Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1922-1923
- Issue
- Heft 5-7 (Februar 1923)
- Date
- 1923-02-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wurden 30 echolungsbedürftige Kinder aus Berlin in Familienpflege untcrgcbracht und nach mehrwöchentlichem Aufenthalt mit bestem Erfolge heimgeschickt. Bericht der Ortsgruppe Königsberg. Die 7. Hauptversammlung, die außerordentlich stark besucht war, fand am 15. Februar 1923 in der Kantloge statt. — Vor Erstattung des Jahresberichtes widmete die Vorsitzende, Frau Freitag, der im verflossenen Bereinsjahre dahingejchiedenen Vorstandsdame Frau Helene Landsberger warme Worte, in denen sie in Wehmut und Dankbarkeit der Verdienste der Verstorbenen gedachte, die seit Gründung des Bundes, der hiesigen Ortsgruppe, uns eine geschätzte Arbeitskraft war. Frau Freitag ging dann auf die Tätigkeit des hiesigen Frauenbundes im Jahre 1922/1923 über. Trotz vielen Bemühens war es bisher nicht möglich, einen Ersatz für die infolge ihrer Heirat ausgeschiedenen Gemeindeschwester zu besorgen, zumal es zu unerschwinglichen Kosten führen würde, eine Nachfolgerin von außerhalb zu engagieren. — Dadurch, daß die Vorsitzende in den StadtausschuH für „Rentnerhilfe" gewählt ist, gelang es ihr, für 85 Personen, die hauptsächlich dem Mittelstände angehören, regelmäßige Beihilfen zu verschaffen. — Durch die Vertretung in dem Hilfsausschuß der Handelskammer konnte man es ermöglichen, 100 Personen des Mittelstandes mit Geldsummen zu bedenken. Frau Freitag gehört, zu dem engeren Verteilungsausschuß für Amerika- Hilfe; dadurch vermochte sie 45 jüdische Kinder mit je zwei Unterzügen und zwei Paar Strümpfen zu versorgen, ferner für 50 Kinder aus dem Erholungsheim in Neuhäuser ebenfalls Wäsche zu beschaffen, die als Bestand für das Heim verbleibt. — Gleichfalls aus einer Amerikaspende wurde dem J.F.B. 45000 Mark überwiesen, wofür 15 Kinder anläßlich Chanukah mit Kleidungsstücken und Süßigkeiten erfreut wurden. — Sowohl bei der Altershilfe als auch bei der Bahnhofshilfe leistete der Bund interkonfessionelle Arbeit. Bei der letzten Sammeltätigkeit der Bahnhofshilfe -zur Anschaffung neuer Plakate in den Eisenbahnwagen hatte der Bund ein schönes Ergebnis aufzuweisen. Es gelang an dem einen Tage — des Sabbaths wegen schaltete der zweite Tag zum Sammeln bei uns aus — Beiträge in gleicher Höhe zusammen zu bekommen, wie die mrderen Vereine an zwei Tagen. — Die Steilem,achwciskommission ist erweitert worden. — Das Erholungsheim im Ostseebad Kranz für im Beruf stehende Frauen und Mädchen war auch im vergangenen Sommer sehr besucht. Trotz der erschwerten Verhältnisse hat man es ermöglicht, für den niedrigen Pensionspreis pro Mk. 40,— pro Tag, 50 Personen bei angenehmem Aufenthalt gute rituelle Verpflegung zu gewähren. — In dem Säuglingsheim konnte der Bund trotz der enormen Teuerung ersprießliche Arbeit leisten. Es gelang, auch wieder in diesem Jahre für zwei Kinderchen Adoptiveltern zu finden, deren soziale und wirtschaftliche Stellung den Pfleglingen eine sorgenlose Zukunft gewährleistet. Auf Anregung derO,tsgruppr hat sich das hiesige jüdische Waisenhaus bereit erklärt, seine Statuten zu ändern und somit die Altersgrenze von fünf auf zwei Jahren herunterzusetzen. Von der Zentrale für Jugendfürsorge ist der J.F.B. um Mitarbeit gebeten worden. 5 Damen haben sich zu diesem Zweck bereitwillig zur Verfügung gestellt, Schutzaufsicht zu übernehmen. Die Ortsgruppe folgte ferner einer Aufforderung des deutschen Schutzbundes, der in Königsberg für den Monül März eine Tagung plant. — Die Diskussionsnachmittage finden seit Oktober allmonatlich statt; die Mitglieder bringen ihnen reges Interesse entgegen. — Erfreulicherweise führen uns diese Zusammenkünfte sehr zahlreiche Mitglieder zu, so daß die Zahl der neu Eingetretenen sich im letzten Halbjahr wesentlich erhöht hat. — Der erste Diskussionsnachmittag fand am 16. 10. 1922 statt in Form eines Tees. — Die Vorsitzende erörterte zu Beginn ihres Vortrages die Ziele und. Bestrebungen des Bundes und ließ dann ihr Referat folgen, welches die Zuhörer bis zum Schluß fesselte. Es lautete: „Der schlesische Verbandstag und die Kundgebung für die jüdischen Frauen Oberschlesiens in Beuthen." Eine rege Diskussion setzte nach Beendigung des Bortrages ein. — Am 16. 11. 1922 sprach Frau Helene Licht über „Frauenausgaben in der Politik". Der 3. Diskussionsnachmittag fand am 18. Januar 1923 statt. Frau Else Wolfsheim behandelte das Thema: „Die jüdische Frau in der Schule." Der 4. Diskussionsnachmittag schloß sich der Hauptversammlung an. Ter Redner Herr Rabbiner Dr. Lewin riß die Zuhörer mit seinem Thema „Das Kind im jüdischen Schrifttum" mit. Für das verstorbene Vorstandsmitglied wurde Frau Jenny Winter im Mai cooptiert und ihre Wahl in der heutigen Versammlung bestätigt. Frau Freitag erteilte dann der Kassiererin zum Kassenbericht das Wort. Alsdann folgte die Hauptversammlung unserer „Jüdischen Ausstattungskasse", die Tätigkeit der letzteren ist leider durch die trüben Zeitverhältnisse sehr eingeschränkt. 4 Die am 10.April stattgehabte Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Berlin ließ, trotzdem sie relativ gut besucht war, wiäer das Interesse weiter Frauenberufe, muh ganzer Berufsgruppen, wie z. B. der Lehrerinnen und der kaufmännischen Angestellten an jüdisch-sozialer Arbeit vcr- ' missen. — Aus den Tätigkeitsberichten seien nur diejenigen erwähnt, welche teils neu ungefaßt, teils wieder ausgenommen, die Ortsgruppe im begonnenen Arbcitsjahr 1923 besonders beschäftigen werden. — Es sind dieses 1.) der Ausbau der Mittelstandsfürsorge, im Anschluß an die bestehenden 5 jSpcisttausgabestellen, 2.) die Begründung von Haushaltungskursen, 3.) die Wiederaufnahme des Mädchenschutzes im Zusammenhang mit den behördlichen Stellen und nach den Ergebnissen der internationalen Frauenkonferenz in Wien. Die kritischen Betrachtungen des Seminarlehrers Falkenberg über den Gottesdienst in den Orgelsynagogen wurden mit größter Aufmerksamkeit ausgenommen, doch kam eine der Bedeutung des Gegenstandes entsprechende Diskussion bei der vorgerückten Zeit nicht mehr zustande. Frl. Bertha Pappenheim folgte einer Aufforderung des „Joodesche Brouwenraad" und hielt in Amsterdam mehrere Vorträge über „Jüdische Frauenarbeit" und „Weibliche Fürsorge". Die holländischnr Frauen brachten vor Allem den Besprechungen über die praktische Arbeit reges Interesse entgegen, besonders lebendig zeigten sich die Zionistinnen. — Frl. Pappenheim besichtigte verschiedene Heime und Waisenhäuser in und um Amsterdam, deren Arbeit mit der des „Brouwenraad" noch organisch zu verbinden sein wird, nni die gegenseitige Entwicklung wertvoll zu fördern. Die Durchreise von Mr. Cohen, Generalsekretär der Jewish Association for the protection of Girls nnb Women durch Berlin auf seinem Wege nach Wien gab den äußeren Anlaß, die im März abgesetzte Besprechung aller am Mädchenschutz beteiligten Kreise schleunigst am 26. 4. nach Berlin zusammenzuberufen. 3 Resolutionen wurden angenommen. 1.) Die Bildung jüdischer Schutzkommifsionen u?rd Sammlung aller schon bestehenden Vorarbeiten in einer Zentrale. 2.) Was an jüdischer Schutzarbeit an den Grenzen geschieht, soll auch in den großen Städten innerhalb Deutschlands geschaffen werden, wobei hauptsächlich auch auf Arbeitsbeschaffung Wert zu legen sei. 3.) Eine gesetzliche Regelung der Verwaltungspca^is bei der Behandlung jüdischer Ausländer im Jnlaude soll angestrebt werden. Als Sitz der Zentrale wird Berlin be stimmt. Ihr gehören an: Der Hilfsverein der Deutsche?, Juden, der Jüdische Frauenbund, die Großloge für Deutschland, Arbciterfürsorgeamt, Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden. Im April hatte das Heim in Neu-Isenburg einen schwere?, Verlust, die 12 Jahre larrge treue Mitarbeiterin u?,d Leiterin des Heimes, Frl. Katz, ist nach kurzem Leiden verstorben. — Ihr Fehlen wird in ihrem Mitarbeiterkreise schmerzlich empft,nden, chre mütterliche Fürsorge den früheren und jetzigen Pfleglingen unvergessen sein. 11