Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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jetzt erfolgen, treffen in der Regel Personen, bei denen sie immerhin in einen: gewissen Maße begründet sind. Die frühere Praxis, Ausweisungen ganz sinnlos an zahllose Personen zu erlassen, scheint nunmehr eingestellt zu werden. Eine besonders komplizierte und überdies schwer zu lösende Angelegenheit ist die Lage der noch im Ruhrgebiet verbliebenen, ungefähr 800 jüdischen Arbeiter. Es handelt sich hier um den Rest des wertvollsten Teiles der ostjüdischen Arbeiter in Deutschland überhaupt, und zwar um jene Ostjuden, die seit Jahr und Tag in Deutschland leben und auf den Werken der Schwerindustrie im Nuhrgebiet beschäftigt waren. Bei Ausbruch des Ruhrkampfes befanden sich dort mach einige tausend ostjüdische Arbeiter, die, den Weisungen der Gewerkschaften folgend, gleich ihren deutschen Arbeitskollegen die Arbeit verließen, um den passiven Widerstand zu unterstützen. Ihre Situation war wesentlich schwieriger als die. ihrer deutschen Arbeitskollegen, da sie im Gegensatz zu ihnen erst nacl) nionatelangem Warten die Hälfte der üblichen Ruhrnntcrstützung erhielten. Schon während des Ruhrkrieges verließ der größte Teil dieser Menschen Deutschland. Zurückgeblieben sind jene Arbeiter, die seit sehr vielen Jahren bereits aus ihren Arbeitsstellen tätig waren, verheiratet sind uiib hier zusammen mit ihren Familien leben. Diesen Menschen war es naturgemäß viel schwerer auszuwandern, hinzu tarnen noch Schwierigkeiten bei der Erlangung von Pässen und Sichtvermerken. Sowohl das Arbeiterfürsorgeamt als auch insbesondere die jüdischen Gemeinden des Ruhrgebietes rvaren bestrebt, diesen Arbeitern, die nach. Beendigung des Ruhrkrieges von der staatlichen Erwerbslosenfürsorge nicht rnehr unterstützt wurden, zu helfen. In einer ganzer: Reihe jüdischer Gemeinden sind Nothilfen geschaffen worden. Aus dem Ertrag besonderer Besteuerung der einzelner: Gerneindernitglieder konnten den Mitgliedern wöchentliche Unterstützungen gegeben werden. Parallel mit dieser Unterstützungsaktion liefen die Bemühungen des Arbeiterfürsorgeamtes, diesen Arbeitern die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen. Es handelte sich vorriehinlich darum, ihnen bei der Auswanderuru; nach Frankreich zu Helsen, da an eure überseeische Auswanderung bei den gegenwärtigen Verhältnissen nicht zu denken war. Das Arbeitersürsorgcamt entsandte zu diesem Zweck einen Vertreter nach Frankreich, um vornehmlich in Paris mit den dortigen jüdischen Organisationen die Hilfsmaßnahmen und die Ueberleitung der Arbeiter aus dem Ruhrgebiet zu besprechen. Diese Reise hatte auch wesentliche' Erfolge, allerdings mußten infolge des plötzlichen Wechselns der Regierung in Frankreich neue Verhandlungen angeknüpft werden. Es besteht noch immer die Hoffnung, dem größten Teil der noch im Ruhrgebiet Verbliebenen die Ausreise zu ermöglichen. Dies ist um so dringender, als infolge der gerade im Ruhrgebict überaus kritischen wirtschaftlichen Verhältnisse die jüdischen Gemeinden nicht niehr in der Lage sind, das Hilfswerk in der bisher geübten Weise weiterzuführen. Allerdings besteht aber auck Hoffnung, daß die Arbeitslage nach der erfolgreichen Beendigung der Londoner Konferenz sich auch im Ruhrgebiet besser:: wird, wodurch eine Arbeitsaufnahme auch dieser Leute sich voraussichtlich wird ermöglichen lassen. An: 28. und 29. Juni fand eine Besprechung der mit dem Arbeitersürsorgeamt zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigten Deutschen Zent rill stelle für jüdische Wanderfürsorge statt. Bei derselben wurde die Lage der jüdischen Wanderarm^n eingehend besprochen, insbesoiwere die Tatsache festgestellt, daß Deutschland zurzeit keine eigentliche Einwanderung hat, daß aber gerade infolge der allgemeinen zerrütteten Wirtschastsverhälltnisse die Durchwanderung und Binnenwanderung zugenommen haben. Es wurde ein Komitee gewählt, das genaue Vorschläge über die Reorganisierung und Systematisierung des gesamten Wanderungswesens aus-, arbeiten soll. Die Arbeiten dieses Komitees sollen von einer im Herbst neu stattsindenden Generalversammlung genehmigt werden. R. Vcutlch^5rseUMcher Scmcinücbunü. Berlin w., LtegUtzer 5traße 9. A. Damrheim für Schwachsinnige, Berlin-Wethensre, Wörthstrabe 20. Die seit langem als notwendig empfundene, und der Oesfentlichkeit zuletzt auch in diesen Blättern bekannt gegebene Ergänzung des Beelitzer Hilsswerks an Schwachsinnigen durch ein Dauerheim für solche Erwachsene, ist durch die Eröffnung des Weißenseer Heims zur Wirklichkeit geworden. Unter den denkbar schwierigsten Bedingungen — die Errichtung des Heims fällt in die Zeit von Juni bis Septen:ber 1923, also während des schwersten Währungsverfalls und der Streiks — ist es dem Verein lediglich durch die Heranziehung der interessierten Angehörigen und die Gewinnung einiger Gönner, ohne die versagt gebliebene Hilfe der Spitzenorganisationen, gelungen, die 4 Schlafsäle der ehemaligen jüdischen. Arbeiterkolonie in 18 Cinzelräume auszulösen. Diese, gleichviel ob sie für je 1, 2, 3 oder 4 Insassen bestimmt sind, machen den für einen dauernden Aufenthalt unentbehrlichen Eindruck größter Behaglichkeit. Tatsächlich merkt man den bisherigen 20 Insassen, darunter 4 weiblichen, den guten Ernährungszustand und die herzliche Befriedigung darüber, mit gleichartigen Schicksalsgenossen dem Gespött der Welt entzogen zu sein, an. Sehr nützlich machen sich die weiblichen Insassen in Küche und Haus, während eine passende Beschäftigung der männlichen Pfleglinge jetzt im Winter, wo das Anstaltsgelände kein Betätigungsfeld bietet, der Jnstitutsleitung eine noch nicht restlos gelöste Aufgabe stellt. In Ansicht genommen ist die Anstellung eines Handwerkers, wahrscheinlich eines wenn möglich jüdischen Buchbinders. Das Haus bietet für; je 30 inännliche und weibliche Insassen, die in 2 Etagen, mit getrennten Aufgängen untergebracht sind, Raum. Die Wirtschaftsräume, wie Küche, Wasch- und Baderäume, ebenso wie die schöne Anstaltssynagoge konnten einfach übernommen werden. Desgleichen ist die Leitung der Anstalt in den Händen des Inspektor Behrendt und seiner Frau verblieben. Verantwortlicher Träger des Unternehmens ist der Verein Beelitz, dessen Vorsitzender, Herr San.-Rat Dr. Nawratzky in Nicolassee, auch der ehrenamlliche fachärztliche Leiter ist. Die formelle Geschäftsführung liegt beim Büro des Deutsche-Israelitischen Gemeindebundes, an das man sich wegen Auskunsterteilung und Ueberlassung von Fragebogen, die als Unterlage für die Aufnahmefähigkeit zu dienen haben, wenden möge. Für die Ausnahme kommen nur solche Schwachsinnigen in Frage, die das bildungsfähige Aller überschritten haben, ohne daß es gelungen wäre, sie geistig oder manuell so weit zu fördern, daß an fteie Beschäftigung zu denken wäre. W handelt sich also um 20—50jährige Schwachsinnige, die im übrigen körperlich und geistig gesund sein müssen, also keinem — n —