Programm zu entwickeln, das eine umfassende und wirksame Volkswohlfahrtspflege, 'zugleich aber eine Anpassung des gesamten Fürsorgeaufwandes an die Leistungs'kraft der deutschen Volkswirtschaft gewährleistet. Der Vorwurf, daß die Fürsorge nicht genügend sich bestrebe, bei den Hilfsbedürftigen den Sinn für Selbsthilfe wachzuhalten, muß ebenso entschieden abgelehnt werden wie die Kritik, daß sie es an dem nötigen Verständnis für die Schwere der Notlage fehlen lasse." „Für die Fürsorge stellen und ihre Organe ergibt sich die Notwendigkeit, trotz der unverkennbaren Schwierigkeiten, welche eine Bewältigung der herrschenden Masseni Notstände verursacht, mit allen Mitteln die Durchführung individualisierender Fürsorge anzustreben. Tenn allein der Grundsatz der individualisierenden Behandlung des Ei'z'lfalls verbürgt zugleich Sparsamkeit und Wirksamkeit der Fürsorge. Ohne daß es im Einzelfall zu Härten führen darf, muß die öffentliche Fürsorge an der Subsidiarität ihres Eintretens festhalten und weshalb verlangen, daß der Bedürftige durch Anspannung eigener Kräfte oder durch Heranziehung unterhaltspflichtiger Angehöriger seine Notlage zu beheben sucht, ehe er öffentliche Hilfe in Anspruch nimmt. Besondere Aufmerksamkeit ist der Fürsorge für Personen zu widmen, denen durch Arbeitssürsorge, Tarlehnsgewährung oder durch sonstige Mittel aufbauender Fürsorge wieder zu einer selbständigen Existenz verholsen werden kann. Andererseits muß die Fürsorge verlangen, daß die Unterbringung oder Versorgung unmirtschastlicher, asozialer Personen durch beschleunigten Erlaß eines Bewahrungsö gefetzes besonders geregelt wird. Auf allen Gebieten der Fürsorge ist zu prüfen, ob ohne Gefährdung des Zweckes und des Erfolges der Fürsorge kostspielige Maßnahmen durch billigere Formen ersetzt werden können. Bei aller Besorgnis, welche die Vertreter im Hinblick auf den Ernst der Gegenwartslage erfüllt, fühlen sie sich doch von einer unerschütterlichen Zuversicht zu der Möglichkeit der Erhaltung des Gef amt st an des der Fürsorge getragen, wenn nur alle Kreise der öffentlichen wie der freien Wohlfahrtspflege, von der hohen Verantwortung ihrer Aufgabe durchdrungen, sich bestreben, in einmütigem, planmäßigem Zusammenwirken alle Kräfte in den Dienst der Behebung oder Linderung der deutschen Votksnot zu stellen." Bei der Tagung des Deutschen Vereins für jugendliche Psychopathen e. V. in Düsseldorf am 24. und 25. September wurde u. a. über die Fürsorge für psychopathische Kinder und Jugendliche aus dem gebildeten Mittelstand gesprochen.