Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 10 (1867)
- Issue
- 3 (1.2.1867)
- Date
- 1867-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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vieuiederträchtißsten. Verleumdungen in die Welt zu setzen, kann man nur sagen, daß es das Kreuz schändet, das es führt. (Redner will schließen; von der rechten Seite wird ihm wiederholt das Wort ״Mortara" zngerufen. Er macht eine abwehrende Geste). Nach einer kurzen Bemerkung des Abgeordneten Kosch erhält wiederum das Wort: Abgeordneter Dr. Michelis (Allenstein): Weil ich von jener Seite wiederholt an den Mortara-Fall gemahnt werde, so erkläre ich, daß ich nicht weiß, wie das hieher gehört. Wenn im Kirchenstate irgend ein nngeeigneter Fall vorkommt, so hat das mit meiner katholischen Religion nicht daö Geringste zu thnn. (Bravo). Nach einigen kurzen Worten des Restrenten Abgeordneten Lent wird der Antrag des Abgeordneten Rohden abgelehnt und darauf auf Antrag des Abgeordneten Bassenge zur namentlichen Abstimmung über den Kommissionsautrag geschritten. Das Resultat wird vom Präsidenten verkündet. Der Antrag der Kommission ist mit 171 gegen 80 Stimmen angenommen. Nachträglich sind jetzt viele ehemalige einjährige Freiwillige jüdischer Religion, welche in ihrem Reserveverhältniß am Kriege von 1866 einen hervorragenden Antheil genommen haben, zu Sekonde-Lieutenants bei der Landwehr eruannt worden. Durch die jüngst einverleibten Statsgebiete hat der preußische Etat einen Zuwachs an jüldischer Bevölkerung von 52,869 Seelen erhalten, so daß daö gesammte Preußen jetzt 314,797 Juden zählt. ' (Schluß folgt.) Jlus öer europäifdjen Türkei. 1. .1. 8. Adrianopel, im Dezember. Ich habe an Ihre Fragepunkte nicht vergessen. Wenn ich die Beantwortung derselben bisher verschob, so geschah es nur, weil ich hoffte, spätere Mittheilungen werden auch gründlichere Mittheilungen sein. Da ich mich aber anschicke die hiesige Stadt in nächster Zukunft zu verlassen, kann ich nicht mehr zögern, Ihnen nachstehende Notizen, das Resultat meiner Beobachtungen und Erkundigungen, zur Disposition zu stellen. Die hiesigen Juden, deren Seelenzahl sich auf ungef ähr 6000 Seelen beläuft, ernähren sich theils von Handwerken, theils von Handel. Sie finden hier jüdische Goldarbeiter, Spängler, Uhrmacher, Schneider, Tischler, Kürschner, Tapezierer. Es finden sich auch drei jüdische Bau- Meister hier, natürlich Baumeister nach orientalischen Begriffen. Selbst jüdische Maurer und Taglöhner bemerkte ich hin und wieder. Die Zahl der jüdischen Lastträger ist eine sehchbeträchtliche. “ Das Gebiet des Handels. hatten früher die intelligenten und regsamen Armenier allein inne; nur im Klein- Handel und zum Theil auch in Geldgeschäften machten ihnen die Juden Konkurrenz. In dem letzten Jahrzehent hat sichdieses Verhältniß zu Gunsten der Judeu geändert. Die Gesetze sind menschlicher geworden, und sie werden auch strenger gehandhabt, seitdem der Einfluß der Janitscharen auf Null reduzirt ist. Seitdem aus der im Jahre 1856 gegründeten und bis auf den heutigen Tag bestehenden Schule Zöglinge ins praktische Leben getreten sind, hat daö frühere Monopol der Armenier neuerdings einen bedeutenden Abbruch erlitten. An der von der Regierung ernannten städt. Reprä< sentanz (MedschliS) nehmen auch die Juden'Theil, und sie spielen zuweilen eine hervorragende Rolle. Die klügeren Türken sehen recht gut ein, daß die Juden in Bezug auf die politischen Verhältnisse keine Hintergedanken haben, was bei ihren christlichen Mitbürgern immer weniger der Fall ist, wiewol die Berichte vieler Journale über die Unzufriedenheit der christlichen Bevölkerung vielfache Uebertreibnngen enthalten, und es offenkundig der Agitation von außen bedarf, um diese Unzufriedenheit zu wecken, oder gar bis zum Fanatismus zu steigern. Die hiesige, durchaus sefardische Gemeinde ist für Bildung und Fortschritt empfänglicher, als viele ihrer Schwestergemeinden, wie schon die bereits erwähnte Schule beweist, welche aus Gemeindemitteln erhalten Wird, und in welcher außer Bibel und Talmud auch türkische und französische Sprache zu den Unterrichtsgegenständeu gehören. In dieser Schule werden 900 Kinder von vierzehn Lehrern unterrichtet. Die Mädchen, die eine Zeitlang ebenfalls die Schule besuchten, sind jetzt von derselben ausgeschloffen. Trotz des unleugbaren Fortschrittes kommt es jedoch häufig vor, daß man Kranke und Leidende ״ansprechen" (eonjurar) läßt, um sie von. ihren Uebeln zu befreien, und gibt es sowol Männer als Frauen, die sich mit diesen Incautationen (לחשים) beschäftigen. Die sechs hierorts praktizirenden jüdischen Aerzte haben keine Studien gemacht: was sie wissen, ist ihnen überliefert worden! Dasselbe galt frühem von allen orientalischen Aerzten. Seit neuester Zeit müssen die türkischen Aerzte Studien machen, und die jüdischen^ Aerzre sind vor ungefähr vier Jahren von Statswegen einer , Prüfung unterzogen worden. Ihre eigenen Apotheker dürfen sie jetzt nicht mehr sein. Sie haben sich die Kunst des Verschreibeys ihrer Mittel angeeignet. Die Apotheker sind zu- ' meist Ausländer. In anderen Gemeinden sind außer den Jnkantationen auch Amulete (קמיעות) an der Tagesordnung. Die Urheber dieser Amulete werden aber nicht als Heilige verehrt. Nichtsweniger als dies! Man nimmt zuweilen selbst zu einem türkischen Amulette seine Zuflucht. Die Kur vermittelst Amuleten wird, ganz im Sinne des Talmuds, als Kunst betrachtet, und nicht als Werk besonderer Heiligkeit, wofür sie׳ unsere Chaßidäer in Polen und im nördlichen Ungarn noch immer mit Erfolg ausposaunen. Synagogen gibt es hier dreizehn. Die größte ist die sogenannte portugiesische, die schönste die ״Synagoge major." Da das Rabbinat im Oriente nach talmudtschen Grundsätzen erblich ist, so sind hier zwei Rabbinen, weil׳ beide Erbansprüche ans das Rabbinat hatten. Der eine Chacham, R. Jakir, ver gut türkisch spricht, ist von der Regierung als provisorischer Oberrabbiner nach Konstantinopel berufen werden; während seiner Abwesenheit vertritt ihn se:u Sohn, R. Abraham, in der hiesigen Gemeinde. Die Bigamie kommt hier sowol, als auch in anderen ' Gemeinden, sporadisch vor. Die Ehelichung des zweiten Wei- J beS geschieht fast.durchgehende nur nach zehnjähriger ktnder- | loser Ehe mit dem ersten Weibe. welches zur zweiten Ehe ihres Mannes ihre Einwilligung gibt. Die erste Frau bleibt