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Nachrichtendienst · 1922-10-01 · Heft 1 (Oktober 1922) · p. Seite 5

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Journal
Nachrichtendienst
Volume
1922-1923
Issue
Heft 1 (Oktober 1922)
Date
1922-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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schreien im Interesse des deutschen Judentums und seiner Ehre. _ .. Es handelt sich nicht nur um die Betroffenen selbst, es ist unvereinbar mit der jüdischen Ehre, wenn in heutigen Teuerungszeiten es Beamtenfamilien gibt, die bei geringer Möglichkeit zu Nebeneinkünften, die sich überdies vielfach nicht mit der Würde des heiligen Amtes vertragen, Jahresgehälter beziehen, die hinter der Erwerbslosen-Unterstützung Zurückbleiben, wenn das. Durchschnittsgehalt seminarischer Lehrer in einer preußischen Provinz *10 600 Mark, dasjenige der Kantoren und Schächter 7000 Mark beträgt, während die Höchstsätze 25 000 Mark betragen. Diese Dnrchschnittszisfern ergeben sich, wenn die Bezüge der nach der Normalbesoldungsordnung mit Gehältern von 60 000 Mark und darüber besoldeten Beamten der Groß- und Mittelgemeinden miteingerechnet werden. Die ganze traurige Sachlage kann nicht deutlicher illustriert werden, als durch die Tatsache, daß auf eine im Anschluß an eine Beratung des Gemeindebundcs mit Vertretern des Rabbiner-, des Lehrer- und Kamorenverbandes ergangene Aufforderung zur Bewerbung um Mittel aus unserer Notslandsaktion sich 4 akademisch gebildete Rabbiner z. T. im vorgerückten Alter gefunden haben, die Gehälter von 7200, 8000, 12 000 und 14 000 Mark beziehen, daß unter den 140 Bewerbern aus allen 3 Beamtenkategoricn 14 ermittelt wurden, die ein Gehalt bis 5000 Mark, 17, die ein solches bis zu 10000, 80 eines bis zu 15 000, 20 bis zu 20 000 Mark, 8 die bis zu 25 000 Mark erhalten, also etwa 100, die mit Hungerlöhnen auskommen müssen, während der Rest der Petenten kaum viel besser als auf 25 000 Mark gestellt ist. Fürchterlich ist teilweise die Lage der Altpensionäre und ihrer Witwen: es sind uns 14 emeritierte Beamte und Witwen bekannt geworden, die Jahrcspensionen von 600 bis 1400 Mark haben. Natürlich ist die Zahl der Unglücklichen viel größer, als die uns bekannt gewordenen Fülle. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat in seinen letzten Etat die Summe von 1 Million eingestellt für die Unterbringung notleidender Kleingemeinden und ihrer Beamten. Durch Umlegung von 1 “o ihres Einkommens im Jahre 1921 auf die Bundesgemeinden ist aber nur ein Betrag von 400 000 Mark eingekommen. Wir müssen jedoch mindestens eine volle Million zur Befriedigung der selbstverständlich mit aller Gründlichkeit durch ortskundige Sachverständige nachgeprüften Gesuche zur Verfügung haben. Danerheim für Schwachsinnige. Die mangelnde Gelegenheit zu dauernder Unterbringung erwachsener Schwachsinniger ist wegen des verhältnismäßig großen Kreises der in Frage kommenden Unglücklichen, die für ihre Angehörigen die denkbar schwerste Sorgenlast und für viele auch ein starkes wirtschaftliches Hindernis darstellen, eine klaffende Lücke in der jüdischen Wohlfahrtspflege Schon bei Begründung der Beelitzer Anstalt ist die Notwendigkeit einer Ergänzung der Erziehungsanstalt für jugendliche Schwachsiiinige dilrch ein Dauerheim für ältere, zur Behauptung im Leben trotz eines gewissen Grades von Arbeitsfähigkeit ungeeigneter Imbezillen in ernste Erwägung gezogeii worden. Waren doch gerade die ständigen Anfragen betagter Eltern, die ihre erwachsenen Sorgeiikinder um jeden Preis versorgt sehen wollten, der Anlaß für den D.J.G.B., sich diesem bis dahin von der jüdischen Earitas ilicht beachteten Gebiete zuzuwenden. Zur Selbstbe^chränknilg gciiötigt, war es verständlich, daß man sich zunächst den Jugendlichen, bei denen die Aussicht vorhanden ist, erzieherische Ersolge zu erzielen-, zuwandte. Inzwischen wuchs die Zahl der Aufnahmegesuche für Erwachsene beim Verein Beelitz beständig an. Dazu kommen bei längerem Bestehen der Anstalt nicht weniger Fälle von älteren Zöglingen, die bei Erreichung des entlassungsfähigen Alters nicht denjenigen Grad von Kenntnissen oder Fertigkeiten zu erreichen vermocht hatten, der sie befähigte, mit irgend welcher Aussicht auf Erfolg in eine Lehre gebracht zu werden und die mit nur zu begründeter Besorgnis ihren Angehörigen zurückgegcben werden müßten, daß die mit so vieler Mühe errungenen bescheidenen Erfolge der Anstaltserziehung wieder verloren gehen lvücdcn. Wäre nicht der Verhinderer so vieler segensreicher Pläne, der Weltkrieg mit seinen traurigen wirtschaftlichen Folgen für unser Vaterland dazwischen gekommen, so wäre längst ein Danerheim der Beelitzer Anstalt angegliedert. Bei den unerschwinglichen Baukosten wäre ein solches Unternehmen jetzt vermessen, ist doch selbst die so populäre Beelitzer Anstalt in so schwerer finanzieller Bedrängnis, daß die Weiterführung ohne neue Hilfsquellen in Frage gestellt ist. Wenn dennoch der alte Plan wieder auflebt, so hängt das damit zusammen, daß durch das Freiwerden der Jüdischen Arbeiterkvlonie in Weißens" die Möglichkeit der Verwirklichung gegeben ist. Jnsviae der die Beschäftigung von Ausländern hinderlichen Vorschriften des Demobilmachnngsamtes und die sonstigen sozialen Veränderungen kann diese ihrer Bestimmung nickst mehr Nachkommen. Es handelt sich nach dem Urteil von Sachverständigen um ein ausgezeichnet geeignetes Gebäude, das nur geringer Umbauten bedarf und besonders nn<‘> durch seine verschiedenen Aufgänge für die unerläßliche Trennung der Geschlechter eingerichtet ist. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der ein der jüdischen Wohlfahrtspflege dienendes Gebäude nicht profanen Erwerbszwecken überlassen will, stellt sie dem geplanten^ Werke kostenlos zur Verfügung. Etwas erleichtert wird die finanzielle Sorge durch den Umstand, daß die Angehörigen der Schwachsinnigen für die dauernde Versorgung zu großen Opfern bereit sind, besonders auch das Erbteil der Insassen gern zur Verfügung stellen, auch kür die Ausstattung Sorge tragen würden. Neben den Verpflegungskosten ist auch mit einem, wenn auch nur mäßigen Arbeitsertrag zu rechnen. Ausführbar erscheint also das Werk trotz der Ungunst der Zeit, nur muß es eine seiner Bedeutung und Dringlichkeit entsprechende materielle Förderung aller an der Wohlfahrtspflege beteiligter Kreise finden, Ein längerer Aufschub ist nicht möglich, denn der D.J.G.B. könnie es nicht verantworten, das ( Koloniegebäude auf längen' Zeit leer stehen zu lassen. Eile ist aber auch geboten n"'t Rücksicht auf die zahlreichen Meldungen. Schon nach dem ersten Bekanntwerden sind Ausnahmegesuche aus tleir>e.l Gemeinden für Schwachsinnige beider Geschlechter in solcher Menge eingegangen, daß die Hälfte der 70 Pläl-e mit anscheinend geeigneten Insassen belegt werden könnte. Sobald erst die Kunde in die Großgemeinden gedrungen sein wird, ist anzunehmen, daß mit einem Schlage die Vollbesetzuug gleich bei der Eröffnung erreicht werd,.i würde. Das Einzige, was noch fehlt, sind ein Paar kleine Millionen. UrveUerMrlorgcamt ckcr MWcn organiMioncn Deutf$lanü$. Hauptstelle: Berlin N. 24, Auguststraße 17. Hauptamtlich geleitete Nebenstellen: Beuchen O.-S., Bochum, Breslau, Friedrich Wilhelmring 8. Wittelsbachcrstr. 5. Freibnrgerstr. 10. Dresden, Duisburg, Frankfurt a. M., Zeughausstr. 2. Quergasse 4. Langestr. 30. Köln a. Rh., Königsberg, Mannheim, Mozartstr. 56. Köttelstr. 11. F 7, 16. I. Der deutsche Reichstag hat inzwischen das neue Reichsarbeitsnachweisgesetz angenommen. Das Entscheidende sind nunmehr die Aussührungsbestimmungen, insbesondere für die Beschäftigung ausländischer Arbeiter. Diese Bestimmungen erläßt das Reichsamt für Arbeitsveriniltln , bezw. das Reichsarbeits-Ministerinm im Einvernehmen in-, den obersten Landesregierungen, also in Preußen mit dem Ministerium des Innern. Das Arbeitersürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands hat unverzüglich Schrille eingeleitet, um die besonderen Interessen der in Deut schlaue, lebenden jüdischen Ausländer, die nicht abivandern können, zu wahren. Das Arbeitersürsorgeamt hat an die Spitze sei' - Ansführungen den Grundsatz gestellt, daß Ausländer, die b Z. nicht nbwnndern können nnd daher in, Jnlande vee bleiben müssen, bezw. schon seit Jahren in Deutschland au sässig sind, das Recht ans Arbeit haben müssen. Ein Ans länder, der in Deutschland prodnkriv als Arbeiter wirkt, isi in keiner Beziehung lästig oder schädlich. Es ist zu hoche, daß diese Tendenzen sich durchsetzen werden. 5

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