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Nachrichtendienst · 1928-01-01 · Heft 1 (Januar 1928) · p. Seite 2

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Journal
Nachrichtendienst
Volume
1928
Issue
Heft 1 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Als Punkt 1 der Tagesordnung wurde das Siedlungsnnternehmen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten eingehend besprochen. Die Pläne des Reichsbundes, einen jüdischen landwirtschaftlichen Siedlerstand in Deutschland und damit ein Gegengewicht gegen die einseitige Berussschichtung der Juden zu schaffen, fanden — wie überall — das volle' Verständnis der Mitglieder des Wohlfahrts-Ausschusses. Man verkannte freilich die großen Schwierigkeiten der Sache nicht. So wurde darauf hingewiesen, daß es zwar in Deutschland nur noch eine sehr kleine Zahl jüdischer Bauern gäbe, die meisten in der Landwirtschaft tätigen Juden seien in gleichem Maße auch Viehhändler, weil sie sich von ihrem landwirtschaftlichen Besitz allein nicht ernähren könnten. Die Landflucht in jüdischen Kreisen sei größer als in irgendwelchen anderen Schichten, da das kulturelle und wirtschaftliche Vorwärtskommen den Juden auf dem Lande außerordentlich erschwert sei und viele schon deshalb in die Städte zögen, um ihren Kindern eine bessere Bildung angedeihen zu lassen. Ein jüdisches Gemeinschaftsleben könne sich auf dem Lande wegen der nur vereinzelt wohnenden Glaubensgenossen schwer entwickeln. Zum jüdischen Bauern gehöre auch die jüdische Bäuerin; solange es die nicht gäbe, könne mit der Siedlung nicht begonnen werden. Demgegenüber wurde aber auch betont, daß trotz aller bestehenden Hemmnisse das große Werk doch aussichtsreich genug erscheine. Zwar denke niemand an eine „Berufsumschichtung" in der Weise, daß plötzlich aus einem großstädtischen Handlungsgehilfen ein Landwirt gemacht werden solle. Wohl aber könne das Interesse der Jugend schon früh für diese Dinge geweckt werden. Wenn es gelinge, die Ansiedlung auf genossenschaftlicher Grundlage zu schaffen, so sei der Gefahr der Vereinzelung vorgebeugt. Voraussetzung aber für die Durchführung sei die genügende finanzielle Sicherung. Solange diese nicht feststehe, dürfe nicht begonnen werden. Als Ergebnis der Aussprache wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, den Rat zu ersuchen, in den Haushaltsplan 1928 des Landesverbandes einen erheblichen Betrag für die Propaganda des Siedlungswerks einzusetzen. Es wurde ein besonderer Unterausschuß gebildet, der mit dem Siedlungsausschuß des R. j. F. in ständiger Fühlung bleiben wird. Frau Wronsky berichtete über die Arbeiten des bevölkerungspolitischen Ausschusses (s. S. 3). Sehr eingehend wurde dann die Angelegenheit eines Psychopathenheims in Marburg behandelt. Es wurde für durchaus wünschenswert erachtet, daß ein derartiges Heim baldigst eröffnet werden solle. Falls es in Marburg zur Ausführung des Planes kommen würde, werde sich der Landesverband an den Kosten der Gründung beteiligen. Besprochen wurde ferner die Frage der Bereitstellung eines Fonds zur Unterstützung von Gelehrten jüdischen Glaubens aller Fakultäten. Zuletzt hatte sich der Ausschuß mit einer größeren Anzahl von Gesuchen von Wohlfahrtseinrichtungen zu befassen, die einer eingehenden Prüfung unterzogen wurden. Auf der 9. Verbandstagung des R e i ch s v e r b a n d e s der jüdischen Lehrer vereine im deutschen Reiche vom 26.-28. 12. 1927 in München wurde ein „Sozialer Ausschuß" mit Georg Sawady als 1. Vorsitzenden begründet. Dieser „Soziale Ausschuß" soll den Charakter einer Arbeitsgemeinschaft tragen und sich zusammensetzen aus 7 Mitgliedern, von denen die einzelnen in Groß- und Mittelstädten und in Landbezirken amtieren müssen, lieber seine künftigen Aufgaben läßt sich heute schon folgendes sagen: 1. Er will das Interesse des jüdischen Lehrers in der Jugendwohlfahrtspflege wecken, fördern und ständig wach erhallen und dem jüdischen Lehrer mit Rat und Hilfe in allen Fragen der Jugendwohlfahrtspflege zur Seite stehen, gegebenenfalls die erforderlichen Direktiven erteilen und auch Auffchluß über die Erfahrungen der sich sozial betätigenden Kollegen fördern dürfen. 2. Der „Soziale Ausschuß" sammelt und sichtet das ihm übermittelte Material und macht es der gesamten jüdischen Lehrerschaft von Zeit zu Zeit in geeigneter Form wieder zugänglich. 3. Er will dahin streben, daß die jüdische Schule und mit ihr die jüdische Lehrerschaft Einfluß gewinnt aus den Geist der öffentlichen jüdischen Wohlfahrtspflege durch Pädagogisierung der gesamten Jugendwohlfahrtsarbeit. Darum soll er a) im Namen des Neichsverbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche vor allem mit der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden", zu deren Hauptvorstand der Vorsitzende des Sozialen Ausschusses gehört, aber auch mit anderen Wohlfahrtsorganisationeu Zusammenarbeiten und b) Einfluß zu gewinnen suchen auf die künftige Gestaltung der Lehrerausbildung. Die Zentralwohlfahrtsstelle wird diesem „Sozialen Ausschuß" alle irgend mögliche Unterstützung gewähren, so wird sich z. B. die Geschäftsstelle des sozialen Ausschusses in ihren Räumen befinden. Tie in der Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossencn Spitzenverbände der freien Wohls, hrtspflege beteiligten sich an einer im Rei ch s a r b e it s m in i st e r iu m aufgestellten Dauerausstellung über Arbeitsgebiete, Leistungen und Aufgaben der Wohlfahrtspflege. Die Ausstellung gibt u. a. einen Ueberblick über die .Anstalten und Einrichtungen der Gesundheits-, Erziehungs¬ und Wirtschaftsfürsorge. Die einzelnen Verbände, so auch die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, machen Angaben über ihren eigenen organisatorischen Aufbau, ihre beruflichen und ehrenamtlichen Kräfte und ihre gesamte geschlossene, offene und halboffene Fürsorge. Außerdem werden einige Diapositive von verschiedenen Anstalten gezeigt. Ein eingehender Bericht wird später folgen. II. Allgemeine Wohlfahrtspflege und sozialpolitische Grenzgebiete Ende des Jahres 1927 ist der I ü d i sch e Kreditverein für Handel und Gewerbe e. G. m. b>. H. in Berlin C 2, Neue Promenade 3 begründet worden. Es werden Darlehen an Genossen aus verschiedenen Beruiskreisen gewährt. Jeder Genossenschaftsanteil beträgt Mark 250,--. Weitere Einzelheiten siehe im Aufsatz, von James Goldschmidt in der Januarnummer des Berliner Jüdischen Gemcindebl altes. Ul. Jugend- und Gefährdetenfürsorge Das Israelitische Waisenhaus f ü r K n a b e n, Jean- Benda-Stiftung, in Schwerin a. W. wird nach erfolgter Neueinrichtung Anfang Januar 1928 wieder eröffnet. Wir machen im Anschluß an die Bemerkung in der vorletzten Nummer des Nachrichtendienstes erneut auf die große Zahl der freien Plätze in den Anstalt en, vor allem in den geschlossenen Anstalten der Jugendwohlsahrt aufmerksam. Nach unseren Veröffentlichungen war die Zahl der nicht belegten Plätze in den Jugendwohlfahrtsanstalten im Juli 1927: 14,17 Prozent (222 freie von 1567 vorhandenen Plätzen), Dezember 1927: 18,54 Prozent (224 freie von 1208 vorhandenen Plätzen). Es ist also eine weitere wesentliche Erhöhung der Zahl der leeren Plätze seit Juli vorigen Jahres eingetreten. Aehnliche Wahrnehmungen werden auch auf dem Gebiete der Erholungsfürsorge gemacht, wo allerdings besondere Schwierigkeiten durch die kürzeren Belegungszeiten und den Wechsel der Belegungen bestehen. Angesichts dieser Tatsachen — die übrigens nicht uur in der jüdischen, sondern auch in der interkonfessionellen Wohlfahrtspflege zu beobachten sind — muß von allen beteiligten Stellen der Durchführung tatkräftiger Planwirtschaft unbedingt näher getreten werden, durch zweckmäßige Zusammenlegungen oder ganze und teilweise U m st e l l u n - gen auf verwandte Jugend- und allgemeine Wohlfahrtszwecke geschehen. Die Gesamlfrage wird den nächsten Sitzungen unserer Arbeitsgemeinschaften für Ge-

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