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Ben Chananja · 1867-01-01 · 1 (1.1.1867) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
10 (1867)
Issue
1 (1.1.1867)
Date
1867-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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M üuiii neuen Jahre. '־•־•־•‘י■ M. Pest, Ende Dezember 1666. Wir stehe« am Schluffe eines neuen Jahres , dessen Andenken in die kommenden Zeiten hineinragen, Und von dem die Weltgeschichte, wie von 1789 und 18-18, eine Epoche datiren wird. Am Rösch Ha-Schana schließen wir die Rechnung mit unferm Innern ab; dadurch wird dieser Tag zum Wendepunkte unseres religiösen Lebens; der Schluß des bürgerlichen Jahres stellt andere Anforderungen an nnsere Aufmerksamkeit. Da sollen wir, den Blick nach rückwärts richtend, die im Laufe der jüngsten Vergangenheit hervorgetretenen, politischen nnd sozialen Momente bedächtig prüfen, und zu bestimmen trachten, in welcher Richtung wir fortgeschritten sind, und waS "noch zu thnn, zu schaffen und anznstreben wäre. Leider lehrt uns eine solche Betrachtung, daß bei uns noch Vieles zu wünschen übrig bleibt, und eine lange Reihe von Hoffnungen Noch immer der Erfüllung entgegensieht. Wir wünschen nimmermehr an jener Stufe ängelangt zu sein, wo wir im Gefühle der Befriedigung aller Anforderungen die Hände ruhig in den Schoß legen könnten und nichts Neues mehr zu schaffen, nichts Vorhandenes zu verbessern hatten. Wo wären menschliche Bestrebungen jemals zu einem solchen Abschlüsse gelangt? Wir sind von dem emimrras 66 riche88e8 des vorhandenen Guten noch sehr weit entfernt. Ja, wir müssen mit Bedauern gestehen, daß bei uns selbst jene Grundpfeiler noch nicht errichtet sind, auf denen allein das Gebäude Unserer künftigen Wohlfahrt nnd Ehre mit Sicherheit ruhen-könnte. Ein solcher Grundpfeiler ist die bürgerliche Gleichstellung. In dieser Rücksicht hat uns das abgelaufene Jahr sehr befriedigende Erklärungen des Repräsentantenhauses gebracht, und haben beide legislatorische Versammlungen die Befriedigung aller Religionsbekenntnisse mit in ihre Adressen aufgenomen. Aber Erklärungen sind noch keine Gesetze, und Adressen begründen noch kein Recht. Wenn der gegenwärtige ungarische Reichstag anseinandergehcn sollte, ohne SlrOeiten in Angriff nehmen zu können, wird natürlich auch die Emanzipation der Juden nicht als Gesetz ausgesprochen worden sein. Ausländische Journalisten werden vielleicht wieder über den ungarischen Liberalismus den Stab brechen. Wir wissen nun allerdings die wahre Ursache/ warum bei uns in diesem Augenblicke über- Haupt kein legislativer Akt zu Stande kommen kann. Diese Erkenutniß ändert aber nichts an unserer peinlichen Lage! Werfen wir einen Blick auf die jüdischen Gemeinden 'selbst, so finden wir auch Hier nichtsweniger als rosenfarbne "Zustände. In erster Linie vermissen wir jene Zusammengehörigkeit der jüdischen Gemeinden in Ungarn, mit deren Hilfe dieselben den das Judenthum im Allgemeinen und die Indenheit unseres Landes insbesondere betreffendenden Fragen als ein kompaktes, in sich einiges Ganzes entgegentreten könnten. Die Ermahnung jenes sterbenden Vaters, der seinen Kindern die Kraft des Ruthen bin dels und die Gebrechlichkeit der einzelnen Stäbchen zeigte, wird nicht von Vielen beherziget! So müssen wirs in Folge unserer Zusammenhanglostgkeit dulden, daß die Ueberwachung.unserer Schulen und die Verwaltung unseres Religionsfondeö durch Organe besorgt werden, denen unsere Interessen und Bestrebungen ziemlich ferne liegen, und die fortwährend 66 nobls 8in6 nobis verhandeln. Warum besitzen wir noch kein Rabbinerseminar, warum keine Lehrerpräparandien in entsprechender Anzahl? Das innere Leben der einzelnen Gemeinden bietet ebenfalls wenig Erfreuliches. Wie viele Gemeinden können 8 sich rühmen, ein Statut zu besitzen? In wie vielen Gemeinden geschehen regelrechte Wahlen, und ruht die Gewalt in vertrauenswürdigen Händen, und nicht in denen anmatzender, oft auch unwissender Vorsteher? Wird das Gemeindevermögen in allen Gemeinden gewissenhaft verwaltet und das Rechnungswesett in allen Gemeinden mit gebührender Pünktlichkeit geführt? Zu betrübenden Streitigkeiten zwischen Gemeinden und ihren Rabbinen und Lehrern ist es auch im vergangenen Jahre gekommen. Selbst ärgerlichen Auftritten mußten wir begegnen. Das Verhältniß der Rabbiner und Lehrer zur Gemeinde ist nicht geregelt , Und dieselben sind nicht selten der Willkür ganz inkompetenter Benrtheiler preisgegeben.- Den Stand unseres Schulwesens können wir auch nicht für befriedigend erklären. Der Religionsunterricht namentlich ist noch sehr im Argen! Und unser Kultuswesen — genügt es denn wirklich der Intelligenz, den Bedürfnissen der gebildeteren Klassen? Finden wir das Armenwesen auf eine gedeihliche Weise geordnet, ist die Schaar wandernder Bettler geschwunden? Diese ungelösten Fragen übernimmt das neue Jahr. Möge dasselbe befriedigendere Antworten darauf geben, als es sein entschlafener Vorgänger gethan! Griefe aus der Ucsiüeiy. XY. Wien, 16. Dezember. Die Hobe Politik drängte in den letzten Wochen wieder alles Andere in den Hintergrund. Zwanzig Vertretungen beriethen über des Reiches Wohl und Wehe; konnte dem gegenüber etwas Anderes zur Geltung kommen? Noch klingen in unseren aufmerksam lauschenden Ohreu die Reden, die wir zu hören bekamen, glänzende Reden hier, glänzende Reden dort; aber ach, neue Zerwürfnisse hier, neue Zerwürfniste dort, unglückselige Zerwürfnisse überall! Immer größer, immer greller wird der Mißklang des Haders —- und das Ende ist unabsehbar. Der tiefe Schmerz, den der denkende Bürger empfinden muß, ob des elendlichen Zustandes, in dem wir fortvegetiren müssen, und ob des grenzenlosen Jammers, an dem wir laboriren, trifft uns Juden ebenso empfindlich, alö einen jeden Andern. Doch bereiten uns die abnormen Verhältnisse noch einen besondern Schmerz. Nirgends im Reiche genießen wir die volle Gleichberechtigung. In der ungarischen Hälfte sind wir noch immer nicht im Besitze der politischen Rechte, weil die Gesetzgebung, die zn wiederholten Malen, bei feierlichen Anlässen erklärte, sie wolle alle Schranken, die den Inden von seinem christlichen Bruder trennen, niederreißen, nicht in die Lage kommt, Gesetze zu kreiren. Und hier, diesseits der Leitha, erfreuen wir uns in der That einiger Rechte, ohne aber dieselben vom Gesetze gewährleistet zu wissen! ׳ Und ach, wie Noth thäte auch uns cisleithanischen Juden ein Gesetz, das uns endlich unser volles Recht verleihen und dem gegenwärtigen abnormen Zustande ein Ende machen würde. Denn abnorm ist eS doch, datz,; während alle Vertretungskörper Juden zu ihren Mitgliedern zahlen, wir anderseitig fortwährend Beschränkungen erleiden. Waö hilft uns unsere ohnehin auf das Minimum reduzirte G ״ mei ad e- Autonomie, wenn man dort, wo die einzig gesetzliche Vertretung der Gemeinde bereits gesprochen Hat, noch i nsbesondere eine reaktionäre Clique zu Worte. kommen läßt, und diesen Worten sogar geneigteres Gehör schenkt, als den begründeten Vorstellungen der legalen Vertretung? Und ist es keine Beschränkung, wenn man uns zum Richteramte und zn Statsämtern überhaupt noch immer nicht zuläßt, und wenn es der jüdische Jurist selbst in Wien, wo

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